Fluthilfe Der Elefantendoktor von Aceh
Der Elefantenbulle klemmt das schwere Holzgestell zwischen Stoßzähne und Rüssel, wuchtet es mühelos hoch und schleppt es zu einem großen Haufen aus Müll und Schutt. Medang, so der Name des grauen Riesen, ist einer von acht Arbeitselefanten, die seit vier Monaten in der vom Tsunami verwüsteten Region Banda Aceh auf der indonesischen Insel Sumatra Aufräumarbeit machen.
Tierärztlich betreut werden die Tiere von dem Veterinärmediziner Christopher Stremme. In den Trümmerfeldern laufen die Elefanten auf Nägeln und Glasscherben herum. Stremme versorgt Tag für Tag die Wunden, die sie sich dabei reißen.
Wochenlang hatte er im vergangenen Jahr auf sein Visum für Indonesien warten müssen: Der Arzt von der Tierärztlichen Hochschule Hannover wollte für seine Doktorarbeit Elefanten der Sumatra Elephant Foundation untersuchen. Deren Camps liegen zum Teil in der Bürgerkriegsprovinz Aceh, die für Ausländer seit Mai 2003 geschlossen war. Schließlich erhielt der DAAD-Stipendiat zwar eine Arbeitsgenehmigung, die Grenze nach Aceh durfte er aber nicht überqueren.
Jeden Tag ein Lieferwagen Futter
Doch dann kam am 26. Dezember 2004 der Tsunami. Die Arbeitselefanten im nördlichsten Camp der Sumatra Elephant Foundation wurden in die Region geholt, um beim Aufräumen zu helfen. Bereits drei Tage nach der Katastrophe zogen die ersten Dickhäuter Autos, Baumstämme und Betonklötze aus dem Schlamm. "Ich dachte sofort an die Verletzungen, die sie sich in den Trümmern holen. Für mich war klar, dass ich dort hinfahren und helfen musste", sagt Stremme.
Nach dem Tsunami: Der Elefantendoktor von Aceh
"Was wir hier machen, ist Primitivmedizin, aber besser als gar nichts", sagt er. Immerhin ist die Situation inzwischen auch für die Tiere etwas besser als in den Tagen nach der Todeswelle, als Wasser und Nahrung knapp waren. Ein Elefant frisst täglich 180 Kilo Grünzeug und trinkt mehr als 100 Liter Wasser.
Durch einen Spendenaufruf bekam der Veterinär genug Geld zusammen, um das Überleben seiner Schützlinge für die ersten Wochen zu sichern. Jeden Tag holte er einen Lieferwagen voll Kokospalmenblätter, Bananenstauden und Zuckerrohr - und gleich dazu Essen für die Elefantenpfleger.
Tiere haben es Christopher Stremme seit seiner Kindheit angetan. Bereits als Grundschüler ging er so oft wie möglich in den Zoo - am liebsten allein, weil niemand so lange wie er an einem Gehege verweilen wollte.
So stand sein Berufswunsch fest. Da der Numerus clausus für Tiermedizin zu hoch für ihn lag, absolvierte der heute 38-Jährige zunächst eine Ausbildung zum Tierpfleger, bis 1991 dann seine Wartesemester reichten. Während des Studiums jobbte Stremme im Elefantenrevier des städtischen Zoos. Seitdem gehört sein Herz den sensiblen Riesen.
Mit dem Arm im Darm
2002 reiste Stremme zum ersten Mal nach Sumatra. Rund 500 Arbeitselefanten leben auf der tropischen Insel; ihre wilden Artgenossen sind durch die unkontrollierte Abholzung der Wälder vom Aussterben bedroht. Danach entwickelte der Tierarzt die Idee für seine Doktorarbeit, die den sperrigen Titel trägt: "Bioverfügbarkeit von Ivermectin und Amoxicillin nach rektaler Applikation beim Asiatischen Elefanten".
Elefanten reagieren sehr empfindlich auf Spritzen, häufig bilden sich Abszesse. Mischt man aber die Medikamente ins Futter, fressen sie nicht. Einfacher ist es, ihnen das Medikament rektal einzuführen, Wirkung und Dosierung sind jedoch erst wenig erforscht. Für die nötigen Testreihen räumt Stremme den Tieren zunächst den Kot aus dem Darm, bevor er die Medizin hineinschiebt. Dabei steckt er mit dem Arm bis zum Anschlag im After der bis zu 4,7 Tonnen schweren Kolosse.
"Am Anfang fanden sie das ein bisschen komisch. Aber nach ein paar Mal haben sie sich daran gewöhnt. Die Bullen finden es manchmal sogar stimulierend", erzählt der Doktorand. Die Elefanten von Banda Aceh boten gleich ein gutes Fallbeispiel: Auch ihnen schob Stremme Antibiotika in den Hintern. "In Asien habe ich gelernt, was realistisch ist", erzählt er. "Da geht es nicht um die Diskussion, ob es sinnvoll ist, Elefanten in Gefangenschaft zu halten. Sondern darum, wie man sie am Leben erhält."