US-Unis Wunschzettel ans Weiße Haus
Statue of Liberty: Symbol der Freiheit, für die auch die US-Wissenschaft mal berühmt war
Foto: REUTERSBarack Obama und John McCain präsentieren sich als Agenten des Wandels. Beide, kritisieren US-Wissenschaftsexperten, sprechen jedoch wenig über das, was wirklichen Wandel bedingen kann, nämlich Innovation. "Wir können nur führend bleiben, wenn wir in Menschen und Forschung investieren und dazu ein politisches Umfeld schaffen, in dem beides gedeihen kann", sagt Prof. Dr. Charles Vest, früherer Präsident des renommierten Massachusetts Institute of Technology.
Innovation, meint auch Dr. Curtis Carlson, Chef von SRI International, einem Forschungsunternehmen im Silicon Valley, sei die Vorbedingung für Konkurrenzfähigkeit in einer wettbewerbsorientierten Welt und der einzige Weg zu Wachstum, Wohlstand, Nachhaltigkeit und Sicherheit. Innovationsfähigkeit erwachse aus einem guten Bildungssystem, hervorragenden Forschungsinstituten, einem fördernden Steuersystem und einer Immigrationspolitik, die es ermöglicht, dass die besten Köpfe in die USA kommen wollen und können.
Längst stimmen einige Punkte dieser Gleichung nicht mehr, ist sich die Wissenschaftscommunity einig. Weder stimme die Zahl der Schüler mit einem Abschluss, der ihnen die Immatrikulation in ein College erlaubt. Noch produzierten US-Colleges genügend qualifizierte Studenten. Die USA rangiert nur noch an 16. Stelle unter 28 Industrienationen, wenn es um die Quote von Collegeabsolventen im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung geht, ermittelte das National Center for Public Policy and Higher Education.
Schlimmer: Ein Drittel der jungen Erwachsenen erhalten nicht einmal das Minimum an Bildung, das sie als Bürger einer globalen Volkswirtschaft benötigen und das in einer Epoche, in der die erfolgreiche Baby-Boomer-Generation massenweise in Rente gehen wird. Auch die von ideologischen Bedenken geprägte Einwanderungspolitik der Bush-Jahre habe dafür gesorgt, dass die USA für Forscher aus islamischen Ländern weniger attraktiv geworden seien, monieren Unis und Migrationsexperten. Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die Hochschulen, die sich in den vergangenen Jahren für Studierende ethnischer Minderheiten und sozial benachteiligter Bevölkerungsschichten geöffnet haben, diesen oft nur ungenügende Finanzhilfen gewähren können.
Der Wunschzettel der Wissenschaftsgemeinde ist angesichts der drohenden Bildungskrise überraschend kurz und lässt sich so zusammenfassen: Schickt mehr Geld, verringert die Regularien, die Forscher drangsalieren und erweist uns Respekt! Beide Präsidentschaftskandidaten haben in ihren Programmen dann genau dies in Aussicht gestellt.
Am wichtigsten sei ein "wissenschaftlich orientiertes Weißes Haus", sagt David Baltimore, Vorsitzender der American Association for the Advancement of Science. Auch die Organisation der National Academies drängt die Kandidaten im Falle ihres Wahlsieges, die von US-Präsident George W. Bush abgeschaffte Stelle eines Wissenschaftsberaters im Weißen Haus umgehend wieder einzurichten.
Wichtig sei, heißt es in ihrem Report, dass der zukünftige Präsident diesen "Wissenschafts- und Technologieberater" im Range eines Ministers ansiedele. Zudem sollten alle wissenschaftsrelevanten Stellen in der Administration so schnell wie möglich und ungeachtet der Parteizugehörigkeit besetzt werden. John Edward Porter, Verantwortlicher für den Report und ehemaliger republikanischer Abgeordneter, betont: "Zu keiner Zeit in den vergangenen 50 Jahren war es von so vitaler Bedeutung, Personal mit einem Verständnis für Wissenschaft und Technologie in die höchsten Leitungsposten unseres Landes zu berufen."
Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und die Förderung der technisch-naturwissenschaftlichen Fächer stehen sowohl bei Barack Obama als auch bei John McCain im Wahlprogramm. Im Folgenden ein Überblick über Pläne und Berater der Kandidaten.
Die plant Barack Obama
Wettbewerbsfähigkeit: Obama will die Ausgaben für die Grundlagenforschung verdoppeln, um das weltweit größte Reservoir an Talenten zu befähigen, die USA weiterhin global wettbewerbsfähig zu halten. Zudem kündigt er an, Steuererleichterungen für Forschung und Entwicklung festzuschreiben, sodass Unternehmen langfristig mit Steuernachlass für innovative Projekte rechnen können.
Innovation: Obama befürwortet die Stammzell- wie die Weltraumforschung. Ferner soll das Patentsystem reformiert werden, um Innovationen schneller umsetzen zu können. Die Ausbildung in den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Ingenieurwissenschaften und Mathematik soll mit zusätzlichen 18 Milliarden US-Dollar gefördert werden.
Weißes Haus: Obama will einen "Chief Technology Officer" in seinen Stab berufen. Der soll sicherstellen, dass Wissenschaftsagenturen zur Unterstützung der Forschung gute Infrastruktur und Hilfestellungen bekommen. Es herrscht aber im Oval Office und in der Wissenschaftscommunity Unsicherheit, was Obama damit genau meint.
Die Mannschaft/Berater: Melody Barnes, Policy-Chefin beim "Center for American Progress", einer Art demokratischem Schattenkabinett, ist Obamas Beraterin für innenpolitische Fragen. Sie bezeichnet die vergangenen acht Bush-Jahre als den "Krieg gegen die Wissenschaft". Sie empfiehlt mehr Transparenz in der Wissenschaftsförderung, damit besseres Verständnis für statt politische Einflussnahme auf Wissenschaft sichergestellt wird.
Das plant John McCain
Wettbewerbsfähigkeit: Angesichts leerer Staatskassen will McCain keine Versprechungen für die Finanzierung der Grundlagenforschung machen. Auch er will Steuererleichterungen für Forschungs- und Entwicklungsprojekte festschreiben.
Innovation: Ebenso wie Obama befürwortet McCain die Weltraumforschung als Katalysator für Innovation. Er will Internetsteuern verhindern und zur Qualitätssteigerung den Wettbewerb im Bildungssystem fördern.
Weißes Haus: McCain will den durch Bush abgeschafften Posten des "Wissenschafts- und Technologieberaters" im Weißen Haus wieder besetzen. Im gesamten Verwaltungsapparat soll es mehr Personal mit technologisch-wissenschaftlichem Know-how geben, das zukunftsorientierte Lösungen für Bildung, Gesundheitsfürsorge, nationale Sicherheit anbieten kann.
Die Mannschaft/Berater: Obwohl sich John McCain selbst als "Computer-Analphabet" bezeichnet, versichert sein Technologieberater Michaell Powell, dass der Kandidat "sehr viel von Technologie versteht". Powell war Vorsitzender der Bundeskommission Kommunikation. Der Wirtschaftsexperte Douglas Holtz-Eakin ist McCains Berater für innenpolitische Fragen. Er räumt ein, dass unter Bush "die Politik auf den Wissenschaften herumgetrampelt" sei. Und sagt, McCains Haltung zum staatlichen Management von Wettbewerb und Wirtschaft sei wesentlich weniger "interventionistisch" als das seines Rivalen Obama.