5. Platz Reportage: Theresa Senftl, "Sittenwidrig?" - DER SPIEGEL
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5. Platz Reportage Theresa Senftl, "Sittenwidrig?"

Innfloh, Ruperti-Gymnasium, Mühldorf am Inn
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Liebe „gemacht“ hat Lisa Moos tausende Male, Liebe bekommen hat sie fast nie. Protokoll einer vergeblichen Suche.

Lisa liegt in der Badewanne. Nicht zuhause, sondern in einem Hotel. Draußen im Zimmer wartet Rolf. Gleich wird sie aus der Wanne steigen, sich abtrocknen, föhnen und noch etwas schminken. Anschließend wird sie zurück ins Zimmer zu Rolf gehen und dann, dann werden sie es tun. Rolf, weil er Spaß haben möchte, Lisa, weil sie muss. Rolf ist Mitte 50, hat eine Frau, Kinder und Geld, viel Geld. Lisa ist 15 und hat niemand, niemand außer diesem Baby in ihrem Bauch, das Baby von Ronny*, ihrem Cousin, der sie an Silvester vergewaltigt hat. Geholfen hat ihr damals keiner und helfen wird ihr auch jetzt niemand. Und deshalb muss sie es tun, das Kind wegmachen, und deshalb braucht sie Geld, viel Geld für den Arzt, der das erledigen wird, heimlich, illegal, so dass keiner etwas merkt. Minuten später verlässt Lisa das Bad und lächelt. Sie hat gelernt, ihre Gefühle zu verstecken, seit ihrer Kindheit tut sie das. Und dann liegt Rolf auf ihr, mit seinem schweren Körper, 85kg auf 45. Er küsst sie immer wieder. Er ist zärtlich, das hat sie nie gekannt. Und doch kann Lisa nicht. Sie weint, weint und beginnt zu erzählen.

Früh verliert sie ihren Vater und ist froh, als ihre Mutter in einem neuen Mann auch ein neues, gemütliches Zuhause für die Familie in einer kleinen Wohnung findet.

Dieses Glück will sie unter keinen Umständen verlieren. Sie will es auch nicht riskieren, als ihr Stiefgroßvater, „Opa Hans“, das elfjährige Mädchen eines Tages in seine Wohnung schleppt und anschließend brutal vergewaltigt. Sie sei selbst schuld, sagt er, sie hätte nur nicht so böse sein dürfen. Ihrer Mutter solle sie nichts sagen, denn dann werde ihr Stiefpapa sie und Mama vor die Tür setzten. Und dann hätte Mama keinen Mann mehr und sie ganz allein wäre schuld daran.

Das kleine Kind fühlt sich schuldig, ist verunsichert. Was hat sie denn nur so böses gemacht? Doch da niemand von ihrer Vergewaltigung weiß, kann ihr keiner helfen und sie fühlt sich allein, so allein. Nach einiger Zeit scheint die Narbe verheilt und Lisa fühlt sich stark. Sie braucht gar keinen, niemanden braucht sie! Davon will sie sich zumindest überzeugen…Sie besucht fast nie die Schule, den Stiefvater erkennt sie nicht als Autoritätsperson an und empfindet Freude dabei, die Menschen mit ihrer äußeren Erscheinung zu schockieren: schwarzer Lippenstift, bunte Haare, Sicherheitsnadeln in den Ohren, schwarze Kleidung; eigentlich ein Schrei nach Liebe der ihre Mitmenschen nur abschreckt.

Sie leidet unter ihrer Isolation und ist doch nicht fähig, etwas zu ändern. Je mehr sie die anderen Menschen aufgrund ihrer äußeren Erscheinung ausschließen, desto mehr versteckt sie sich hinter dieser Unnahbarkeit.

Sie leidet auch unter der Krebserkrankung ihrer Mutter, welche unaufhaltsam und stetig fortschreitet.

Sie sucht nach Halt, braucht Schutz.

Im „alten Heinz“, einem vom Alkohol zerfressenen Mann, findet sie Ruhe.

Die beiden verbringen viel Zeit miteinander, ohne wirklich miteinander „Zeit zu verbringen“, sie leben nebeneinander her und genießen die stille Gegenwart des anderen, die sie vor dem Alleinsein bewahrt.

