Interview Lohnt es sich noch zu studieren?
SPIEGEL ONLINE:
Jeder Dritte junge Deutsche mit Abitur beginnt nach der Schulzeit ein Studium. Gleichzeitig ist eine Viertelmillion hoch ausgebildeter Menschen in Deutschland ohne Job. Führt ein Studium heute in die Sackgasse der Arbeitslosigkeit?
Franziska Schreyer: Im Gegenteil. Mit einer Arbeitslosenquote bei Hochschulabsolventen von nur 2,6 Prozent im Jahr 2000 in konnte man in Westdeutschland bei Akademikern von Vollbeschäftigung reden. Neuere Quoten gibt es wegen Datenproblemen noch nicht. Die Arbeitslosigkeit von Menschen mit Uni- oder Fachhochschulabschluss ist aber gestiegen.
SPIEGEL ONLINE: Die Rezession erreicht die Eliten. Wie schlimm ist die Lage?
Schreyer: Im September 2001 haben wir 180.000 Menschen mit Hochschulabschluss als erwerbslos registriert, im September 2002 rund 224.000. Das ist ein überdurchschnittlicher Anstieg von 24 Prozent. Dieser negative Trend hält an. Aber man darf das auch nicht überdramatisieren. Gestiegen ist nämlich nicht nur die Zahl der Arbeitslosen, sondern zumindest auch der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Arbeitnehmer.
SPIEGEL ONLINE: Pessimisten warnen von einer verlorenen Generation von Akademikern, die jetzt mit dem Studium fertig werden und den Berufseinstieg nicht schaffen. Muss man Abiturienten vom Studium abraten?
Schreyer: Akademiker sind die privilegierteste Gruppe am Arbeitsmarkt. Sie haben das niedrigste Risiko, arbeitslos zu werden. Akademikerarbeitslosigkeit ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr zu einem Problem der Älteren geworden. In jüngerer Zeit traf es aber erstmals die Jüngeren wieder stärker. Gut ein Viertel der Arbeitslosen mit Hochschulabschluss ist jünger als 35. Das ist für die Betroffenen, aber auch bildungsökonomisch schwierig - ein Studium kostet ja auch viel Geld.
SPIEGEL ONLINE: Wer Pharmazie studiert, hat als Apotheker ausgesorgt, hieß es früher. Gibt es noch Studienfächer mit Job-Garantie?
Schreyer: Wenig Schwierigkeiten, eine Arbeit zu finden, haben derzeit Humanmediziner und Lehrer für Grund-, Haupt- und Berufsschulen. Die anderen Studienfächer haben mehr oder weniger große Probleme: Angesichts der vergangenen Boomjahre relativ schlimm trifft es die Informatiker, da macht sich die IT-Krise stark bemerkbar. Betriebswirtschaftler, früher ein krisenresistentes Fach, spüren die Krise in der Wirtschaft nun auch. Architekten und Bauingenieuren haben schon seit Mitte der neunziger Jahre Arbeitsmarktprobleme, und auch bei den Geisteswissenschaftlern ist der Weg in den Beruf nach dem Examen immer noch steinig.
SPIEGEL ONLINE: Wie sieht die Zukunft aus? Wird es wieder Zeiten geben wie in den sechziger Jahren, als Studenten schon vor Examen von der Uni abgeworben wurden, um den dringenden Bedarf an Arbeitskräften zu decken?
Schreyer: Auch in Zukunft werden Akademiker auf dem Arbeitsmarkt Vorteile haben. Unsere Informationsgesellschaft wird einen immer größeren Bedarf an anspruchsvollen Dienstleistungen entwickeln. Wir werden immer häufiger Menschen brauchen, die forschen, beraten, managen oder lehren. Für 2010 rechnen Prognostiker, das rund ein Drittel aller arbeitenden Menschen in der Bundesrepublik solche und andere Tätigkeiten mit hohen Anforderungen ausüben werden. Ab circa 2015 werden wir vorausichtlich sogar einen Mangel an Arbeitskräften mit Hochschulabschluss haben - darin sind sich die Prognostiker mittlerweile einig. Gute Aussichten also für junge Leute, die studieren wollen.
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