Endlagerforscher: Strahlende Zukunft - DER SPIEGEL
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Endlagerforscher Strahlende Zukunft

Aussichtsreiche Studiengänge sind eine Spezialität der Technischen Universität Clausthal. Nun bildet die Harz-Hochschule sogar weltweit die ersten Endlagerforscher aus - sie fahnden nach der sichersten Müllkippe für radioaktiven Abfall und haben beste Job-Perspektiven.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wo liegt die einzige Universität Deutschlands, an der es nur Wintersemester gibt? In Clausthal-Zellerfeld, im kargen Oberharz. Dort, 600 Meter über dem Meeresspiegel, versinken die Fichtenwälder häufig selbst dann noch im Schnee, wenn woanders längst der Frühling begonnen hat.

Solchen Spott gibt es reichlich für die wohl abgelegenste Hochschule der Republik, die Technische Universität (TU) Clausthal. Kein Wunder, schließlich gilt die Region, 75 Kilometer südöstlich von Hannover, traditionell als Freizeit- und Urlaubsrevier. Hier kommt hin, wer Ski laufen, wandern oder Mountainbike fahren will.

Wer in Clausthal-Zellerfeld studiert, muss deshalb entweder ein Naturfreak sein - oder er hat sich vom guten Ruf der Hochschule und den glänzenden Perspektiven für die Absolventen überzeugen lassen. Rund 3000 Studierende lernen in der Kleinstadt mit gerade einmal 15.000 Einwohnern. Bei angehenden Ingenieuren ist der Ort schon traditionell ein Geheimtipp. Innovative Studiengänge, die gute Berufschancen bieten, sind eine Spezialität der Harz-Hochschule.

Seit vergangenen Herbst gibt es in Clausthal-Zellerfeld sogar einen Studiengang, der weltweit wohl einmalig ist: der Master-Studiengang "Management radioaktiver und umweltgefährdender Abfälle". In vier Semestern werden Geowissenschaftler, Bauingenieure, Physiker oder Chemiker zu "Endlagerforschern" ausgebildet - und auf die Absolventen wartet wahrlich eine große Aufgabe: Ob in China, Deutschland oder den USA, überall auf der Welt produzieren Atomkraftwerke gefährlichen, radioaktiven Müll. Wohin damit?

Erst in 10 bis 15 Jahren dürften die ersten Endlager für hochradioaktives Material in Betrieb gehen, gebaut womöglich mit tatkräftiger Unterstützung der neuen Experten aus dem Oberharz. "Die Entwicklung schafft in dem Berufsfeld auf Dauer sichere Arbeitsplätze", da ist sich Professor Kurt Mengel, Leiter des Instituts für Endlagerforschung, sicher.

"Wir konzentrieren uns auf dieses Kerngeschäft"

Bodenschätze wie Silber, Blei, Zink und Kupfer begründeten einst den Ruf der Region als Zentrum des Bergbaus. Entsprechend hat die heutige Technische Universität 1775 als Bergbauschule begonnen. Vor dem Hauptgebäude im Ortszentrum, direkt neben dem Rathaus, erinnert eine Hydraulikpumpe mit einem großen Schwungrad von 1929 an die traditionellen Stärken der Hochschule: naturwissenschaftliche Studiengänge, Maschinenbau, Verfahrenstechnik.

In den vergangenen Jahren hat sich die Hochschullandschaft in Niedersachsen gewandelt. "Das ursprüngliche Institut für Mineralogie wurde geschlossen", berichtet Geologe Mengel, der entspannt in seinem Büro im zweiten Geschoss des verwinkelten Hauptgebäudes sitzt. Das freilich, findet er, sei kein Schaden gewesen. "Wir haben uns schon damals intensiv mit der Frage befasst, welches Gestein am besten für die Lagerung radioaktiver Abfälle geeignet ist", sagt er. "Nun konzentrieren wir uns ganz auf dieses Kerngeschäft."

Auf den Fluren stehen noch immer etliche Stahlschränke mit Hunderten von Gesteinsproben, die Mineraliensammlung des früheren Instituts. Doch in den Hörsälen geht es längst nicht mehr nur um Steine. Das neue Institut wurde verstärkt durch Professor Klaus-Jürgen Röhlig, und der ist Mathematiker. Der Spezialist für numerische Modellierung wechselte aus der Wirtschaft an die Hochschule. Lange war er bei der Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit in Köln beschäftigt, die unter anderem Forschungsaufträge für die Bundesregierung abwickelt.

Mit seiner Biografie ist der schmale Brillenträger Röhlig kein Exot im Lehrbetrieb des Instituts. Etliche der rund zwei Dutzend Dozenten kommen aus der Privatwirtschaft. Meist in Blockvorlesungen sprechen sie über Themen wie "Numerische Simulation in der Langzeitsicherheitsanalyse", "Endlagerrelevante Gesteine" oder "Strahlungsphysik und Strahlenschutz". Die Vorlesungen wechseln sich mit Arbeiten im Labor oder Exkursionen ab.

Auf der Suche nach der sichersten Müllkippe der Welt

Während die meisten Institute der TU längst auf einem Campus am Rand der kleinen Stadt untergebracht wurden, arbeiten die Endlagerforscher im Hauptgebäude im Zentrum. Und dort geht es familiär zu. "Das Curriculum jedes Bewerbers besprechen wir bei Kaffee und Kuchen", verspricht Institutsleiter Mengel. Das Ziel: Je nach Vorbildung und Interessen soll jeder Anfänger eine maßgeschneiderte Ausbildung bekommen. Deshalb gibt es neben einem verpflichtenden Programm etliche Komplementärmodule. "Ein Physiker hat natürlich andere Grundlagen als ein Bauingenieur", sagt Mengel. "Und ein stimmiges Konzept ist wichtiger als gute Noten der Bewerber."