Doch als ihre Mutter davon erfährt, kommt sie mit der Polizei, um ihre Tochter aus dem alten, verfallenen Haus zu holen. Nun ist Lisa wieder bei ihrer Mutter – und allein.

Als Lisa ihre Geschichte beendet, ist Rolf schockiert, so schockiert, dass die Beiden an diesem Tag dann auch keinen Sex mehr haben. Aber dafür hat Lisa einen Freund gewonnen, zumindest ein bisschen. Er kann sie nicht im Stich lassen, deshalb wendet er sich an einen befreundeten Gynäkologen, der die Abtreibung vornimmt. Bald darauf meldet er sich, um sich nach ihr zu erkundigen. Noch Jahre später verbindet sie eine Freundschaft. Doch da Lisa nicht ganz in das Leben eines 50jährigen Geschäftsmannes passt, beschränkt sich die Beziehung auf Telefonate und seltene Besuche. Dann allerdings schlafen sie jedes Mal miteinander…

Ganz auf sich gestellt, die Mutter vom Krebs verzehrt, ist sie nicht in der Lage, ihr Leben in den Griff zu bekommen.

Unzählige Schulwechsel prägen ihre Jugend. Immer wieder wird sie von Schulen verwiesen, vom Gymnasium sinkt sie über die Realschule ab bis zur Hauptschule.

Doch das ist ihr egal, sie sucht nur einen Menschen, einen Menschen, der ihr das gibt, was sie braucht: Wärme und Geborgenheit.

Da ist es nicht verwunderlich, dass sie sich nach einer festen Bindung sehnt.

Mit sechzehn trifft sie auf Jörg. Ein großer, kräftig gebauter Mann mit dunklen schönen Augen. Einfach perfekt. Balsam für ihre zerrüttete Seele. Der erste Mann, der nicht nur an sich denkt. Weiß sie, glaubt sie, hofft sie…

Kurze Zeit später wird sie schwanger und das junge Paar heiratet trotz des heftigen Widerstandes beider Familien. Christopher wird geboren.

Doch die Ehe geht in die Brüche. Lisas Seele ist noch immer zu verletzt. Anstatt ihr zu helfen reagiert Jörg kühl, berechnend. Er will ständig die Oberhand behalten und Lisa sitzt immer öfter allein zu Haus. Um ihre Beziehung zu retten, gibt sie sogar seinem Drängen auf einen Dreier nach - mit ihrer besten Freundin Andrea! Schließlich wird ihr klar, dass Jörg sie betrügt. Wie man sich in Menschen nur so täuschen kann! Zuletzt macht er sich nicht einmal mehr die Mühe, das Parfüm der Anderen aus dem Auto zu bekommen. Er streitet nichts ab. Doch anstatt ein schlechtes Gewissen zu bekommen, hält er ihr immer und immer wieder vor, sie hätte ihm ein Kind angedreht: Einen „Kredit“.

Als Jörg auszieht, nimmt er fast alles aus der Wohnung mit. Lisa ist am Ende. Kein Geld, keine Hilfe, keine Hoffnung. In seiner Krabbelgruppe fällt Christopher über die Picknickkörbe der anderen Mütter her. Als sie ihren Sohn einmal ein Wochenende bei ihrer Schwiegermutter lässt, gibt diese ihn nicht mehr her, will ihn behalten.

Lisa muss um das Letzte kämpfen, das sie noch hat: Christopher. Sie geht vor Gericht und lässt sich endgültig von ihrem Mann scheiden.

Ruhe jedoch kehrt nicht in ihr Leben ein. Sie erfährt, dass Jörg nun in einer festen Beziehung mit ihrer besten Freundin Andrea lebt. Das schmerzt. Nun hat sie nicht nur ihren Mann verloren, sondern auch ihre beste Freundin, ihre einzige.

Sie flieht vor den erdrückenden Umständen, dem Alleinsein, sucht Zuflucht bei ihrem Bruder, einem Barbesitzer. Diese Bar ist es auch, in der die junge Mutter jede Menge Männer kennen lernt. Unter anderem den zukünftigen Vater ihres zweiten Kindes. Aber sie verliert ihn aus den Augen, noch ehe er von der Schwangerschaft erfährt.

So bekommt sie ihr zweites Kind Steffen ganz allein. Kein Wunder, dass sie überfordert ist. Sie hat keinen richtigen Beruf und kaum Geld um ihren ersten Sohn - dessen Vater keinen Unterhalt zahlt! – zu ernähren.

