Abschied vom Abi-Sommer: Bye, bye Sorglosigkeit - DER SPIEGEL
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Abschied vom Abi-Sommer Bye, bye Sorglosigkeit

Ausschlafen, chatten, Bier im Park: Nach dem Abi scheint die Zeit stillzustehen. Aber was dann - wo wohnen, was studieren, wen lieben? Ein Jahr lang hat Buchautorin Lara Fritzsche, 25, Abiturienten begleitet und ihr Lebensgefühl eingefangen. Ein Nachruf auf den Sommer, der alles verändert.
Jugendliche am Lagerfeuer: Abschied vom leichten Leben
Jugendliche am Lagerfeuer: Abschied vom leichten Leben

Jugendliche am Lagerfeuer: Abschied vom leichten Leben

Foto: A3464 Rainer Jensen/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das soll er also gewesen sein, der beste Sommer des Lebens? Die ersten Wochen nach der letzten Abiturprüfung schien die Realität das Versprechen von einer sorgenfreien, geilen Zeit noch zu halten. Der Wind war warm, durchsetzt mit Blütenpollen und roch nach Grillfleisch. Auch noch spät abends streichelte er über ihre Arme, so lau, dass man Gänsehaut bekommen konnte.

Sie saßen zusammen, aneinander gelehnt, lagen, den Kopf im Schoß der Freundin abgelegt. Neben ihnen im Rasen brannten ein paar rote Friedhofskerzen. Sie hatten sich Entspannung verdient nach neun harten Jahren Schule - das war ihr Gefühl in diesen Wochen.

Jeder Tag war gleich und verging so richtig schön langsam. Mittags aufstehen, chatten und im Internet surfen, dann um halb drei ein Bier aus dem Kühlschrank holen, weiter chatten. Dann duschen, anziehen und in den Park gehen. Jeden Tag kamen sie hier an derselben Stelle zusammen, am Rand des Hügels, mit Blick auf die gesamte Rasenfläche, den Teich und den Spielplatz. Das war ihr Treffpunkt.

Irgendjemand war immer da

Ganz selbstverständlich tauchte man hier auf, manchmal sogar ohne vorher mit dem Handy zu überprüfen, wer da ist. Irgendjemand war immer da. Küsschen recht, Küsschen links, Decke ausbreiten, Bier aufmachen. An manchen Tagen waren sie so viele, dass die vielen verschieden farbigen Quadrate von oben ausgesehen haben müssen wie ein großer Fleckenteppich.

Sie lagen in der Sonne, schwiegen, quatschten, lachten, grillten. Im Kreis sitzend erzählten sie sich dann die besten Szenen aus der Schulzeit immer und immer wieder, witzelten über die Lehrer und lästerten nochmal über die Prüfungsfragen. Irgendwann eröffnete immer irgendeiner die Debatte, wer aus der Stufe wohl als erstes Kinder bekommen würde. Und am späten Abend, wenn alle Hemmungen gefallen waren, musste jeder aufzählen, in wen aus der Stufe er schon mal verliebt war.

Nie vorher waren sie sich so nah gewesen. Hier entwickelten sich Konstellationen, die vorher gar nicht möglich gewesen wären. Die Cliquen waren plötzlich nicht mehr so streng definiert. Alle saßen wild durcheinander, der Sprücheklopfer neben der Weltretterin, der Leadsänger neben dem Stufenbesten, das Topmodel neben dem Nachwuchs-Comedian. Hier im Park waren sie plötzlich eine Stufe, eine Gruppe, die etwas verbindet.

Aber schon ein paar Wochen nach der letzten Abiturprüfung war das nicht mehr Sorglosigkeit, sondern nackte Panik. Denn was ihnen vorher keiner gesagt hatte: Die Zeit zwischen Abitur und "echtem" Leben ist die Zeit der großen Entscheidungen. Auf einmal wird von ihnen verlangt, erwachsen zu sein und sich auch so zu verhalten. Nun wollen alle von ihnen wissen, was sie denn jetzt vor hätten - außer jeden Tag im Park rumzuhängen, nachts feiern zu gehen und bis mittags zu schlafen.

Hilfe, Entscheidungen haben Konsequenzen

Gute Frage. Klar hatten sie mal darüber nachgedacht, sich eine große Karriere zusammen gesponnen. Aber jetzt, wo es gilt, ist das nicht mehr so einfach. Die Angst, etwas falsch zu machen, ist groß - aber nicht neu: Sie begleitet sie, seit sie bewusst mitentscheiden. Die richtige Schule musste gefunden werden, das richtige Wahlpflichtfach in der neunten Klasse, die Kurswahl in der Oberstufe, schließlich die Wahl der Abiturfächer.

Diese Entscheidungen waren auch schon wichtig, aber betrafen immer nur die Schule. Selbst wenn man sich mal falsch entschied, man hatte sich noch nichts verbaut. Auch mit einem Abitur ohne Mathe als Leistungskurs kann man Ingenieur werden, und auch wer seine Schullaufbahn in Deutsch nicht mit Eins beendet hat, kann später Romane schreiben.

