Hochbezahlte US-Absolventen: Geld verdirbt die Gesellschaft - DER SPIEGEL
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Hochbezahlte US-Absolventen Geld verdirbt die Gesellschaft

In den USA machen Studenten inzwischen mehr Schulden als Kreditkartenbesitzer. Wenn sie ihren Abschluss haben, wollen sie deswegen schnell viel Geld verdienen. Der Finanzmarkt profitiert davon - im öffentlichen Dienst aber fehlen bald die klügsten Köpfe, fürchten Experten.
Hohe Verschuldung von US-Studenten: Viel gelernt und noch mehr investiert
Hohe Verschuldung von US-Studenten: Viel gelernt und noch mehr investiert

Hohe Verschuldung von US-Studenten: Viel gelernt und noch mehr investiert

Foto: Davis Turner/ dpa
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Mittags im Babel der Superhirne. Im "Forum" der Harvard Kennedy School tummelt sich die künftige Denkerelite. Studenten diskutieren in allen Sprachen, brüten vor Laptops und Papieren oder treffen sich zum Essen. Der Treffpunkt in der Kleinstadt Cambridge, Massachusetts, gehört zum Hochbegabten-Mekka Harvard, der reichsten Universität des Landes. Wer es bis hierhin schafft, hat es geschafft.

"Unser Job ist es, einen Kader von Studenten zu kreieren, der gerüstet ist, die Probleme dieser Welt anzugehen", sagt Politikprofessor Jack Donahue. Doch gerade das wird ein Problem: Während Amerikas Elite-Unis in die Politiker und Erfinder von morgen investieren, zieht der Finanzmarkt die fähigsten Köpfe ab. Wall Street statt Weißes Haus, heißt die Devise für immer mehr Akademiker. Viele Top-Absolventen haben natürlich immer schon gern gutes Geld verdient. Aber weil Studieren in den USA immer teurer geworden ist, streben viele Studenten stärker als zuvor nach einem guten Gehalt. Experten warnen vor Amerikas "Brain Drain".

"Ich möchte mal in die US-Außenpolitik", sagt der Kalifornier Graham Walters. Er ist damit ein Student, wie ihn die Kennedy School für Politik sich wünscht. Seit ihrer Gründung vor 75 Jahren verfolgt die renommierte Harvard-Institution nämlich das Ziel, Nachwuchs für den öffentlichen Dienst auszubilden. Erst recht in Zeiten der Weltwirtschaftskrise.

US-Studenten mit einer Billion Dollar verschuldet

"Die schlimmsten Zeiten sind auch die besten für uns", sagt Politologe Donahue. "Denn sie bedeuten, dass wir bessere Chancen haben, etwas zum Krisenmanagement beizusteuern." Harvard-Vorbilder wie die Präsidenten John F. Kennedy oder Barack Obama haben vorgemacht, wie das geht. Doch immer weniger Elitestudenten können sich diesen Traum leisten: Rund 60.000 Dollar kostet er im Jahr. Trotz zahlreicher Stipendien sind am Ende Schulden von rund 200.000 Dollar (150.000 Euro) keine Seltenheit.

"Der Schuldenberg, auf dem amerikanische Studenten sitzen, ist erstmals höher als die Kreditkartenschulden der ganzen Nation", sagt der renommierte Essayist Eliot Weinberger. Wirtschaftsexperten der New Yorker Notenbank und anderen Institutionen haben projiziert, dass US-Studenten bis zum Jahresende erstmals mit über einer Billion Dollar verschuldet sein werden. "Gute Bildung ist in diesem Land so teuer geworden, dass die, die Hunderttausende Dollar dafür ausgeben, schnell viel Geld machen müssen, um ihre Schulden zu bezahlen", sagt Weinberger.

Die Wall Street beispielsweise buhlt um die Besten der Besten. So begann Ingenieursanwärter Andreas gerade sein zweites Jahr in Harvard, als die Investmentbank Goldman Sachs ihn und seine Mitstudenten mit einer Einladung überraschte. "Sie wollten uns kennenlernen", erzählt Andreas. "Die haben allen Studenten Flug, Unterbringung und Verpflegung in New York gezahlt." Eine ganzen Tag habe es Gespräche und Einführungen gegeben, in denen die Banker von der Wall Street vor allem eine Botschaft aussandten: "Die wollen die brillantesten Köpfe der Uni - ganz gleich, ob Musiker, Ingenieure oder Betriebswirtschafter. Die wollen einfach all die Leute, die am Besten denken können."

Und genau die fehlten dann dort, wo Lösungen gefragt seien, um das Land wieder nach vorn zu bringen, befürchtet Politikwissenschaftler Jacob Hacker. "Der Brain Drain an der Spitze unserer Institutionen macht mir große Sorge", sagt der Direktor des politischen Instituts der Eliteuniversität Yale. Kluge, kreative Menschen würden mit Anreizen in die Finanzwelt gelockt. "Mir wäre es lieber, diese jungen Leute würden innovative Produkte entwickeln als schicke Derivate und andere riskante Geschäfte, die Investoren erlauben, ganz schnell viel Geld zu machen, ohne dass unsere Wirtschaft daraus einen Nutzen zieht."

Viele Topuniversitäten arbeiten gegen diesen Trend an. Mit Vergünstigungen etwa, wenn sich Studierende nach ihrem Abschluss verpflichten, für eine gewisse Zeit in den öffentlichen Dienst zu gehen. Oder mit Programmen, die den Studenten einen Wechsel vom öffentlichen in den privaten Sektor erleichtern. "Wir sind schon froh, wenn unsere Studenten eine Zeit lang fürs Gemeinwohl arbeiten", sagt Harvard-Professor Donahue. "Wenn sie wissen, dass sie eines Tages bei McKinsey arbeiten können, wenn sie für die Ausbildung ihrer eigenen Kinder zahlen müssen, sind sie vielleicht bereit, vorher für eine gewisse Zeit in eine Regierungseinrichtung zu gehen."

Von Antje Passenheim, dpa / fln