Die Streetworkerin: Schöne Jungfer - DER SPIEGEL
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Die Streetworkerin Schöne Jungfer

Kann man eine Straße lieben? Katharina, 24, schafft's: Die Studentin kämpft für die Zukunft der Edelläden an Hamburgs attraktivstem Boulevard - in einem kleinen Hinterzimmer.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mag sein, dass blonde Studentinnen von 24 Jahren gewöhnlich nicht ihr Herz an eine einzelne Straße verlieren. Katharina Poth aber liebt den Jungfernstieg, Hamburgs Flaniermeile an der Alster: "Hier bin ich zu Hause." Trifft sich gut, denn seit drei Monaten ist die Hamburgerin Geschäftsführerin der Interessengemeinschaft Jungfernstieg, eines Zusammenschlusses von Einzelhändlern, Anwälten und Hoteliers mit ausgeprägtem Selbstvertrauen. Deren oft weit auseinander strebenden Wünsche muss sie nun zwei Jahre lang ausbalancieren - immer mittwochs, wenn die Kulturwissenschaftsstudentin nicht auf ihre Professoren hören muss.

Denn der traditionsreiche, aber mit den Pavillons aus den siebziger Jahren verstellte Boulevard am Kopfende der Hamburger Alster soll für immerhin 14 bis 16 Millionen Euro aufgerissen und von der Häuserfront bis zur Wasserkante umgebaut werden - zu einem Schmuckstück der Hansestadt, "Unser Jungfernstieg soll leben", wie der Werbespruch auf den Plakaten verkündet. Ein kompliziertes Mammutprojekt, das der ältlichen Jungfer nach einem Entwurf des Hamburger Architekten André Poitiers neuen Glanz bringen soll.

"Der ideale Studentenjob"

Doch die Ladenbesitzer haben Angst, dass Bagger und Baustaub ihnen das Geschäft vermiesen, und wollen mit Baustellenpartys oder Modenschauen dagegenhalten. "Das muss ich organisieren", sagt Katharina Poth. Mit dem Umbau selbst hat sie nichts zu tun. Trotzdem muss sie sich auskennen im Geflecht der Bauträger, um die passenden Ansprechpartner zu finden.

Geschäftsführer: Das klingt nach Dienstwagen, Hotel und weiten Reisen. Doch davon ist nichts zu sehen. Sie tippt auf einem ausrangierten Computer in einem schmucklosen Büro im Traditionskaufhaus Alsterhaus. Mit dem Waschbecken in der Ecke erinnert der Raum eher an eine Abstellkammer. Demnächst kommen immerhin die ersten eigenen Visitenkarten.

Trotzdem: "Es ist der ideale Studentenjob." Denn die Budgets sind für einen Vollzeit-Quartiermanager oft zu knapp. Immerhin 400 Euro monatlich kassiert die Studentin dafür, dass sie einmal in der Woche für zehn Stunden in ihrem Chefbüro erscheint, um Bettelbriefe zu schreiben, zu telefonieren und Besucher zu empfangen.

Besuche von Wichtig-Wichtig-Männern

Da Geschäftsführer gewöhnlich eine Menge Geld verwalten oder weil das zumindest alle glauben, kommen zu Katharina Poth gelegentlich Menschen in dunkelgrauen Anzügen. Die wollen dann was verkaufen und schieben zu dem Zweck Visitenkarten über den Schreibtisch und reden über "selektive Kundenmanipulation", "database", "red link" und "mind wrapping", bis es einem ganz schwindelig wird von diesem "hot stuff!". Klar, "die Minimallösung kostet 10.000 Euro". Zum Lächeln der Geschäftsführerin gehört die passende Antwort: "Sie machen ein gutes Angebot."

Wenn es eine Hitliste der wichtigsten persönlichen Eigenschaften für den Job gibt, gehört Diplomatie ganz nach oben. Denn entscheiden darf Katharina Poth fast nichts. Stattdessen soll sie Ideen sammeln. "Ich bin Interessenmanagerin", sagt Poth. Sie muss herausfinden, was konsensfähig ist, und um Mitarbeit werben, weil "jede Interessengemeinschaft nur so gut ist wie ihre Mitglieder".

Um die zu mehren, wird sie in den nächsten Monaten noch ein paar Werbegespräche führen müssen. Doch das fällt ihr leicht. Im Ernstfall reiht sie Argumente aneinander, die dann wie Kugeln aus einem Schnellfeuergewehr herausschießen. Kann sein, dass die Worte im Kopf der Gesprächspartner manchmal nachhallen müssen, bis die sie verstanden haben. "Die ist tough und hat Power", urteilt jedenfalls der Geschäftsführer des verwandten Vereins Lebendiger Jungfernstieg.

Noch ein Semester bis zum Examen

Etwa 80 Gemeinschaften gibt es allein in Hamburg, die sich um mehr Bäume oder weniger Müll, um Straßenfeste, Parkplatzprobleme oder Kriminalität kümmern. Verliebt in irgendeine Straße muss dazu niemand sein. Aber Kontakte und ein paar gute Gedanken über attraktive Städte helfen.

Katharina Poth hat ihre Magisterarbeit über Kooperationen in der Hamburger Innenstadt geschrieben - das war wie eine Bewerbung um den Geschäftsführerinjob. Durch ihre Recherche kannte sie wichtige Leute rund um den Jungfernstieg. Ein Semester braucht sie noch bis zum Examen im Kulturwissenschaftsstudium an der Universität Lüneburg, das Betriebswirtschaft, Kulturgeografie und Tourismusmanagement umfasst. Wie es mit den Jobs dann weitergeht, ist noch unklar. Doch als Lebensaufgabe mag Poth die Arbeit zwischen allen Stühlen ohnehin nicht begreifen: "Immer gegenanreden, das kann man nicht mehr als zwei Jahre machen."

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