Juniorprofessur statt Habilitation Die neue Freiheit
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Beim Weg nach oben wird an deutschen Hochschulen eine gebückte Haltung verlangt: Ausgebeutet wie ein Leibeigener, dient der wissenschaftliche Assistent Jahr um Jahr seinem Professor. Der Nachwuchsforscher ist schon ergraut, wenn sein Chef gnädig die Habilitationsschrift akzeptiert und damit die Aufnahme in die erlauchte Runde der Hochschullehrer gewährt. Die Horrorvision ist noch immer weit verbreitet, aber selbstbewusste Jungakademiker wollen diese Rolle nicht mehr übernehmen. "Jetzt noch mal sechs Jahre untergeordnet arbeiten? Nein." Der promovierte Philosoph Sebastian Luft, 31, will "die Ochsentour der Habilitation" nicht mitmachen. "Wenn man bei dem betreuenden Professor an einen tollen Typen gerät, kann es bestimmt von Vorteil sein, aber es soll ja auch echte Schleifer geben." Philosoph Luft will einer der Ersten sein, die in neuer Freiheit die Lehrstühle der Universitäten erobern. Er bewirbt sich um eine von 28 Stellen des "Pilotprojekts Juniorprofessur", die Anfang dieses Monats die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) ausgeschrieben hat. Die Berliner möchten den Vorreiter spielen bei der Modernisierung des maroden Systems, das die spät berufenen deutschen Professoren im internationalen Vergleich alt aussehen lässt und hoch qualifizierte junge Wissenschaftler abschreckt. Markige Statements aus Niedersachsen In ihrer "kreativsten Phase mit Ende 20 und Anfang 30" sollen die Juniorprofessoren "selbständig und unabhängig lehren und forschen" so das Bundesbildungsministerium (BMBF). Anfang nächsten Jahres soll das Projekt des BMBF im Zuge einer Dienstrechtsreform für die Hochschulen Gesetzeskraft erlangen doch schon jetzt überbieten sich Bildungspolitiker und Unis in ihrem Reformeifer. Die Uni Göttingen beansprucht wie die HU, die Erste unter den Modernisierern zu sein. Flankiert von kämpferischen Statements des niedersächsischen Wissenschaftsministers Thomas Oppermann (SPD), sind soeben 42 Ausschreibungen im Internet erschienen. Niedersachsen, so Oppermann, wolle schneller sein als die anderen Länder, um "bessere Chancen" zu haben, "aus den Nachwuchswissenschaftlern in Deutschland die Besten zu gewinnen". Das Land plant, bis Ende kommenden Jahres bis zu 160, innerhalb von fünf Jahren insgesamt 500 Juniorprofessuren zu besetzen. In Berlin allerdings war die Reformidee schon lange im Gespräch, bevor flotte Wissenschaftspolitiker sich damit in Positur warfen. Schon 1998 forderte der akademische Mittelbau, eine Assistenzprofessur mit erweiterten Rechten einzuführen. Markus Pflaum, 35, Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter im Akademischen Senat, hat sich für dieses Vorhaben engagiert und findet es ein "bisschen schade", dass das Präsidium kein Wort mehr über diese Vorbereitungsarbeit verliere. "Die setzen sich in gewisser Weise ins gemachte Nest." Der promovierte Mathematiker hat noch auf die alte Tour als wissenschaftlicher Assistent seine Habilitation geschrieben. Obwohl er den Titel "Juniorprofessor" missglückt findet "das klingt zu sehr nach Jugendlichkeitswahn und zu wenig nach Zutrauen in die Fähigkeiten des Nachwuchses" , ist er froh, dass jetzt endlich ein Anfang gemacht wird. Mehr als ein Anfang ist es aber auch nicht. Zwar gibt das BMBF für die bundesweit geplanten 3000 Juniorprofessoren insgesamt 372 Millionen Mark aus dem Extratopf der versteigerten Mobilfunk-Lizenzen aus. Aber damit wird vorerst keine einzige zusätzliche Stelle geschaffen. Die finanzielle Ausstattung (150 000 Mark pro Juniorprofessor in der Pilotphase, 120 000 Mark nach Inkrafttreten der Reform) darf nur für Sachmittel verwendet werden und muss für die gesamte Laufzeit der Verträge von sechs Jahren reichen. Niedersachsens Wissenschaftsministerium verspricht pro Stelle immerhin weitere 75 000 Mark Zuschuss, die aus den VW-Dividendeneinnahmen stammen das arme Berlin gibt der HU keinen Pfennig dazu. Bloß niemandem etwas wegnehmen Das Gehalt für die Juniorprofessoren kann also nur aus dem vorhandenen Uni-Etat kommen: Stellen, die im Augenblick zum Teil von wissenschaftlichen Mitarbeitern besetzt sind, müssen dafür umgewandelt werden. Damit wäre der Konflikt mit dem alten System programmiert. So machte denn auch die Theologische Fakultät der HU erst beim Projekt Juniorprofessur mit, als zweifelsfrei geklärt war, dass auch die derzeitigen Assistenten Juniorprofessoren werden dürfen. Laufende Verträge mit den Beamten auf Zeit können schließlich nicht gekündigt werden. Der Dekan der Fakultät, Hans-Gebhard Bethge, 58, ein Befürworter der Reform, musste einiges an Überzeugungsarbeit leisten, schließlich durfte "niemandem etwas weggenommen werden". Alle Juniorstellen sollen daher mit Wissenschaftlern aus dem Haus besetzt werden. Und wenn eine externe Bewerberin einfach besser ist als der vorgesehene Kandidat? "Dann hoffe ich, dass die Universität helfen und aus einem Sonderpool Geld bereitstellen kann." So ein Sonderpool existiert jedoch gar nicht, und auch wenn die Fakultäten eine gewisse Budgethoheit haben wegen der Einstellungssperre an den Berliner Hochschulen können zusätzliche Stellen nicht geschaffen werden. In der Praxis wird daher wohl bei drohender Vergabe einer Juniorprofessur an einen exzellenten hausfremden Akademiker das Berufungsverfahren gestoppt und alles bleibt beim Alten. Viele im traditionellen System sind ohnehin skeptisch. Wie kommen die alteingesessenen Professoren mit den selbstbewussten Newcomern um die 30 zurecht? Wie reagieren die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Assistenten, die noch auf gewohnte Art an ihren Professor gebunden bleiben, auf die unabhängigen Junioren? Postdoktorand Luft, der zurzeit als wissenschaftlicher Assistent am Husserl-Archiv im belgischen Leuven eine Edition der philosophischen Schriften des Phänomenologen vorbereitet, registriert gar eine leichte Panik unter den deutschen Kollegen: Wird in nächster Zukunft eine Habilitation eher nachteilig bewertet, oder muss man trotz Juniorprofessur "vorsichtshalber" eine Habil verfassen? Das BMBF hat nach langem Ringen eine Übergangsfrist bis 2009 zugesagt, ab 2010 sollen neue Lehrstühle nur noch mit Juniorprofs besetzt werden. Auch Luft sieht noch viele Mängel im deutschen Modell, etwa weil nach den sechs Jahren keine Garantie besteht, eine unbefristete Stelle zu bekommen, wie es in den USA üblich ist. Der Husserl-Spezialist macht sich allerdings um seine eigene Zukunft keine Sorgen: "Wenn mir Deutschland nichts bietet, gehe ich nach Amerika." KATHARINA STEGELMANN