Bund und Länder 180 Millionen Euro gegen Analphabetismus
Buchstaben des Spiels "Lingua" (Symbolbild)
Foto: Oliver Berg/ dpaE-Mails, Fahrpläne, Rezepte - wer nicht lesen und schreiben kann, hat es schwer in Deutschland, am normalen gesellschaftlichen Leben teilzuhaben. Millionen Menschen sind hierzulande davon betroffen. Sie gelten als Analphabeten.
Ihnen wollen Bund und Länder in den kommenden zehn Jahren verstärkt helfen. Der Bund stockt seine Förderung dazu für diesen Zeitraum auf rund 180 Millionen Euro auf. "In der Wissensgesellschaft wird es schwieriger, zu verdecken, dass man nicht richtig lesen und schreiben kann", sagte Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) am Montag in Berlin zum Auftakt der "Nationalen Dekade für Alphabetisierung und Grundbildung".
Bis zum Jahr 2026 wollen sich Bund und Länder stärker für die Alphabetisierung von Menschen einsetzen, unter anderem mit speziellen Lernangeboten für Erwachsene. Das Ziel der Kampagne: mehr Betroffene für spezielle Bildungsangebote gewinnen und die Öffentlichkeit stärker für das Thema sensibilisieren. Denn Analphabetismus ist immer noch ein Tabuthema.
Betroffene haben oft eine hohe Hemmschwelle, Hilfen anzunehmen. Viele geraten aus Angst vor Diskriminierung in die Isolation. Um diese Menschen zu erreichen, wollen sich den Angaben zufolge Politik, Bildungsträger wie Volkshochschulen, Arbeitgeber, Vereine und Verbände besser vernetzen. Auch die Ursachen und die Verbreitung des sogenannten funktionalen Analphabetismus sollen besser erforscht werden.
Nötig seien wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse, um mit "passgenauen Lernangeboten wirkungsvoller gegen Analphabetismus vorgehen zu können", sagte die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, die Bremer Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD).
Was bedeutet Analphabetismus?
"Lesen" - leichter gesagt, als getan!
Foto: Jens Büttner/ picture alliance / dpaSogenannte funktionale Analphabeten können zwar Buchstaben, Wörter und einzelne Sätze lesen und schreiben, haben jedoch Mühe, einen längeren zusammenhängenden Text zu verstehen. Davon sind in Deutschland 7,5 Millionen Erwachsene betroffen, 60 Prozent sind Männer, wie 2011 eine Studie der Universität Hamburg zeigte. Eine weitere, kleinere Gruppe von Menschen kann einzelne Wörter schreiben, aber keine ganzen Sätze.
Dinge des alltäglichen Lebens, wie Bedienungsanleitungen oder Automaten, sind für die Betroffenen eine riesige Herausforderung. Ihre Scham und ihr Leidensdruck sind oft groß. Meist entwickeln sie ausgeklügelte Strategien, damit das Problem in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Familien- und Freundeskreis nicht auffällt.
Beim funktionalen Analphabetismus können dem Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung zufolge Probleme bei schulischen Leistungen ebenso eine Rolle spielen wie Vernachlässigung durch die Familie oder ein geringes Selbstwertgefühl. Oft konnten schon die Eltern nicht richtig lesen und schreiben.