Jobwechsler Gut gegrummelt, Papiertiger
60 Prozent der deutschen Arbeitnehmer wollten "möglichst schnell" ihren Job wechseln, ließ die Jobbörse Monster vor einigen Tagen verlauten. Rund 14.000 Nutzer des Internet-Angebots hatten sich in einer Online-Umfrage entsprechend geäußert.
Klappern gehört zum Handwerk. Auch andere Stellenbörsen versuchen seit geraumer Zeit, sich mit solchen Meldungen ins Gespräch zu bringen - schließlich leben sie vom Geschäft mit dem Jobwechsel. So hatte im Februar der Monster-Konkurrent JobScout24 ausgemacht, dass immerhin "jeder Vierte" bis Ende des Jahres bei seinem Arbeitgeber lieber die Biege machen möchte.
Sitzt ein Großteil der deutschen Arbeitnehmer auf gepackten Aktentaschen? Bringt bald ein flächendeckendes Jobhopping die Unternehmenslandschaft ins Wanken? Wohl kaum. Die meisten der Möchtegern-Wechsler müssen nämlich noch ein Weilchen ausharren. Denn nur für eine geringe Minderheit von ihnen stehen derzeit statistisch gesehen überhaupt Jobs zur Verfügung.
Das zeigt ein einfaches Rechenmodell. Es geht davon aus, dass sich an einem bestimmten Tag tatsächlich alle Wechselwilligen um eine neue Stelle bewerben würden und dabei auf das derzeitige Angebot am Arbeitsmarkt zurückgreifen müssten. Die nachfolgende Fluktuation in Folge des massenhaften Wechsels bleibt unberücksichtigt.
Nur 900.000 offene Stellen
Grundlage des Zahlenspiels sind die letzten Angaben der Bundesagentur für Arbeit: Im Jahr 2004 waren rund 26 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Zum gleichen Zeitpunkt registrierte die Bundesagentur gut 300.000 offene Stellen.
"Auf der Grundlage einer früheren Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gehen wir davon aus, dass wir diese Zahl in der Regel verdreifachen müssen, um auf die Zahl der tatsächlich offenen Stellen zu kommen", sagt Bernhard Hohn, Arbeitsmarktexperte bei der Zentralstelle für Arbeitsvermittlung.
Grob geschätzt standen also rund 900.000 Stellen 26 Millionen sozialversicherungspflichtige Beschäftigte gegenüber. Theoretisch wechseln konnten zu diesem Zeitpunkt also etwa 3,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland. Geht man davon aus, dass - wie etwa Jobscout24 behauptet - 25 Prozent der Beschäftigten, also sechseinhalb Millionen Beschäftigte, wechseln wollten, so hätten nur für 14 Prozent der Wechselwilligen tatsächlich Stellen zur Verfügung gestanden.
Die Frage gibt die Antwort vor
"Bei diesen Rechnungen bleibt zudem unberücksichtigt, dass auch Arbeitslose mit wechselwilligen Beschäftigten um die offenen Stellen konkurrieren", sagt Hohn. Der Arbeitsmarktexperte nimmt Angaben über die angeblich hohe Wechselwilligkeit deshalb nicht besonders ernst: "Wären tatsächlich so viele Menschen auf aktiver Jobsuche, so hätten wir eine viel höhere Fluktuation und eine viel größere Dynamik auf dem Arbeitsmarkt. Ein solches Phänomen konnten wir bislang nicht feststellen."
Auch der Bochumer Eignungsdiagnostiker und Psychologieprofessor Heinrich Wottawa betrachtet derartige Umfragen mit großer Skepsis: "Je nachdem wie Sie fragen, bekommen Sie völlig unterschiedliche Ergebnisse. Die Aussage 'Ich würde bei einem sehr guten Angebot auch wechseln' werden die meisten bejahen. Anders sieht es hingegen beim Statement aus: 'Ich halte meine Stelle nicht mehr aus und arbeite Tag und Nacht daran, einen neuen Job zu finden'."
Passive Wechselbereitschaft, so sagt Wottawa, sei bei heutigen Arbeitnehmern der Normalfall. Das bedeute aber nicht, dass diese Beschäftigten sich tatsächlich häufig aktiv bewerben. Arbeitnehmer hielten heute permanent die Augen offen: "Der Arbeitgeber kann nicht mehr auf die Treue der Mitarbeiter bauen, gerade nicht der besonders guten Mitarbeiter."
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Der informelle Kontrakt zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern habe sich dramatisch geändert, sagt Wottawa: "Früher war ein Arbeitsverhältnis eine Art wechselseitiger Lebensentscheidung. Heute ist die Bindung auf beiden Seiten meist ungleich lockerer geworden."