Aber die Wahl, die Abiturienten jetzt treffen, die ist endgültig.

Auf die Eltern hören sie nicht. Sie wollen direkt richtig liegen und glauben, dass ihr Lebenslauf eine Richtung aufzeigen muss. Je früher sich diese abzeichnet, desto besser. Einen falschen Weg gehen, sich verzetteln, womöglich umentscheiden müssen und dabei Zeit verlieren - das kommt nicht in Frage.

Wenn sie ein Studium wählen, dann muss es nicht nur Spaß bringen, sondern auch einen Job - daran denken sie schon jetzt. Ihr Gefühl ist ein anderes als das ihrer Eltern und Großeltern. Es kann auch abwärts gehen, nicht nur aufwärts - und in diesem Sommer wird die prekäre Lage im Land plötzlich real und betrifft potenziell auch sie. Als sie noch die Schule besuchten, war es egal, was draußen für ein Sturm tobte. Sie befanden sich in einem geschützten Raum. Aber jetzt stehen sie auf freiem Feld. Und es ist nicht mehr die Wiese im Park mit den vielen bunten Decken.

Die Autorin Lara Fritzsche hat ein Jahr lang eine Kölner Klasse durchs Abitur begleitet. Der SchulSPIEGEL präsentiert Auszüge aus ihrem Buch "Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten", Kiepenheuer & Witsch, 2009.

Die Liebe - klappt das mit der Fernbeziehung?

Die Nacht endet mit einer SMS von Tim. "Danke für den schönen Abend, Mylady. Ich ruf dich morgen an." Darauf schickt Sophia auch noch eine raus - an ihre Freundinnen. "Er ist soo süß, hat grad schon geschrieben."

Als sie am nächsten Morgen aufwacht, hat sie aber gleich ein Problem ausgemacht, einen Grund, warum sie nicht zusammen sein könnten. Irgendwie würde das jetzt gar nicht passen. Sie wisse doch noch gar nicht, wo sie einen Studienplatz bekommen werde, und Tim wolle ja in Köln bleiben und Sportmanagement studieren. Das sei doch völlig unsinnig, jetzt was anzufangen, wo es gut sein könne, dass sie sich in ein paar Wochen schon wieder verabschieden müssten.

Fernbeziehungen hielten doch nicht, das wisse doch jeder. Vor allem wenn man erst so kurz zusammen sei. Das sei völlig aussichtslos. Dann lebe man sich in der neuen Stadt nicht richtig ein, komme dort nicht richtig an und sei dann andauernd unzufrieden. Einfach abzuwarten, sich erst mal drauf einzulassen, fällt Sophia schwer. Nachmittags ruft Tim an, sie verabreden sich bei seinem Lieblingschinesen, bei dem man zum Festpreis so viel essen kann, wie man will. Sie sitzen dort bis elf, gehen danach zu ihm und reden bis vier Uhr.

Diesmal beschließen sie, einfach nichts mehr auszuschließen. "Wir sind zusammen", tippt Sophia in dieser Nacht auf der Gästetoilette von Tims Eltern in ihr Handy und schickt die SMS an ihre Freundinnen. So werden sie doch ein Paar, obwohl sie beide wissen, dass jeden Morgen die Zusagen von den Unis kommen können, die sie an zwei verschiedene Orte in Deutschland verschlagen.

Schlafen sie bei ihr, geht sie morgens zum Briefkasten, und er ruft seine Eltern an, um nachzuhören, ob es Post gibt. Schläft sie bei ihm, ist es andersherum. Sie beide hoffen auf Köln. Aber es könnte auch Gießen werden für ihn, Bonn, Düsseldorf oder Münster für sie. Was dann ist? "Wir wissen es nicht, keine Ahnung", sagt Tim.

Aus: Lara Fritzsche: Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten. Kiepenheuer & Witsch, 2009

Der Umzug - "Hilfe, mein Vater klaut mein Leben"

So häufig man auch im Sommer miteinander rumgehangen hat, gefeiert und gelacht, für den Umzug rekrutiert man dann doch lieber Mama und Papa. Die wissen, wie das geht, die haben das Kleingeld für den Transporter, und die bezahlen dann noch den ersten Großeinkauf, um die neuen Schränke zu füllen.

Und das tun sie gern. Rike hatte sogar den Eindruck, dass sich ihr Vater in ihrer Studenten-WG in Friedrichshain wohler fühlt als sie. Am Ende hat er sogar seinen Urlaub verlängert, um noch zwei Tage länger zu bleiben, Berlin anzuschauen und abends mir ihr in der verranzten Küche Omelettes zu braten. Sogar mit ihren drei Mitbewohnern hat er Kontakt aufgenommen, sie im Flur ausgefragt und sich kurzerhand in ihre Zimmer eingeladen.

