Lehrergeständnisse "Ha, jetzt will er uns Angst machen!"
Alles war perfekt vorbereitet: Eine schaurige Geschichte war gestrickt und die Route durch den Wald erkundet. Zudem hatten wir einen Grund gefunden, warum die Schüler zwischenzeitlich die Taschenlampen ausstellen sollten. Die Wildschweine hatten nämlich Frischlinge bekommen, deswegen würden sie bei Lärm und Licht aggressiv. In der Dunkelheit würde ich mich hinter einem Baum verstecken, um dann mit Gebrüll hervorzuspringen. Alles in allem: eine unvergessliche Horror-Nachtwanderung. So der Plan.
Auf der Klassenfahrt hatten wir den Schülern einer 9. Klasse zuvor nicht nur ein Alkoholverbot erteilt, sondern auch koffeinhaltige Getränke untersagt. Das klingt vielleicht lächerlich, aber kürzlich hatte es ein Schüler heftig übertrieben: Völlig aufgeputscht lief er morgens um vier Uhr mit dem Staubsauger durch die Herberge und weckte alle Schüler auf.
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Bei Dämmerung brachen wir also zu unserer Wanderung auf. Die Stimmung war gelöst, die Schüler unterhielten sich laut, lachten. Das änderte sich, als wir immer tiefer im Wald verschwanden. Einige Jungs erschreckten Mädchen, die erst kurz kreischten, und dann erleichtert lachten.
Auf einer Lichtung riefen wir die Schüler zusammen. Ich stellte mich auf einen Baumstumpf und leuchtete mir von unten mit der Taschenlampe ins Gesicht - so hatte ich das vorher geprobt.
"Es ist jetzt sehr wichtig, dass ihr leise seid und zuhört", fing ich an, "aber wenn ihr euch genau an die Hinweise haltet, kann euch nichts passieren."
"Ha, jetzt will er uns Angst machen!", sagte einer.
"Pssst!", zischten wir Lehrer, "die Wildschweine!"
Tatsächlich wurde es plötzlich ruhig - und ich kam in einen Gewissenskonflikt: Muss ich als Pädagoge meinen Schülern nicht immer ehrlich begegnen?
Trotzdem machte ich weiter: "Es sind vor einigen Jahren hier ein paar Jugendliche bei einer Freizeit verschwunden."
"Sie verarschen uns!"
"Nein, das ist jetzt kein Spaß", sagte ich. "Kurze Zeit danach kam es in der Umgebung zu Überfällen, aber der letzte liegt schon länger zurück. Ich hätte euch das gar nicht erzählt, wenn der Herbergsvater mir nicht gesagt hätte, dass in letzter Zeit immer wieder Lebensmittel verschwinden, auch aus dem Müll."
"Ja", unterbrach mich ein Schüler ganz aufgeregt, "da hat sich gestern Nacht jemand an dem Lieferwagen zu schaffen gemacht."
Was der Schüler wohl gesehen haben will? Aber es passte super.
"Wir haben lange überlegt, ob wir die Wanderung überhaupt machen sollen, aber wenn ihr auf dem Weg bleibt, kann euch nichts passieren."
Dann sagte ich noch, dass eine Kollegin diejenigen zur Herberge zurückbringen würde, die jetzt nicht weiter wandern wollten. Eine Schülergruppe ging tatsächlich. Die anderen blieben, sichtlich verängstigt.
Dann sagte plötzlich einer von ihnen: "Sie verbieten uns Cola und wollen uns erzählen, dass Sie uns in einen Wald mit kriminellen Jugendlichen und wütenden Wildschweinen lassen? Das glauben Sie doch selber nicht."
Ich war total perplex. Und fiel völlig aus der Rolle. Gegruselt hat sich danach niemand mehr.
Der 39-jährige Lehrer arbeitet an einer Schule in Hamburg.
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