Aus Unsicherheit und Verzweiflung gibt sie Steffen zur Adoption frei.

Doch die Erinnerung lässt sie nicht los. Träume von ihrem „verlorenen Kind“ verfolgen sie. Sie weint sich immer öfter in den Schlaf. Aber erst, wenn Christopher schon im Bett ist.

Um sich abzulenken besucht sie immer öfter die Kneipe ihres Bruders, betrinkt sich. Sie will nicht einsam in ihr leeres Bett zurückkehren. Und immer öfter tut sie das auch nicht. Christopher bleibt bei einer Nachbarin, während Lisa mit anderen Männern ins Bett geht. Doch eines lässt sie niemals los: Die Augen ihres zweiten Kindes Steffen!

Schließlich beschließt sie in einer Phase der Selbstsicherheit, alles zu ändern,

ihr Studium nachzuholen, Steffen zurückzuholen. Alles wird gut werden, ganz sicher!

Aber stattdessen dreht sich alles im Kreis. Das Geld reicht nicht. Die Behörden rücken ihr auf den Pelz, als sie bemerken, dass die allein erziehende Mutter die staatliche Unterstützung, die für ihr Studium gedacht ist, für private Zwecke nutzt. Auch Steffen, der nun wieder bei ihr lebt, ist unglücklich. Er versteht nicht, warum seine Mutter immer weint.

Schließlich erzählt ihr eine Freundin vom „Champagnerkelch“. Schicke Autos, großzügige Männer, viel Geld - ein Edelbordell.

Nach einigem Hadern ringt sie sich dazu durch, die Nummer zu wählen. Dieses eine Telefonat stellt eine ganz entscheidende Weiche im Leben der inzwischen 21-Jährigen.

Als sie nach 24 Uhr vor dem Bordell ankommt, traut sie sich über eine Stunde nicht hinein. Sie trägt einen schwarzen Minirock und eine weiße Bluse und fühlt sich schrecklich fehl am Platz. Doch als sie endlich die Klingel drückt, erscheint eine freundliche Frau, die sie herzlich empfängt. Gleich fühlt sie sich wohler. Als Erstes betreten sie die Bar. Nicht alle Gäste gehen tatsächlich mit einem der Mädchen auf ein Zimmer, die sich alle im ersten Stock befinden, manche wollen nur etwas trinken. Auch einen Whirlpool mit beheizten Liegeflächen am Rand gibt es und frische Handtücher sowie Kondome liegen immer bereit. Leise Musik ertönt. Lisa versucht ihre Nervosität durch eine Flasche Piccolo zu bekämpfen. Als sie schließlich ihren ersten Freier empfängt, steigert sich ihr Mut mit seiner zunehmenden Erregung. Sie merkt, dass sie es kann und auch, dass sie in gewisser Weiße Macht über ihn hat, denn er will mehr und nur sie kann es ihm in diesem Moment geben.

Von Verhältnissen, wie sie im Champagnerkelch herrschen, können manch andere Prostituierte nur träumen. Liebe bekommt sie zwar immer noch nicht, dennoch ist der „Champagnerkelch“ eine Art Ersatzfamilie für sie: Die zuvorkommende Haushälterin „Mrs. Elli“ hat stets ein offenes Ohr für die Probleme der Mädchen, Freundschaften entstehen und nicht nur der Champagner, sondern auch das Geld fließt reichlich.

Die Mädchen müssen sich den Gästen nicht aufdrängen, sie sitzen an der Bar und warten, bis sie angesprochen werden. In den Zimmern gibt es Duschen, saubere Handtücher, frische Bettwäsche. Hygiene wird groß geschrieben.

Das Gefühl, ihren Kindern alles bieten zu können, das Gefühl, mal nicht versagt zu haben, berauscht sie. Sie arbeitet immer mehr. Ihr Leben wendet sich zum Guten. Sie zieht um und kann sich endlich eine Wohnung mit Bad leisten.

Als sie unerwartet den Vater ihres zweiten Kindes trifft, sie sich verlieben und zusammenziehen, muss sie ihre Arbeit aufgeben. Doch sie ist keineswegs glücklich damit, da sie mit dem Gehalt ihres Mannes nicht auskommt. Der Lohn eines Handwerkers reicht nicht an den einer Prostituierten heran. Sie und ihr jetziger Mann streiten sich ständig. Der kleine Steffen reagiert verstört.