"Hilfe, mein Vater klaut mein Leben", hatte Rike abends ihren Freundinnen gesimst. Kein unbekanntes Gefühl für die anderen. Einerseits profitieren sie alle gern von der großen Bemutterung, andererseits ist es ihnen auch manchmal peinlich. Frei nach dem Motto "Eigentlich müssten wir erwachsen werden".

Aber Kind sein ist halt auch ganz praktisch. Da muss man nicht an so viele Dinge denken, sich um nichts kümmern, nur nach Hause kommen und die Gabel zum Mund führen. Das Leben allein bringt mehr Arbeit, als sie erwartet hatten. Irgendwie ist immer was zu tun. Der Installateur der Internetfirma kommt nicht zum vereinbarten Termin und man muss hinterhertelefonieren, die GEZ steht plötzlich vor der Tür und will Geld, die Vermieter nerven wegen des dreckigen Hausflurs. Die Mitbewohner stressen wegen des Abwaschs, der im Spülbecken wartet, die Bank braucht eine Immatrikulationsbescheinigung und ruft ständig an, keiner kauft Klopapier nach, man muss sich dringend noch ummelden, und dann auch noch die ganze Rennerei in der Uni. Hier ein Zettel zu wenig, da fehlt eine Unterschrift, und die Internetseite für die Kursanmeldung stürzt auch ständig ab.

Da ist man rund um die Uhr beschäftigt, ohne wirklich das gemacht zu haben, wofür man ausgezogen ist: leben. Und wenn man nach all dem Ärger abends in die neue Bude kommt, dann warten nicht mal die feinen Barilla-Nudeln, die es zu Hause immer gab, sondern die trockene Variante vom Discounter. Die guten Fertigsoßen sind zu teuer, Olivenöl sowieso.

In Rikes WG hat sich deshalb "Penne Ja" durchgesetzt. Grundlage bildet eine Packung passierter Tomaten von "Ja", dazu kommen Knoblauch, Pfeffer und Salz - das war's.

Aus: Lara Fritzsche: Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten. Kiepenheuer & Witsch, 2009

Die Uni - Wie sich der Start optimal vorbereiten lässt

Sie ist diesen Weg schon ein paar Mal gefahren. Vergangene Woche, als sie die Vorbereitungstreffen besucht hat, aber da wurden die Erstsemester immer noch als Gäste begrüßt. Und so hat sie sich auch gefühlt. Heute geht sie zum ersten Mal als echte Studentin hin. Ein aufregendes Gefühl. Diese Mischung aus Verantwortung und Vorfreude. Das Wissen darum, dass gerade etwas Neues beginnt. Dieses Rumoren im Bauch, dieses Flattern, wie nach zu viel Kaffee ohne Milch. Diese Leere und gleichzeitig das Gefühl, übervoll zu sein mit Emotionen.

"Ich bin gerade so durchgeknallt", sagt Jana, aber leise. Sie will um keinen Preis als einer dieser 335.554 hibbeligen Erstis auffallen, die in diesen Tagen die Unis und Fachhochschulen überschwemmen. Wo der Saal liegt, in den sie heute muss, das hatte sie schon im Internet rausgefunden.

"Ich will da nicht rumirren wie ein Neuling", erklärt sie. Sie will locker aus der Linie neun aussteigen, den Bahnsteig auf der richtigen Seite verlassen, mit den anderen Richtung Haupteingang gehen, vor der Glastür noch den leeren Starbucks-Becher entsorgen, reingehen und zielstrebig den Raum aufsuchen. Kein hektisches Umherblicken, kein Anrempeln aufgrund ruckartiger Richtungswechsel, und vor allem will sie niemanden fragen müssen. Die Vorbereitung hat sich gelohnt, sie nimmt ein paar Stufen und betritt entspannt und pünktlich den Saal.

Ein paar andere sitzen hier schon, einige haben bereits ihre Arbeitsmaterialien auf dem Ausklapppult aufgebaut und schauen sich neugierig um. Andere haben ihr Handy in der Hand, tippen etwas und versuchen möglichst wenig einsam auszusehen.

Jana zögert. Wohin setzen? Setzt man sich neben die falschen Leute, wird man gleich mit denen gesehen, assoziiert und als der Gruppe zugehörig abgestempelt. Zu ihrer akribischen Vorbereitung hat auch gehört, sich bereits bei StudiVZ diejenigen anzuschauen, die dort dieselben Lehrveranstaltungen angegeben haben wie sie.

Ein paar Profile haben ihr gut gefallen. Besonders ist ihr das Profil einer gewissen Eli aufgefallen. Die hat ein Foto reingestellt, auf dem sie in einem roten Plüschsessel sitzt und an einem Champagnerkelch nippt. Außerdem hatte sie als Traum-Wohnort ebenfalls New York angegeben - genau wie Jana. Diese Sehnsucht haben sie also schon mal gemeinsam. Beste Voraussetzungen für eine Freundschaft.

Aus: Lara Fritzsche: Das Leben ist kein Ponyhof. Die unbekannte Welt der Abiturienten. Kiepenheuer & Witsch, 2009