E-Learning: Wenn eine CD-Rom den Lehrer ersetzt - DER SPIEGEL
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E-Learning Wenn eine CD-Rom den Lehrer ersetzt

Nach der Babypause ist die Rückkehr in den Job oft schwierig. Potentielle Arbeitgeber fürchten, die Bewerberin habe den Anschluss verpasst. Um während der Kinderbetreuung auf dem neuesten Stand zu bleiben, ist Fernunterricht via Internet ein Ausweg.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Leben zwischen Küche, Windeln und Babybrei war Katja Holstein-Gußmann nicht genug. Nach sieben Jahren Erziehungsurlaub wollte die Diplom-Bibliothekarin aus Gundelfingen wieder in den Job einsteigen. "Aber ich war nicht mehr auf dem neuesten Stand", erinnert sich die zweifache Mutter. Aus der Fachpresse erfuhr sie von "E-Learning", Lernen via Internet. Da gab es Kurse wie "Fokus Kunde", "Fokus Jugend" oder "Internet für Bibliothekare". Wenn die Kinder im Kindergarten oder im Bett waren, setzte sich die 39-Jährige an den Computer. "Da hab ich mich richtig reingekniet", sagt Holstein-Gußmann.

In Zeiten hoher Arbeitslosigkeit und technischen Fortschritts sei lebenslanges Lernen immer wichtiger, sagt Michael Vennemann von der Staatlichen Zentralstelle für Fernunterricht (ZFU) in Köln: "Die Nachfrage nach berufsbegleitendem Lernen von zu Hause aus steigt." Die ZFU entscheidet über die Zulassung privater Fernlehrgänge und veröffentlicht zusammen mit dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) jährlich einen "Ratgeber für Fernunterricht".

Auf 50 Seiten finden Interessierte hier nützliche Informationen sowie eine Liste aller Unterrichtsmodule von A wie Animationsfachkraft bis Z wie Zerspanungstechniker. Im Trend liegen Weiterbildungen im wirtschaftlichen, kaufmännischen und steuerrechtlichen Sektor. Auch Schulabschlüsse stünden hoch im Kurs. Überraschenderweise würden Angebote im EDV-Bereich neuerdings weniger nachgefragt, sagt Vennemann.

Die Lehrgänge können je nach Umfang, Qualifizierung und erwünschtem Abschluss vier Monate bis mehrere Jahre umfassen. Die Kosten liegen im Schnitt zwischen 50 und 300 Euro im Monat, können aber durchaus auch höher sein. "Die Preise richten sich häufig danach, wie viel Präsenz angeboten wird", so Vennemann. Sprich: Gibt es Wochenendseminare, prüfungsvorbereitende Kurse oder Telefonberatung, ist der Aufwand für die Anbieter größer - dementsprechend werden die Kurse teurer. "Je höher die Ziele, desto größer muss der Sachverstand sein", erläutert Vennemann. Allerdings sei es wichtig, Angebote und Preise zu vergleichen.

"Wirtschaftliche Umbrüche erfordern Flexibilität"

Wenn sich das Klassenzimmer in die eigenen vier Wände verlagert, ersetzen Skripte, Hörkassetten, Videos und CD-ROM den Lehrer. Moderne Kommunikationstechnik hält Einzug ins Wohnzimmer. Immer mehr Fernlehrinstitute bieten Lerneinheiten via Internet an und gestalten Online-Studienzentren. "In meinem Fall waren die Lerninhalte mit den Bibliotheken verlinkt", sagt Katja Holstein-Gußmann, die das Angebot des "ekz.bibliotheksservice" genutzt hat. "Dadurch konnte ich nachvollziehen, wie die Theorie in die Praxis umgesetzt wird."

Laut Statistik des Fachverbandes für Fernlernen und Lernmedien, "Forum DistancE-Learning", erweiterten im Jahr 2003 knapp 200 000 Menschen in Deutschland ihre Fachkenntnisse mit E-Learning-Programmen. Interessierte können zwischen mehr als 2000 staatlich zugelassenen Fernlehrgängen von über 300 Anbietern wählen. Dazu kommen mehr als 40 Hochschulen mit Fernstudiengängen. Die meisten Teilnehmer sind zwischen 25 und 40 Jahre alt, 48 Prozent sind Frauen.

"Die Teilnehmer gehen mit unterschiedlicher Motivation an den Unterricht heran", sagt Burkhard Lehmann, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Fernstudium. Einige wollten die Karriereleiter hinaufklettern, andere Anpassungsqualifikationen innerhalb des Betriebes erwerben oder einen Neueinstieg in eine andere Branche wagen. "Wirtschaftliche Umbrüche erfordern Flexibilität. Oft reicht eine einzige Ausbildung für den Arbeitsmarkt nicht mehr aus", betont Lehmann.

Der Experte empfiehlt Interessierten, sich bei der Auswahl von Lehr- und Studiengängen über Themen und Abschlüsse zu informieren. "Die Teilnehmer sollten außerdem einkalkulieren, wie viel Zeit sie neben ihrem Beruf für den Unterricht haben und ob ein Fernstudium überhaupt die geeignete Form ist." Denn nicht jeder könne sich ohne Lehrer und Klassenverband motivieren.

Für Katja Holstein-Gußmann war das häusliche Lernen kein Problem: "Die Themen haben mich interessiert. Ich war froh, nach der Erziehungszeit wieder etwas für meinen Kopf zu tun." Sie bestand alle Prüfungen mit "sehr gut" und überzeugte bereits im ersten Vorstellungsgespräch. Ihr neu erworbenes Wissen kann die Bibliothekarin heute als Leiterin einer Mediathek im Nachbarort Denzlingen anwenden. Holstein-Gußmann: "Ich kann den Fernunterricht nur weiterempfehlen. Es erweitert den Horizont, man bekommt neue Ideen."

Ulrike Steinbach, ddp