Bald zieht sie die Konsequenzen: Trennung, trotz Liebe.

Sie nimmt ihre Arbeit wieder auf, wodurch sie eine Zeit lang wieder in gewohnt luxuriösen Verhältnissen leben kann. Doch plötzlich schließt der Champagnerkelch. Verdacht auf Steuerhinterziehung.

Die Zeit als „Edelhure“ ist vorbei. In einer schmuddeligen Kneipe geht sie anschaffen, das Geld ist natürlich auch weniger. Sie arbeitet im Akkord.

Dazu kommen schon bald private Anzeigen in der Zeitung. Doch da zieht sich ihr Jüngster immer mehr in sich zurück, er ist zu sensibel um dem Stress seiner Mutter standhalten zu können. Sie ist genervt, auch aggressiv, einmal schlägt sie ihn sogar. Steffen verzeiht ihr das nicht. Seine Entwicklung erinnert sie an ihre eigene Kindheit. Doch ihren Sohn so isoliert zu sehen, würde ihr das Herz brechen.

Aus Liebe gibt sie ihn letzten Endes ein zweites Mal zur Adoption frei.

Schließlich versucht sie einen Neuanfang auf Mallorca. Aber auch dort muss sie zahlreiche Rückschläge verkraften. Auf jeden Fall aber will sie ihrem Sohn eine gute Mutter sein! Seine Kindheit soll schön sein, nicht so wie ihre… Sie braucht also Geld, doch eine Entscheidung ist in ihr herangereift: Prostituieren wird sie sich nie mehr!

Sie setzt Anzeigen, zunächst nur in die Zeitung, dann auch im Internet auf eine eigene Homepage und bietet Sado-Maso Dienste an. Die Kunden fliegen meistens aus Deutschland nach Vereinbarung auf die Insel und verbringen dort mehrere Tage. Sollten die Männer jedoch auch sexuelle Handlungen wünschen, so wendet Lisa sich an alte Bekannte aus Milieu-Zeiten. Ihren Körper gibt sie nicht mehr her!

Durch einen guten Freund auf Mallorca lernt sie Josh kennen und auch lieben. Sie schöpft Hoffnung, endlich die Geborgenheit, die sie immer gesucht hat, zu finden und versucht noch einmal den Ausstieg. Lisa bekommt auch gleich einen Job in einer Medienagentur. Sie krempelt ihr ganzes Leben für ihn um, doch er entscheidet sich in Deutschland bei seiner Frau zu bleiben. Wieder ist also eine Hoffnung zerstört, die Suche nach Liebe, Wärme, Geborgenheit erneut vergeblich.

Dennoch will sie weitermachen, auch wenn sie es allein schaffen muss! Endlich der „ordentlichen Gesellschaft“ angehören. Doch sie ist unglücklich, denn in dieser für sie fremden Welt findet sie sich nicht zurecht. Sie ist es nicht mehr gewohnt, einer normalen Tätigkeit nachzugehen, mit wenig Geld auszukommen und einen geregelten Tagesablauf zu haben. Außerdem haben alle Menschen diesen leicht vorwurfsvollen Blick von der Seite auf sie… Aber mit der Zeit wird es besser und sie trifft sogar Menschen, die sie nicht ihrer Vergangenheit wegen verurteilen. Das macht sie glücklich!

Heute hat sie eine eigene Internet Medienagentur, mit der sie noch sehr viel vorhat.

Auf die Frage, wie sie auf den möglichen Wunsch ihres Sohnes Callboy zu werden, reagieren würde, antwortet sie entsetzt: „Durchdrehen!“ Prostitution wäre einfach zu schmerzhaft und erniedrigend, als dass sie es für ihre Kinder akzeptieren könnte. Jeden Weg würde sie gehen, um das zu verhindern! Und einen schwierigen Weg ist sie bereits gegangen, auch ihrer Kinder wegen: Sie hat ihr Leben als Hure aufgegeben. Endlich, kann sie nur noch stolze Mama sein, nur noch sie selbst.

Nun, da sie mit diesen Erinnerungen, auch durch ihr Buch „Das Erste Mal und immer wieder“, abgeschlossen hat, kann sie offen über sich selbst sagen: „Ich war eine Hure, eine gute Hure!“


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