Austausch-Log Hongkong Das Ticken des Todes
"Über das chinesische Essen kursieren in Deutschland sonderbare Vorstellungen. Nach vier Monaten in Hongkong kann ich sagen: Ich finde es einfach nur lecker. Bevor ich zur Schule gehe, gibt es zum Frühstück Nudeln mit Ei, Schinken und Chilisoße. Das ist eine Art Nudelsuppe, die unsere Gastmutter kocht. Richtig traditionelles chinesisches Essen habe ich beim Yam-cha kennengelernt. Übersetzt heißt das 'Trinken Tee', hat aber mit einem Kaffeeklatsch wenig zu tun.
Jeden Sonntag trifft man sich um elf Uhr vormittags mit seinen Verwandten in einem der vielen tausend chinesischen Restaurants. Dort ist es immer sehr laut und lebhaft - ganz anders als in deutschen Restaurants.
Gemeinsam sitzen wir dann um einen Tisch, in dessen Mitte eine runde Platte montiert ist, die sich dreht. Darauf stehen in Schüsseln Gerichte mit seltsamen Namen: Meistens gibt es Dim-sum, kleine Gerichte, die gedämpft oder frittiert sind. Sie werden normalerweise zusammen mit chinesischem Tee in einem Bambuskörbchen gereicht. Tsa-siu-bao ist Schweinefleisch, das erst über dem Feuer angebraten und anschließend in einen Teigball mit Soße getan wird.
Vorsicht beim Schenken: Keine Wanduhr, keinen grünen Hut
Die chinesischen Traditionen und Umgangsformen finde ich richtig spannend. Man muss allerdings aufpassen, keine Fehler zu machen. Eine Wanduhr zum Beispiel verschenkt man besser nicht.
Meine Eltern hatten vor einigen Wochen überlegt, meinen Gasteltern ein Geschenk zu machen - möglichst eine Sache, die es in Hongkong nicht gibt. Das ist gar nicht so einfach, denn eigentlich kann man hier alles kaufen. Wir kamen auf die Idee, eine Kuckucksuhr zu verschenken. Die finden sie hier garantiert nicht.
Zum Glück habe ich einer chinesischen Freundin davon erzählt. Sie war ganz erschrocken, denn im Kantonesischen hat 'Sung tschung', also 'Wanduhr verschenken', beinahe die gleiche Aussprache wie 'Ende des Lebens'. Daher ist eine Wanduhr als Geschenk hier ein absoluter Affront. Ebenso ist es verpönt, einem Mann einen grünen Hut zu schenken - denn das bedeutet: Die Frau des Beschenkten geht fremd.
Mit dem Lehrer diskutiert man nicht
Ich kann nicht sagen, ob mir vielleicht schon andere Patzer passiert sind. Denn im Zweifelsfall bekommt man das nicht mit. Die Chinesen sind sehr diskret. Hier gibt es den Ausdruck: 'Jemandem das Gesicht nehmen.' Es bedeutet, dass man eine Person, die etwas Dämliches getan hat, nicht vor einer Gruppe bloßstellen sollte. Jemandem das Gesicht zu nehmen ist in China für denjenigen, der es tut, sogar peinlicher als für den Betroffenen.
Nichts Falsches zu sagen, ist den Hongkongern sehr wichtig. Das merke ich auch in der Schule. Die Schüler antworten nicht so gern, wenn sie sich nicht absolut sicher sind. Mündliche Beteiligung gibt es eigentlich nicht. Die ist allerdings auch nicht nötig. Der Unterricht ist sehr frontal. Die Lehrer stellen höchstens rhetorische Fragen und verteilen auch keine mündlichen Noten. Am Anfang war das gewöhnungsbedürftig, denn auch Diskussionen haben wir nur außerhalb des Unterrichts.
Obwohl ich inzwischen einige Monate hier bin, lerne ich immer wieder neue Besonderheiten und Eigenarten kennen: Etwa, dass die Hongkonger sich eigentlich nicht als Chinesen bezeichnen, sondern gerne ihren alten Sonderstatus betonen.
Vorurteile gegen Festland-Chinesen
Die Meinung einiger Menschen in Hongkong über die Chinesen auf dem Festland hat mich fast ein bisschen erschreckt. Als ich vor ein paar Wochen mit einer Bildungsreise der Schule zum Festland fahren wollte, warnten mich alle: Dort sei es dreckig, die Menschen würden alle klauen und könnten sich nicht benehmen. Das war schon fast rassistisch. Die Vorurteile kann ich bisher nicht bestätigen.
Mit ein paar anderen Schülern haben wir uns ein großes Naturschutzgebiet mit einem Staudamm angeguckt. Von dort muss Hongkong sein Wasser einkaufen, denn die eigenen Ressourcen reichen für die dicht besiedelte Insel nicht. Ich war begeistert von der schönen, sauberen Natur. Die Anwohner des Stausees teilten allerdings meine Meinung nicht. Sie waren eher genervt von den strengen Umweltauflagen, die die Regierung für diese Gegend erlassen hat. Sie sahen nicht die saubere Umwelt, sondern nur die eigene Armut. Damit der See sauber bleibt, darf in der Gegend keine Industrie angesiedelt werden.
Wir haben uns überlegt, dass sie vielleicht Touristen anlocken könnten. Gegenüber anderen Gegenden in China hätten sie sicher einen Vorteil. An vielen Stellen ist die Umweltverschmutzung richtig schlimm, da es für Verstöße gegen die Auflagen nur Geldstrafen gibt. Gezeigt wurden mir diese Seiten Chinas allerdings noch nicht."