Karriere, Kinder, Kompromiss Courage, Mutter!
Heute gibt Lotte den Ton an. Mit hochrotem Kopf hockt sie mitten in der Spielwiese und heult, bis der Dominoeffekt einsetzt. Schon laufen ihrer Spielkameradin Nicola die ersten Tränen übers Gesicht, beginnt Poline zu flennen und Carla zu quengeln. So plötzlich das Gruppenweinen begonnen hat, so abrupt hört es wieder auf: Kaum zwei Minuten später herrscht Ruhe zwischen den Bauklötzen; Carla, Lotte, Nicola und Poline schaukeln zufrieden in den Armen ihrer Erzieherinnen.
Professionelle Chaosbewältigung zählt zum Alltag in der privaten Kinderkrippe Teresie im Münchener Westend. Die Betreuungseinrichtung ist jedoch alles andere als alltäglich. Hier spielt nicht irgendwer, hier spielt der Nachwuchs von Karrierefrauen aus Italien, Frankreich, Belgien oder Deutschland.
Die meisten von ihnen arbeiten beim Europäischen Patentamt und sind europäische Standards gewöhnt. Sie finden Vollzeit-Kindergärten für die Allerkleinsten normal. "Über das deutsche Klischee der Rabenmutter schütteln viele den Kopf", sagt Krippenleiterin Christiane Waldmann.
Die Chefin verzichtet meist auf Kinder
Tagesstätten wie die Kinderkrippe Teresie, wo schon acht Wochen alte Säuglinge unterkommen, sind hierzulande rar. Und erwerbstätige Mütter haben Seltenheitswert. Nur 26,5 Prozent der Frauen mit Kindern unter drei Jahren gehen in Deutschland arbeiten, so das Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. In Frankreich sind es mehr als die Hälfte.
Familienpolitik allein hat das Problem bisher nicht gelöst - all die Gleichstellungsprogramme und Quotierungspläne sind teils versandet, haben teils wenig genützt. Nicht einmal zehn Prozent der Führungspositionen in deutschen Unternehmen sind weiblich besetzt, zeigte eine Studie von Bundeswirtschaftsministerium und Wirtschaftsverbänden. Frauen erhalten seltener einen Professorentitel und machen sich seltener selbstständig.
Schaffen sie es doch in den Chefsessel, bleiben sie meist kinderlos. Allein im Bankensektor haben 77 Prozent der weiblichen Führungskräfte keine Kinder, fand Marion Festing, Professorin für Personalmanagement an der privaten Wirtschaftsuni ESCP-EAP, heraus. Karriere und Kinder unter einen Hut zu bringen, ist offensichtlich so schwer wie eh und je, und vor allem Akademikerrinnen lösen dieses Dilemma auf ihre Art: 40 Prozent von ihnen verzichten ganz auf Familie.
Krippenplätze sind rar und teuer
Sie halten dem Druck nicht stand, glaubt Buchautorin Karin Jäckel ("1000 Tips für Frauen im Beruf; Deutschland frisst seine Kinder"). Wer heute mit Kind zu Hause bleibe, gelte schnell als Berufsmutti, moniert die 55-jährige Mutter von drei Söhnen. Wer andererseits mit Kind arbeiten gehe, stehe vor einer "wahnsinnigen Doppelbelastung".
Nur wenige berufstätige Mütter in Deutschland teilen das Glück der Karrierefrauen im Europäischen Patentamt, denen der Arbeitgeber einen preisgünstigen Krippenplatz sichert. Viele können sich Kosten von bis zu 1500 Euro pro Kopf und Monat für die Ganztagsbetreuung ihrer Sprösslinge nicht leisten.
Oder sie finden erst gar keine. Laut Statistischem Bundesamt gibt es nur für drei Prozent aller deutschen Kinder überhaupt einen Krippenplatz. In Ostdeutschland machte seit der Wende jede zweite Kita dicht.
Dorothee Fleischer, 41, kann vom Betreuungsnotstand ein Lied singen. Weil sie sich nicht schon in der Schwangerschaft um einen Krippenplatz für ihren Sohn bewarb, musste sie eine Tagesmutter engagieren - eine teure Lösung, aber für Fleischer die einzige. Mit dem Vater des Kindes lebte sie damals noch nicht zusammen, und die Großeltern kamen fürs Babysitten nicht in Frage. Trotzdem wollte die Ökonomin weiterarbeiten. Das teure Leben in München hätte sie sich sonst nicht mehr leisten können.
Parole einer Generation: "Stärker als die Männer"
So saß sie bereits neun Monate nach der Geburt wieder als führende Analystin im Büro der Allianz-Gruppe und hätte vor lauter Stress beinah wieder alles hingeschmissen. Heute ist sie froh, dass sie durchhielt. Ihr Sohn, inzwischen dreieinhalb, kam im Kindergarten unter; sie selbst erwirkte beim Arbeitgeber einen Telearbeitsplatz. Jetzt erledigt sie die Geschäfte auch mal von Zuhause aus.
