Ägyptischer Schulalltag: Korruption im Klassenzimmer - DER SPIEGEL
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Ägyptischer Schulalltag Korruption im Klassenzimmer

Nachhilfe ist in Ägypten ein großes Geschäft - für die Lehrer. Obwohl sie an staatlichen Schulen keinen Privatunterricht anbieten dürfen, bessern viele mit Nachhilfe ihre mageren Gehälter auf. Die Schüler stehen vor der Wahl: Entweder sie zahlen oder sie fallen durch.
Von Moritz Behrendt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wenn die Schule vorbei ist, fängt in Ägypten der Unterricht erst an. Um die Abschlussprüfungen am Ende des Schuljahres zu bestehen, muss ein Großteil der Schüler in Ägypten private Nachhilfestunden nehmen. Ohne den bezahlten Unterricht am Nachmittag würden die meisten die Prüfungen nicht bestehen, und ohne einen guten Schulabschluss sehen die Zukunftsaussichten mau aus. Denn die ägyptische Gesellschaft verjüngt sich: Mehr als die Hälfte aller Ägypter sind mittlerweile unter 24 Jahre alt, und sie alle strömen auf einen überfüllten Arbeitsmarkt.

Daher lassen sich ägyptische Familien den Schulerfolg ihrer Kinder einiges kosten. Mit fatalen Folgen: Die Berliner Ethnologie-Studentin Sarah Hartmann spricht von einem "Schwarzmarkt der Bildung", in dem der staatliche Bildungsauftrag zunehmend von privaten Anbietern übernommen wird. Und die Lehrer kassieren dabei kräftig mit: Viele übergehen im Unterricht absichtlich Lehrplaninhalte und drängen ihre Schüler, am Nachmittag zu ihnen in die Privatstunde zu kommen.

Kein Wunder: Das normale Gehalt eines Angestellten reicht in dem nordafrikanischen Land kaum zum Überleben. An den staatlichen Schulen Ägyptens verdient ein Lehrer zwischen 120 und 300 Ägyptische Pfund im Monat, umgerechnet nicht einmal 45 Euro. Doch mit Privatstunden können sie bis zu 10.000 Pfund zusätzlich einnehmen, auch wenn es für sie eigentlich verboten ist, wie Hartmann betont.

Nachhilfe bis in den späten Abend

Sarah Hartmann lebte fünf Monate lang in Kairo. Im Rahmen einer Exkursion des Instituts für Ethnologie der Freien Universität Berlin forschte sie dort gemeinsam mit sieben anderen Berliner Studenten über die Jugend in der ägyptischen Hauptstadt. Sie wollte etwas über die Bildungschancen junger Ägypter erfahren. "Doch dann ist das Thema Nachhilfe auf mich gestoßen", sagt die 25-Jährige.

Für die Ägypter war der Privatunterricht eine Selbstverständlichkeit, doch die deutsche Studentin war verwundert, dass einige Schüler bis zu fünf Tage in der Woche zur Nachhilfe gehen - keineswegs nur für Fächer, in denen sie schwach sind. Manchmal besuchen die Jugendlichen bis in den späten Abend ihre Privatlehrer oder kommerzielle Nachhilfezentren. "Wie viel Nachhilfe ein Schüler in Anspruch nimmt, ist in erster Linie von der Finanzkraft der Familien abhängig", meint Hartmann.

Ende Juni stellten die Nachwuchsethnologen die Ergebnisse ihrer Feldforschungen auf einer Konferenz in Kairo über "Jugend und Wertewandel" vor, die vom dortigen Goethe-Institut und dem Berliner Zentrum Moderner Orient veranstaltet wurde. Die Reaktionen auf die Präsentationen der Berliner Gruppe waren eher überrascht. Skeptisch fragten einige ägyptische Studenten: "Warum wollen die Deutschen so viel über uns wissen?" Andere Wissenschaftler waren erstaunt, dass solche Forschungen in Ägypten überhaupt möglich waren.

Denn bei der Konferenz wurde deutlich, dass der ägyptische Staat kein großes Interesse an Forschungen über die eigene Jugend hat. Bei quantitativen Erhebungen muss jede einzelne Frage vom Jugendministerium abgesegnet werden.

Deshalb habe das Team gar nicht erst versucht, den offiziellen Weg zu gehen und Genehmigungen einzuholen, sagt der Ethnologe Thomas Hüsken, der die Studenten bei ihren Feldforschungen betreute. Auch Sarah Hartmann hat diese Wissenschaftsfeindlichkeit erlebt: Als Ausländerin war es ihr nicht erlaubt, staatliche Schulen zu betreten. Als sie doch einmal gemeinsam mit ihrer Übersetzerin eine Schule besuchte, erregte sie Aufsehen und musste flüchten.

Naturwissenschaften sind besonders teuer

So musste sie ihre Informanten außerhalb der Schulen finden. Die erzählten ihr, dass die Schüler vor allem für die Abschlussprüfungen in der elften und zwölften Klasse lernten. Die Noten dieser Prüfungen entscheiden darüber, welches Studienfach die Schülerinnen und Schüler später belegen dürfen. "In der Hierarchie der Studienfächer stehen die Naturwissenschaften ganz oben, deshalb ist die Nachhilfe für diese Fächer auch am teuersten", erfuhr Hartmann. Sie hat jedoch auch von Fällen gehört, in denen schon Grundschüler Privatunterricht nahmen.

Sarah Hartmann kann nur vermuten, dass die Mehrheit der Lehrer illegal Privatstunden anbietet. Einige Lehrer sagten zwar, dass es dieses Phänomen gebe und auch, dass es weit verbreitet sei. Doch sie selbst hätten das nicht nötig. Später erfuhr Hartmann dann von Schülern, die bei genau diesen Lehrern Privatstunden besuchten. Einige von ihnen gäben Schülern, die keine Nachhilfe bei ihnen nehmen, schlechtere Noten, erzählten Hartmanns ägyptische Informanten. Andere schlügen sie sogar häufiger als andere Schüler. Und in manchen Klassen müssen die Schüler, die keine Nachhilfestunden nehmen, auf den hintersten Bänken im Raum Platz nehmen.

So wird das Klassenzimmer zunehmend zum Ort, wo die Lehrer Kunden für ihre privaten Dienste akquirieren. "Nicht alle Lehrer in Ägypten sind korrupt", sagt Hartmann. Doch wie verbreitet das Phänomen ist, erlebte sie im Gespräch mit einem Lehrer. Als sie erzählte, dass in Deutschland vor allem Studenten und Schüler höherer Klassen Nachhilfestunden gäben, fragte der Lehrer erstaunt: "Und was machen die deutschen Lehrer nach der Schule?"

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