Algebra auf hoher See Das segelnde Klassenzimmer
Für die meisten Jugendlichen an Bord der "Thor Heyerdahl" war es das Abenteuer ihres Lebens. Mehr als sechs Monate waren die 30 Schüler auf dem Wasser unterwegs, durchquerten den Atlantik, umschifften die Azoren und setzten Segel in der Karibik. Am Samstag kehrten die Schüler zurück von der großen Reise.
Für eingefleischte Landratten ist der Unterricht im segelnden Klassenzimmer keine gute Idee. Die 30 Elfklässler auf Deutschlands einzigem hochseetüchtigen Gymnasium brauchten maritime Qualitäten. Der sechseinhalbmonatige Törn führte von Kiel aus vorbei an Teneriffa, Kuba, Costa Rica, Mexiko, den Bermudas und Azoren. Nach über 13.000 Seemeilen machte der Dreimast-Toppsegelschoner "Thor Heyerdahl" pünktlich zum Hamburger Hafengeburtstag an der Kehrwiederspitze fest.
Herzlich begrüßten Eltern und Freunde die 15- bis 18-jährigen Gymnasiasten in der Heimat. "Ich könnte sofort weitersegeln", sagt die 17-jährige Isabella Fendt aus München, die von ihrer Mutter empfangen wird. Über Tausende Seemeilen getrennt, hatten beide in den letzten Monaten nur per E-Mail kommuniziert. Dennoch empfinde sie im Moment so etwas wie "Begrüßung und Abschied zugleich", sagt Isabella. Der Törn habe sie reicher an Lebenserfahrung gemacht und auch viel Spaß gebracht. Die Mutter sieht es ein wenig anders. Sie sei schon etwas besorgt gewesen und nun "froh, dass meine Tochter wieder zu Hause ist".
Segeltörn soll Verantwortung lehren
Neben Schülern der reformpädagogischen Hermann-Lietz-Schule Spiekeroog, die das Projekt vor zwölf Jahren ins Leben gerufen hat, konnten auch Elftklässler anderer Internate und Gymnasien an der Seereise teilnehmen. Seit 1983 haben mehr als 6000 Jugendliche an Reisen mit der "Thor Heyerdahl" teilgenommen. Die Eltern kostet die Segelreise 2375 Euro pro Monat - kein Pappenstiel. Das Projekt "High Seas High School" bedeutet vor allem Lernen auf hoher See. Während die Klassenkameraden auf dem Festland die Schulbank drückten, vermittelten an Deck der "Thor Heyerdahl" vier Lehrer den Schulstoff. Da wird Algebra vor Teneriffa gepaukt und Lessing unter karibischer Sonne gelesen.
Darüber hinaus mussten die Schüler alle Aufgaben auf dem Schiff übernehmen - vom Kochen und Abwaschen über das Navigieren bis hin zum Segeleinholen. Ein Höhepunkt der Reise war die Übergabe des Schiffes an die Jugendlichen. Dabei mussten sie zeigen, dass sie das 76 Jahre alte und fast 50 Meter lange Schiff richtig handhaben konnten.
"Ihr habt Nähe und Intensität gespürt und gelernt, mit Entbehrungen und Enttäuschungen umzugehen", betont Hartwig Henke, Direktor der Hermann-Lietz-Schule und gleichzeitig Projektleiter des Segeltörns. Ziel des einmaligen Schulprojekts sei es, junge Menschen in ihrer Eigenverantwortlichkeit zu stärken und sie "auf die große Fahrt ins Leben vorzubereiten", so Henke. Denn neben dem normalen Schulstoff stand vor allem das "Lernen fürs Leben" auf dem Stundenplan - etwa das Erleben fremder Kulturen und der Umgang mit Verantwortung, wie Henke sagt. Ein wenig sei man jetzt aber erleichtert, "unsere Kinder unversehrt wieder zu haben".
"Heftiger Seegang ist eine echte Herausforderung", erzählt Felicitas Sobel, 17. Mitte April sei das Schiff sogar in einen Sturm der Stärke elf geraten - eine Ausnahmesituation, die alle gut überstanden hätten. Auf der "Thor" hätten nur kleine Schäden ausgebessert werden müssen.
Das "High Seas High School"-Projekt findet jedes Jahr statt. Derzeit werden Sponsoren gesucht, um auch Kindern aus Familien mit geringerem Einkommen einen Segeltörn zu ermöglichen. Für den kommenden Segeltrip kann sich jeder Schüler der zehnten Klasse eines Gymnasiums bewerben.
cpa/ddp