Abi-Tagebuch: Abitur ist Teamwork - DER SPIEGEL
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Abi-Tagebuch Abitur ist Teamwork

Anspannung, Augenringe, Autobahnen: Christian Hambrecht, 19, schreibt sein Abitur. In einer Geschichtsklausur soll er die Wirtschaftspolitik der Nazis skizzieren. Langsam wird der Prüfungsstress für ihn normal.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Hitler hat aber die Autobahnen gebaut" - dieser Satz geht gar nicht. Erst recht in einer Abi-Geschichtsklausur, scherzt ein Bekannter in einer Mail und wünscht mir viel Glück.

Ein Wissensberg lastet auf seiner Schulter: Christian Hambrecht, 19, schreibt sein Abitur

In der Nacht schlafe ich wie ein Murmeltier. Weder Bismarck noch Hitler oder Adenauer begegnen mir. Ich träume einen Traum, der beim Erwachen noch kurz in meinem Bewusstsein wabert - dann habe ich ihn auch schon vergessen. Der Morgen ist grau, gelb und rosa, meine Müslischale leuchtet im Schein der aufgehenden Sonne. Unter Anspannung werde ich zum Romantiker. Es gibt Schlimmeres, denke ich, Hauptsache geschmeidig bleiben.

Mein Vater fährt mich auch heute wieder zur Schule. Was vor kurzem noch neu war, ist zur Gewohnheit geworden. Ja, man gewöhnt sich erstaunlich schnell an das Abitur.

Der Prüfungsraum ist derselbe wie beim Matheabitur am Freitag. Ich sitze sogar am selben Platz: hinten rechts am Fenster mit Blick auf eine schwankende Kiefer. Nur bin ich diesmal eine andere Nummer, die 13. Arne wünscht mir Hals- und Beinbruch. Er sitzt neben mir, hat ein sehr schmales, weißes Gesicht. Seine Bewegungen sind fahrig und leicht verzögert. Auch Leocadia ist bleich, sie erinnert mich an ein Pferd, das vor einem großen Rennen in der Startbox tänzelt und sich aufbäumt. Gleich wird ihr Kuli übers Papier sausen. Aber noch ist es nicht halb neun.

Missionsversuch vor Klausurbeginn

Moritz Augen blicken trüb, darunter haben sich dunkle Ringe gebildet. Er zwinkert herüber. Ich zwinkere zurück. Für die meisten von uns ist das Abitur (und die Feier danach) der Höhepunkt des Jahres. Bei Moritz kommt er erst im Juli: Da heiratet er.

Einer meiner Freunde heiratet. Ich werde alt.

Die Geschichtslehrerin Frau Dr. Horn hat heute Aufsicht. Eindringlich bemüht sie sich, mir die Idee, Jura zu studieren, auszureden. In diesen letzten Sekunden vor der Prüfung prasseln ihre Worte wie kleine spitze Pfeile auf mich ein. Angestrengt versuche ich trotzdem, mich zu sammeln und ruhig zu werden. Ich werfe einen verzweifelten Blick zu Herrn Ullmann hinüber. Er lächelt heute nicht einmal mit einem Mundwinkel. Hoffentlich gibt er bald sein Startsignal.

Endlich versiegt der Wortschwall, ein graues DIN-A4-Heft liegt vor mir. Ich schlage es auf. Die erste Aufgabe: "Skizzieren Sie die Wirtschaftspolitik der Nationalsozialisten von 1933 bis zum Ausbruch des Weltkriegs." Ich schmunzele und schreibe "Hitler baute die Autobahnen". Reicht das schon für einen Punkt?

"Abitur ist Teamwork"

Die viereinhalb Stunden ziehen sich wie Kaugummi. Die Minuten verstreichen nur träge, ich blicke auf die Uhr, blicke auf mein Blatt, blicke auf die kleinen, putzig weißblauen Wolken draußen. Zeit en masse, denke ich. Doch die Zeit schlägt mir ein Schnippchen: Die letzte Stunde rast. Meine Anspannung steigt - und der Druck in meiner Blase auch. Ich muss meine Bögen zusammenklauben, sie der Aufsicht geben und hinauseilen.

Am Rand meiner Arbeit wird fein säuberlich vermerkt: Ausgetreten um 11.36 Uhr. Wiedergekommen um 11.37 Uhr. Nur für den Fall, dass ich einen "außerordentlichen Geistesblitz" auf der Toilette hatte. Die Sicherheitsvorkehrungen sind so ausgetüftelt, dass auf dem Klo nur gesch..., aber nicht besch... werden kann.

Um ein Uhr ist Abgabe. Endlich frische Luft. Trotzdem laufen wir zum Rauchereck vor dem Schultor. Heute ist es schon besetzt, statt der großen Schülertraube steht dort ein roter Golf-Variant. Darin sitzt mein Vater. Er holt mich sogar von der Schule ab. Wow, denke ich. Auf meine erstaunte Nachfrage antwortet er: "Abitur ist Teamwork. Da leistet die ganze Familie ihren Beitrag. Wir machen Abitur dieses Jahr, klar?"

Hoffentlich ist mein Abitur so gut wie der Service.

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