Karriere an der Uni: Erste allgemeine Verunsicherung - DER SPIEGEL
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Karriere an der Uni Erste allgemeine Verunsicherung

Seit das neue Hochschulrahmengesetz gilt, sind viele junge Wissenschaftler ratlos: Ist die Habilitation nichts mehr wert, wie stehen die Chancen auf eine Professur? Gunta Saul-Soprun hilft ihnen, den richtigen Weg einzuschlagen. Im Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE berichtet die Frankfurter Soziologin über ihre Erfahrungen aus der Beratungspraxis.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er ist der junge Nachbar, dem man seinen Hund ohne Bedenken übers Wochenende anvertrauen würde, offen und doch zurückhaltend, freundlich von Natur aus. Bescheiden erkundigt sich Privatdozent Michael H. Hannsen, Doktor der Chemie, im Beratungsgespräch nach seinen beruflichen Perspektiven an der Universität und fragt zweifelnd, ob er vielleicht nicht gut genug sei, um weiterzukommen. Bisher war es ihm nicht einmal gelungen, auf eine Berufungsliste für eine Professur zu gelangen.

Hatte er nicht alles richtig gemacht: ein überdurchschnittliches Abitur gebaut und das harte naturwissenschaftliche Studium glänzend absolviert? Hatte er nicht schon früh Verantwortung als Leiter eines chemischen Forschungslabors mit sieben Mitarbeiterinnen übernommen, fleißig veröffentlicht und sein Habilitationsverfahren mit Bravour durchgestanden?

Aus für die Kettenverträge

Trotzdem fühlte er sich mit Mitte dreißig beruflich in einer Sackgasse. Über die Zukunft machte er sich Sorgen. Wie sollte es im Anschluss an seinen befristeten Arbeitsvertrag an einer großen norddeutschen Universität weitergehen? Würde auch sein Talent, viele Drittmittel einzuwerben, seine Position nicht mehr sichern? Die Antwort auf diese Fragen zu finden, wurde umso dringlicher, als er seit einigen Monaten Vater war. Soviel war klar, die zwölfjährige Qualifikationsphase war abgeschlossen - und was als nächstes kommen musste, war die Berufung auf einen Lehrstuhl.

Dank des neuen Hochschulrahmengesetzes hat sich unter dem wissenschaftlichen Nachwuchs herumgesprochen: An der Universität soll es langfristige Arbeitsmöglichkeiten nur als Professor oder in den wenigen Funktionsstellen für Daueraufgaben als Wissenschaftlicher Mitarbeiter geben.

Jeder kannte bisher jemanden, von dem die Sage ging, dass es nur darauf ankomme, lange genug durchzuhalten, um schließlich - wenn schon keinen Ruf auf eine Professur - doch eine Festanstellung an der Uni zu erhalten. Die wenigsten wussten genau, wie es dazu jeweils kam. Gute Voraussetzungen waren allem Anschein nach die gezielte Protektion eines im Personalrecht bewanderten Mentors sowie eine Konstellation im Institut, die einen Experten für ungeliebte Arbeiten notwendig machte, etwa die Betreuung zeitaufwändiger Praktika oder Statistikkurse für Studierende.

Im Laufe der Auseinandersetzung mit der neuen Gesetzgebung realisierte der wissenschaftliche Nachwuchs mit einer Mischung aus Neid, Mitgefühl und ungläubigem Staunen, dass es bisher über zwanzig Jahren möglich war, mit befristeten Arbeitsverträgen an Universitäten beschäftigt gewesen zu sein. Fest steht jetzt, dass es diese Berufskarrieren in Zukunft nicht mehr geben soll.

Allerdings kennt auch jeder mindestens einen grauhaarigen Mittfünfziger, der als Privatdozent seit Jahr und Tag einen Lehrauftrag an der Universität wahrnimmt, von dem aber keiner weiß, wovon er lebt. Nur eines steht fest: dass er trotz ausgezeichneten Wissens auf seinem Fachgebiet keine berufliche Perspektive im universitären Wissenschaftsbereich mehr hat, weil alle befristeten Beschäftigungsmöglichkeiten ausgeschöpft sind. Eine Erstberufung auf eine Professur kann für ihn wegen des fortgeschrittenen Alters nicht mehr erfolgen. Und eine Tätigkeit in einem anderen Bereich kommt aufgrund mangelnder Berufserfahrung auch nicht in Betracht.

Wir haben verstanden - und nun?

Insofern ist die Botschaft angekommen: Schon Hochschulabsolventen und junge Doktoranden beschäftigen sich derzeit intensiv mit der Planung ihrer beruflichen Zukunft. Die wenigsten haben dabei die Zuversicht, dass sie eine Professur erhalten werden.

Michael A. Hannsen hatte bisher ebenfalls den vagen Andeutungen seines betreuenden Professors vertraut, dass es schon immer irgendwie weitergehen werde. Nun glaubt er nicht mehr daran. Alle seine Leistungen haben nicht dazu geführt, dass er die nächste und wichtigste Hürde nehmen kann. Aus alter Handwerkertradition kommend, hatte er sich ganz und gar dem Gegenstand seiner Arbeit gewidmet und das Labor vorwärts gebracht.

Dabei hatte er nicht bemerkt, dass für seine Kollegen selbstverständlich war, immer auch an ihrem Ruf in der Wissenschaftsgemeinde zu arbeiten, so wie sie es aus ihrem Umfeld in einer Akademikerfamilie gewohnt waren. Für sie ist es so normal, für weitere Aufgaben empfohlen oder angefragt zu werden, dass sie mit Zuversicht darauf bauen, den für sie passenden Lehrstuhl früher oder später besetzen zu können. Zwischenzeiten können dabei leicht mit eigenen Mitteln überbrückt werden.

Paradox: Mehr Klarheit durch Verunsicherung

Alternativen zur universitären Laufbahn sind deshalb gefragter als je zuvor. Ganz oben auf der Liste stehen dabei Beschäftigungsmöglichkeiten in außeruniversitären Forschungseinrichtungen, eine Abwanderung ins Ausland, die Gründung von privaten Forschungsinstituten oder von Zusammenschlüssen in den verschiedensten Rechtsformen.

So hat die Verunsicherung auf paradoxe Weise zu mehr Klarheit geführt: Eine Universitätskarriere gelingt nur dem, der mit den Bedingungen vertraut ist und über die nötigen langfristigen Ressourcen verfügt.

Für die anderen bietet sich die Chance, rechtzeitig eine zusätzliche Option zu entwickeln oder nach einer Phase der universitären Wissenschaft in andere Branchen zu wechseln. Es bleibt die Frage, was aus jenen Wissenschaftlern insbesondere in den Geisteswissenschaften wird, deren akademische Qualifikation sich nicht außerhalb der Universität verwerten lässt. Sie müssen ihr persönliches Profil schärfen, um Alternativen entwickeln zu können. Beratungsangebote dazu gibt es.

Auch Michael A. Hannsen muss sich überlegen, ob er sein Forscherherz, das ganz für die Grundlagenforschung schlägt, überwindet und er sich zukünftig der angewandten Forschung in der Wirtschaft widmet. Oder ob es ihm nicht doch gelingt, von seinen wissenschaftlichen Kollegen zum Professor zu berufen zu werden.

Von Gunta Saul-Soprun, Academic Consult 


Infos

Academic Consult
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