Surfen BUSINESS MIT BUDDIES
In Zimmer Nummer 904 des Studentenwohnheims in der Mannheimer City fing alles an. Im Oktober 1998 chattete der Informatikstudent Henrik Pfluger, 22, von dort per Computer mit einem Kommilitonen. Beide meinten, dass es viel cooler wäre, direkt miteinander zu sprechen, statt Buchstaben in die Tastatur zu hacken.
Die Idee, selbst ein Internet-Telefonie-Programm zu entwickeln, ließ Pfluger nicht mehr los. An einem Wochenende schaffte er es, von Wohnheim zu Wohnheim eine Leitung aufzubauen und "Hallo, hallo, ich bin's" zu übermitteln. Dann hörte man Wasser plätschern sowie Rauschen, und das Programm stürzte ab. "Aber aufregend war das trotzdem."
Doch die Fehler sind längst behoben. Die Wohn-Schlaf-Kochgelegenheit mit Bad dient nun als Zentrale von Pflugers Firma "buddy-Phone" der Name des ersten deutschen Programms für das Telefonieren via Internet. Unter www. buddyPhone.com kann man sich seit Anfang vergangenen Jahres das Programm gratis herunterladen und quer über den Erdball mit anderen Usern telefonieren. Mikrofon und Lautsprecher des Computers ersetzen den Telefonhörer.
Der Kostenvorteil ist enorm: Nur die Telefongebühren für den Zugang zum Internet fallen an. Ein zehnminütiges Gespräch über die Telekom von Frankfurt nach Tokio kostet um 12.00 Uhr mittags 21,60 Mark, via Internet nur etwa 50 Pfennig.
Lange wird die "buddyPhone"-Zentrale wohl nicht mehr im Wohnheim bleiben. Es herrscht, sagt Pfluger, "zu viel Verkehr". Vor kurzem hat er eine Nachricht vom Rechenzentrum der Universität bekommen: Der Traffic, den sein Computer verursache, beanspruche den größten Teil der universitären Kapazitäten. Sein Server wurde kurzerhand abgeschaltet.
ALS KNIRPS FASZINIERT VON 1-0-MASCHINEN
Der Jungunternehmer im fünften Semester ist selbst vom Erfolg seiner Erfindung überrascht: "Dass es mal diese Dimensionen annehmen würde, hätte ich einfach nicht erwartet." Die Uni-Standleitung ins Internet, die jedem Mannheimer Studentenwohnheim-Bewohner für 30 Mark im Monat zusteht, ist eben nicht dafür gemacht, tagtäglich hunderte von Anfragen zu verarbeiten. Das Problem ist inzwischen gelöst, "buddyPhone" läuft unter anderem über den Server einer Hamburger Firma.
Der Student agiert mit seinem selbst gestrickten Programm in einem Markt mit Zukunftshoffnungen. Das amerikanische Marktforschungsinstitut Probe Research prognostiziert, dass bereits 2005 mehr als ein Drittel des weltweiten Telefonverkehrs via Internet abgewickelt wird. Noch für mindestens zwei Jahre würden die technischen Probleme allerdings so groß sein, dass ein weit verbreiteter kommerzieller Einsatz unmöglich bleibt, so eine Studie der britischen Firma Analyse.
Das größte Hindernis ist die Übertragungsgeschwindigkeit. Weil keine feste Verbindung zwischen den Teilnehmern aufgebaut wird und Sprachpakete genau wie bei der Datenkommunikation zwischen den Kanälen hin und her springen, kommt es leicht zu Verzögerungen und damit zu einer schlechteren akustischen Qualität.
Doch "buddyPhone" scheint da schon weiter zu sein. Die Mehrheit der über eine Million Benutzer freut sich über die sehr gute Sprachqualität. Die Software ist auch keineswegs kompliziert und unbequem wie bei anderen Telefonie-Programmen im Gegenteil: Die Teilnehmer loben die einfache Bedienung.
Pfluger verfügt über langjährige Erfahrung: Bereits als Knirps entdeckte er seine Faszination für die 1-0-Maschinen. Es war aber kein schnödes Spiel, das seine Leidenschaft weckte, sondern der Wunsch, den Computer zu beherrschen. Vater Pfluger, Allgemeinmediziner mit Technik-Faible, drückte seinem Sohn entnervt von dessen wissbegierigen Fragen sehr früh ein Fachbuch in die Hand. Darin konnte der Kleine nachlesen, wie man mit Computern umzugehen hat, damit sie spuren. Mit kaum zehn Jahren schrieb er sein erstes Programm.
Als Teenager entwickelte er Software für die elterliche Praxis, unter anderem Programme für die Auswertung einer Lungenfunktionsmaschine und die Verwaltung von Ultraschallbildern. Ein kleines Genie? "Nein", wehrt der Autodidakt ab, "ich habe mich einfach schon immer dafür interessiert, und wenn mich etwas reizt, dann strenge ich mich auch an."
Außer Pfluger, dem Erfinder des Telefonie-Angebots, sind seit November letzten Jahres die Studenten Tim Schumacher, 23 (BWL), Uli Priesner, 22 (Informatik), Michael Berg, 22 (VWL), und Marius Würzner, 23 (Englisch, Geschichte und Philosophie), mit von der Partie. Die Fünf kennen sich von der Uni, und die Idee hat alle schnell überzeugt.
Seit Juni 1999 finanziert sich das Programm durch Werbung auf der "buddyPhone"-Website. Jetzt wollen die fünf Buddies aus Mannheim die Werbekunden gezielter ansprechen und damit mehr Geld machen. Außerdem soll die Sprachqualität weiter verbessert werden.
DIESES JAHR WIRD EINE AKTIEN-GESELLSCHAFT GEGRÜNDET
Ein anderes Ziel, das den Mannheimern am Herzen liegt, ist die Internationalisierung des Programms. Im Moment sind die Benutzerführungstexte auf Deutsch und Englisch abrufbar. So schnell es geht, sollen auch Französisch, Schwedisch, Italienisch, aber auch Russisch und Indisch angeboten werden. "buddyPhone" kann sich vor Kooperationsangeboten seiner Fans, die sich als Übersetzer zur Verfügung stellen, kaum retten.
Die Beteiligung der User lässt auch sonst nicht zu wünschen übrig. Jeder kann seinen Vorschlag für eine neue "buddyPhone"-Oberfläche an Pfluger und seine Kompagnons schicken. Einige der zahlreich eingeschickten "Skins" werden auf der Website zur Verfügung gestellt.
Der ehrgeizigste Schritt ist für Mitte dieses Jahres geplant. Mit der Gründung einer Aktiengesellschaft soll "buddyPhone" für den Markt konkurrenzfähig werden. Schon jetzt gibt es Angebote aus der Elektronikbranche, die Geschäfte mit den Studis machen will. Der angehende Betriebswirt Schumacher, der zurzeit mit Priesner in Schweden studiert, versucht, Investoren zu akquirieren.
Was, wenn "buddyPhone" zum Millionengeschäft wird? Pfluger lacht und zuckt die Achseln. "Ich weiß nicht. Weitermachen. Das Studium auf jeden Fall beenden und dann vielleicht die nächste Firma aufbauen."
KATHARINA STEGELMANN