Abi-Action 2006 Showgeschäft statt Peinlichkeiten
Die Klausuren sind gelaufen, das Abi ist in der Tasche, und an jedem Gymnasium wird gefeiert. Endlich ist der Tag des Abi-Gags da, an dem Schüler Gelegenheit haben, den Spieß mal umzudrehen und ihre Lehrer peinlich vorzuführen. Jede Gemeinheit ist denkbar: Sie könnten Pädagogen in Zwangsjacken verpacken, durch den Dreck robben, über Misthaufen tanzen lassen. Die Schule unter Wasser setzen oder alle Eingänge zumauern. Einmal richtig die Sau raus lassen nach 13 Jahren Schulfrust.
Theoretisch.
Doch im richtigen Leben revanchiere sich kaum eine Oberstufe mehr, sagt Volkskundlerin Katrin Bauer, die in ihrer Magisterarbeit Abi-Gags untersucht hat. Die Zeiten, in denen Schüler nach 13 Jahren qualvollem Schulbesuch mit verhassten Paukern abrechnen, sind vorbei. Inzwischen gibt es Abiturienten wie die Schüler der Gesamtschule Wuppertal-Velbert, die kürzlich statt eines bösen Abi-Streichs ihre Lehrer zu einem friedlichen Abschiedsfrühstück einluden.
"Heute steht Unterhaltung statt Rache im Vordergrund", sagt Bauer, die Abiturfeiern im Rheinland in den Jahren 1990 bis 2002 analysierte. Das Schüler-Lehrer-Verhältnis sei in den letzten Jahren wesentlich entspannter geworden, immer öfter spielten Motive wie Dankbarkeit eine Rolle beim Abschiednehmen.
Lehrer im Big-Brother-Container
Stattdessen werden die Feiern wesentlich professioneller organisiert. Nebelmaschinen und Beamer-Einsätze sind fast selbstverständlich, die Abi-Zeitung wird auf Hochglanzpapier gedruckt, die jüngeren Jahrgänge amüsiert man mit Rodeo-Reiten. Die Schüler erstellen eigene Homepages und informieren sich, welche Spektakel an anderen Schulen geplant sind.
Dabei orientieren sich Jugendliche an Großereignissen aus Film und Fernsehen, hat Bauer festgestellt. In Köln stellten Schüler eine pompöse Oscar-Verleihung nach, spielten Filme ab und trugen Abendkleider statt bemalter Abi-Shirts. Auch TV-Shows wurden immer wieder aufgegriffen: Lehrer sangen Karaoke wie in "Deutschland sucht den Superstar", wurden im "Big Brother"-Container eingesperrt oder in nachgestellten Gerichtssendungen verurteilt.
In diesem Jahr spielt die Fußball-WM eine große Rolle - das Beethoven-Gymnasium in Bonn etwa veranstaltete mit Lehrern als lebende Tipp-Kick-Figuren ein Fußball-Turnier. "Es gibt genau festgelegte Choreografien, manchmal wird auch mit den Lehrern geprobt", sagt Bauer. Das Risiko, dass die Lehrer aus Angst vor Blamagen erst gar nicht zum letzten Schultag erscheinen, will heute keiner mehr eingehen.
Auch die Studenten des Studiengangs "Eventmanagement" an der Fachhochschule Bad Honnef begreifen die Abi-Gags als Dienstleistung, die den Weg ins Berufsleben ebnen kann. Um den Schülern bei der Organisation unter die Arme zu greifen, entwickelten sie die Webseite " Abi-Event-Manager ". Dort geben die Studenten ihre Erfahrungen aus Abi-Zeiten und ihr planerisches Wissen aus dem Studium weiter. Der Leitfaden erklärt, wie Partys und Bälle sicher funktionieren und bietet allgemeine Checklisten von Abi-Zeitung bis Vorfinanzierung zum Download an.
SchulSPIEGEL sucht das beste Abi-Foto
Denn für ihr Großaufgebot müssen die Schüler tief in die Tasche greifen: Mehrere Tausend Euro sind keine Seltenheit. Um das Geld zu erwirtschaften, beweisen sie schon Monate vorher ihre Geschäftstüchtigkeit. Sie bilden Komitees, organisieren Partys und Flohmärkte, suchen Sponsoren oder spekulieren an der Börse. "Die Abi-Feier könnte bald zur Referenz im Lebenslauf werden", sagt Bauer. "Hier werden Fähigkeiten wie Projektarbeit, Event-Organisation, Fundraising und Teamfähigkeit im kleinen Rahmen geprobt." Ein Paradebeispiel für eine teure Hochglanz-Aktion gab es am Bonner Aloysius-Kolleg, das 1998 den Direktor mit dem Hubschrauber einfliegen ließ.
Warum aber machen sich die Schüler die ganze Arbeit? "Diese Zeit ist ganz wichtig, sie ist ein Übergangsritual zwischen Schulzeit und Studium", sagt Bauer. "Oft haben mir Schüler erzählt, dass sie in dieser Zeit zum ersten Mal ein richtiges Gemeinschaftsgefühlt entwickelt haben." Danach stellt sich dann Wehmut ein: Manche Abiturienten wollen die Schule gar nicht mehr verlassen. Schließlich kann nach dem Abitur vieles schief gehen. Da feiert man den Abi-Gag doch lieber auf Nummer sicher.
Jetzt seid ihr an der Reihe:
Wie habt ihr euren Abi-Gag verbracht? Als gemeine Rächer, dicke Freunde oder professionelle Entertainer? Schickt uns eure schönsten Abi-Fotos und Videos an abigags@spiegel.de und schreibt einen kurzen Text über eure Abi-Action. Die schönsten Ideen werden im SchulSPIEGEL vorgestellt.