Karriere in der Wissenschaft Aufsteigen oder aussteigen
Traum von einer akademischen Karriere: Erstmal gibt's nur befristete Stellen
Foto: Scott Olson/ Getty ImagesWer sich in Deutschland heute für eine wissenschaftliche Karriere entscheidet, der braucht eine hohe Risikobereitschaft. Zwar finden junge Akademiker es immer noch erfüllend zu forschen und sich von der eigenen Neugier leiten zu lassen, doch der berufliche Weg in die Wissenschaft bleibt unsicher - sie wissen kaum, wo die Reise enden wird: Gelingt am Ende der Sprung auf eine Professur? Und falls nicht, welche beruflichen Möglichkeiten bleiben dann noch?
Das zeigt eine neue Studie des HIS-Instituts für Hochschulforschung (HIS-HF), das Nachwuchswissenschaftler an Hochschulen und außeruniversitären Forschungseinrichtungen nach ihrer beruflichen Situation gefragt haben. Die Ergebnisse belegen, dass rund 90 Prozent der befragten Akademiker sich mit zeitlich befristeten Arbeitsverträgen und Projekten durchschlagen müssen - sowohl Doktoranden als auch Post-Docs. Besondere bei der Planbarkeit und den Aufstiegsmöglichkeiten für eine Karriere innerhalb der Wissenschaft herrscht Unzufriedenheit.
Das Wissenschaftssystem kennt nur Professoren
"Das deutsche Wissenschaftssystem", so die Soziologen Klaus Dorre und Matthias Neis, kenne "prinzipiell nur Professoren und solche, die es noch werden wollen". Die beiden Wissenschaftler weisen in der Studie damit auf ein strukturelles Problem hin, das viele junge Wissenschaftler verunsichert: Wer dauerhaft wissenschaftlich an einer Hochschule arbeiten will, muss früher oder später Professor werden - sonst wird die Luft dünn und ein Umsatteln auf andere Tätigkeitsbereiche jenseits der Uni ausgesprochen schwierig.
Weil es an den Hochschulen nur wenige feste Stellen im wissenschaftlichen Mittelbau gibt, bekommt die Frage nach Aufsteigen oder Aussteigen ein besonderes Gewicht. Allerdings wird eine Habilitation, die trotz der Juniorprofessur immer noch der übliche Weg einer akademischen Laufbahn in Deutschland ist, im Durchschnitt aller Facher erst mit knapp 40 Jahren abgeschlossen. Viele gehen also mit hohem Einsatz in den Traumberuf Wissenschaft: Alles oder nichts.
Hinzu kommt, dass Universitäten aus Sicht junger Forscher recht familienfeindliche Betriebe sind. Besonders Wissenschaftlerinnen sehen schlechte Chancen, familiäre und berufliche Anforderungen in Einklang zu bringen. Das hängt mit den unsicheren Perspektiven zusammen, aber auch mit mangelnden Betreuungseinrichtungen für Kinder. Daran könnten die Hochschulen noch arbeiten, um attraktiver zu werden, empfiehlt das Institut.
Hoher Reiz trotz aller Risiken
Trotzdem bleibt der Beruf Wissenschaftler für viele Befragte ein reizvolles Ziel. Sie lockt vor allem die Möglichkeit, eigenverantwortlich zu forschen. Rund drei Viertel sehen ihre Zukunft vorrangig in der Forschung - entweder an Hochschulen, an außeruniversitären Forschungseinrichtungen oder in der Wirtschaft.
Dass man zunächst die Ochsentour absolviert und sich erst danach, also sehr spät, entscheidet, ob es mit einer Professur klappt, lässt die Forscher mit ihren Karriereentscheidungen hadern. Dabei sehen sich "rund zwei Drittel selbst auf Tätigkeiten außerhalb des Wissenschaftssystems gut vorbereitet. Unter Ingenieuren sind es überdurchschnittlich viele, in den Natur- und Sozialwissenschaften ist der Anteil dagegen geringer", so Steffen Jaksztat vom HIS-Institut, der an der Studie mitgearbeitet hat.
Um noch etlichen Jahren an einer Hochschule noch umsatteln zu können, kommt es der Studie zufolge stark auf die Arbeitskultur an. Nachwuchswissenschaftler, die in kooperativen und fördernden Arbeitsumfeldern tätig sind, sind insgesamt zufriedener. Sie bewerten ihr überfachliches Kompetenzniveau besser und fühlen sich zudem auf berufliche Tätigkeiten außerhalb des Wissenschaftssystems eher vorbereitet.
"Da nicht alle dauerhaft an der der Hochschule oder den außeruniversitären Forschungseinrichtungen verbleiben können, ist es besonders wichtig, dass Nachwuchswissenschaftler nicht nur in fachlicher Hinsicht, sondern auch in anderen Kompetenzbereichen gefördert werden", sagt Projektleiter Kolja Briedis.