"Als berufstätige Mutter lernt man, phantastisch zu organisieren", sagt Christine Lüer, 47, die in Niedersachsen den Ruf einer Ausnahmefrau genießt. Nach dem Doppeldiplom in Recht und Wirtschaft arbeitete sie als Wissenschaftlerin an der Uni Hannover, managte als Direktorin des städtischen Klinikums sieben Krankenhäuser und hält heute als Vorstandsvorsitzende der viertgrößten Landes-AOK das Kommando über 6000 Mitarbeiter. Nebenbei bekam die Powerfrau drei Kinder.
Ohne die Hilfe ihres Mannes hätte sie den Spagat zwischen Job und Familie nicht geschafft, sagt sie. Alles andere verdankt sie ihrem Willen. "Stärker sein als die männlichen Kollegen", lautete ihre Devise. Es war die Parole einer ganzen Generation.
Im Auftrag der Emanzipation hätten viele Frauen in den siebziger und achtziger Jahren ihre persönlichen Bedürfnisse zurückgestellt, sagt Aleida Assmann, 57, Anglistik-Professorin an der Universität Konstanz und fünffache Mutter. "Auf der Prioritätenliste stand damals die akademische Karriere ganz oben." Kinder waren zweitrangig. Ehe, Familie und Beruf galten noch als unvereinbare Trias.
Nicht zum Breirühren Karriere gemacht
Wer trotzdem alles wollte, musste tricksen. "Ich habe im Beruf oft versteckt, dass ich Familie hatte", sagt Assmann, die nach ihrer Promotion zur wissenschaftlichen Hausfrau mutierte. Dass ihr Jahre später der Sprung zurück an die Hochschule gelang, verdankt sie dem Kampf gegen die geistige Isolation: Beim Stillen las sie Aufsätze, beim Buddeln im Sandkasten notierte sie Forschungsideen. "Eine Mutter darf sich nicht abkapseln", folgert die Mitstreiterin der weiblichen Pioniergeneration.
Doch die Frauenbewegung ist in die Wechseljahre gekommen. Die unter 30-Jährigen von heute wollen keine Entweder-Oder-Entscheidungen mehr, ergab eine Hochschulumfrage der Unternehmensberatung Accenture. Die neuen Frauen kennen ihren Marktwert. Sie sind jung und gut ausgebildet und haben nicht in Karriere investiert, um anschließend Blumen zu gießen oder Babybrei anzurühren. Sie wollen beides: einen ansprechenden Beruf und die Geborgenheit der eigenen Familie.
Noch aber klaffen Wunsch und Wirklichkeit auseinander. "Die Betreuungsleistungen sind unverändert katastrophal", sagt Gisela Erler, deren Firma pme Familienservice Kindergartenplätze oder Tagesmütter an Unternehmen vermittelt. Multis wie BMW, Infineon oder GlaxoSmithKline fragen bei ihr um Rat, wenn unverzichtbare Führungskräfte plötzlich schwanger sind. Auch das Europäische Patentamt zählt zu Erlers Kunden.
"Stereotype Männer-Rolle als Ernährer"
Allmählich erst erkennen Arbeitgeber den Nutzen einer familienfreundlicheren Unternehmenspolitik. "Viele glauben, mit Teilzeitangeboten sei es getan", sagt Stefan Becker, Geschäftsführer der gemeinnützigen Gesellschaft Beruf & Familie, die Zertifikate für vorbildliche Familienpolitik vergibt. Firmen mit speziellen Eltern-Kind-Arbeitszimmern zählen dazu oder Betriebe mit eigenem Kindergarten, Wäsche- und Bügelservice.
Immer öfter machen die Mütter selbst Dampf: Sie fordern vom Unternehmen Unterstützung ein - wie etwa im Burda-Verlag, wo erst auf Drängen von Mitarbeiterinnen eine Tagesstätte entstand. Die Kosten tragen Arbeitgeber, öffentliche Hand und Eltern gemeinsam.
Nur in den eigenen vier Wänden sieht es anders aus. Viele Kämpfe sind dort noch nicht ausgetragen. "In der Wirtschaftskrise herrscht im Privatleben Kriegszustand", glaubt Doris Janshen, Soziologie-Professorin und Leiterin des Essener Kollegs für Geschlechterforschung. "Da halten Männer an ihrer stereotypen Rolle als Ernährer fest."
Noch simpler formuliert es Bart Schoofs, ein belgischer Vater, der abends die kleine Lotte aus der Kinderkrippe Teresie abholt. Was er ohne Krippenplatz vom Europäischen Patentamt gemacht hätte? "Tja", sagt er und grinst. "Vermutlich wäre meine Frau zu Hause geblieben."