Einer der ersten Studenten ist Zhang Li, ein 23-jähriger Chinese aus Chongqing. Durch ein spezielles Austauschprogramm zwischen der TU und seiner chinesischen Hochschule kam er in den Oberharz. In seiner Heimat würden zwar etliche Reaktoren geplant, erzählt er, doch Endlagerforschung könne er dort nicht studieren: "Das wird noch nirgendwo angeboten." Das Studium findet er denn auch "sehr interessant", doch der kleine Hochschulort sei ein wenig wunderlich: "Ich komme aus einer Millionenstadt. Da hatte ich so etwas nicht erwartet", gesteht er.

"Zu arrogant und technikgläubig"

Einsam muss sich der chinesische Student trotzdem nicht fühlen. Über 700 Asiaten haben sich an der TU eingeschrieben, prägen längst auch das Stadtbild. Dabei, so scheint es, geht es auf den Straßen Clausthal-Zellerfelds ohnehin internationaler zu als in mancher traditionellen Studentenhochburg.

Auch das neue Institut hat sich auf die Studenten aus Fernost eingestellt: Im Internet etwa gibt es ein spezielles deutsch-chinesisches Wörterbuch für Fachbegriffe aus den Geowissenschaften. Die Vorlesungen werden allerdings auf Deutsch gehalten - vorerst. "Wenn die Mehrheit der Studierenden will, werden wir auf Englisch umstellen", kündigt Mengel an, "schließlich wird in dem Berufsfeld ohnehin in dieser Sprache gesprochen."

Ungewohnter als die Sprache dürfte für Li und seine internationalen Kommilitonen ohnehin eher sein, dass es im neuen Studiengang nicht nur um die technischen Probleme einer sicheren Endlagerung geht. "Uns sind auch Fragen der Genehmigung, Kommunikation und Energiepolitik wichtig", sagt Mengel, "in der deutschen Endlagerdebatte ist ja vor allem auch deshalb so viel schiefgegangen, weil Behörden und Wissenschaftler zu arrogant und technikgläubig waren."

Gerade vor diesem Hintergrund liegt der Standort der neuen Endlagerforscher ideal, gibt es doch nirgendwo so viele Anschauungsobjekte wie in Niedersachsen (siehe Karte). Das alte Forschungslager Asse etwa liegt quasi vor der Haustür. Dort wurde schon in den siebziger Jahren strahlendes Material gebunkert.

"Selbst bei Atomausstieg muss Abfall sicher gelagert werden"

Allerdings kam kürzlich heraus, dass die Grube mit radioaktiver Salzlauge verseucht ist; sie soll geschlossen werden. Nicht weit ist es auch zum Schacht Konrad, der in den kommenden Jahren zu einem Endlager für mittel und schwach radioaktive Stoffe ausgebaut werden soll. Und selbst der Salzstock in Gorleben ist aus dem Harz schnell zu erreichen.

"Von unserer Arbeit soll ein Impuls für die deutsche Endlagerdebatte ausgehen", verkündet Röhlig selbstbewusst. Vorerst aber hat vor allem sein Arbeitsplatz Diskussionen ausgelöst: Es handelt sich nämlich um eine Stiftungsprofessur, die sieben Jahre lang von der Gesellschaft für Nuklear-Service (GNS) finanziert wird. Weil die GNS in Besitz von Kernkraftunternehmen der großen deutschen Stromkonzerne ist, fürchten Atomkraftgegner eine Einflussnahme der Industrie auf Forschung und Ausbildung.

Dabei müsse man keineswegs ein Kernkraftbefürworter sein, um das Fach zu studieren, sagt der Professor. "Zwei Drittel des für Deutschland erwarteten radioaktiven Abfalls ist ohnehin bereits vorhanden. Und selbst bei einem Ausstieg aus der Atomenergie muss der ja sicher untergebracht werden, da muss man kritisch rangehen."

Kaum Nachtleben, keine Ablenkung für die Studenten

In Clausthal-Zellerfeld gibt es nur wenig, was die Studierenden von ihrer Arbeit ablenken könnte, das Nachtleben in der Provinz hat seine Grenzen. Mitunter nehmen die Studenten die Dinge selbst in die Hand. Als vor zwei Jahren etwa das einzige Kino im Ort Insolvenz anmeldete, übernahm der AStA die Einrichtung und bietet seither ein Programm für die gesamte Bevölkerung an. Zur Finanzierung des Projekts zogen sich Studierende für einen Aktkalender aus - was bundesweit für Schlagzeilen sorgte.

Dem stehen die Vorteile einer überschaubaren Hochschule gegenüber: günstige Lebenshaltungskosten und eine intensive Betreuung. Auf technische Fortschritte ist man hier stolz. So beteiligt sich die Uni an einem EU-Projekt zu Online-Vorlesungen.

In einem multimedialen Hörsaal sollen Dozenten und Studierende künftig mit Kommilitonen in Prag, Madrid und Nancy diskutieren können - auf der Suche nach der sichersten Müllkippe der Welt.

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