Austausch-Log: Barfuß am Whiteboard - DER SPIEGEL
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Austausch-Log Barfuß am Whiteboard

Austauschschülerin Ilka Thiele, 15, lebt schon wie eine echte Finnin: Sie wirft ihre Schuhe durch den Klassenraum, hört finnischen Rock über Schul-Lautsprecher und verzichtet auf "Schiffeversenken" im Unterricht.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Unser Schulgebäude ist nichts Besonderes mehr für mich. Wenn ich allerdings an meine Schule in Deutschland denke, merke ich wieder, dass in Finnland am Anfang gar nichts in mein früheres Bild von Schule passte. Es gibt gepolsterte Bänke, geschmackvolle Bilder, Pflanzen, Garderoben, immer saubere Toiletten, an denen nichts kaputt ist, eine schöne helle Cafeteria und Bildschirme, die Bilder aus der Umgebung zeigen und das tägliche Schulessen ankündigen. Ich glaube, sogar für finnische Verhältnisse ist diese Schule sehr modern eingerichtet.

Jeden Morgen warte ich mit Freunden aus meiner Stufe im Eingangsbereich, bis uns die Uhr sagt, dass wir zu unseren jeweiligen Kursen aufmachen sollten - einen Schulgong gibt es an meiner Schule nämlich nicht. Auch wenn mir das echt gut gefällt, ist es eine andere Frage, ob so etwas auch an deutschen Schulen funktionieren würde.

Also, auf zu den jeweiligen Räumen. Wir verteilen uns auf Kursräume mit spezieller Ausrüstung für Physik, Chemie oder Englisch. Der Klassenverband hat keine Bedeutung, weil das finnische Oberstufensystem ein Kurssystem ist. In jedem Raum gibt es mindestens einen Videorekorder oder DVD-Spieler, an der Stelle unserer quietschenden grünen Tafeln stehen hier überwiegend praktische Whiteboards, und meistens gibt es auch einen Beamer und Kameras, die das Lehrerpult bei Bedarf filmen. Man kann diese Kameras natürlich auch prima "missbrauchen", wenn zum Beispiel ein Lehrer vergisst, sie wieder auszuschalten.

Erstaunlich: Kopfhörer können funktionieren

Die Sprachräume haben alle ausreichend Kopfhörer, die immer funktionieren - irgendwie faszinierend. Sie werden für Listening Comprehensions eingesetzt: Neben Vokabeltests und Aufsätzen ist das Hörverständnis einer der Faktoren, nach denen man dann seine Note bekommt. Mündliches hingegen spielt fast gar keine Rolle.

Nicht vergessen: Vor den meisten Räumen muss ich an meiner Schule die Schuhe ausziehen! Während der ersten Tage bin ich noch oft nach deutscher Gewohnheit mit Schuhen in den Klassenraum marschiert - peinlich. Heute pfeffer' ich wie eine Finnin die Schuhe irgendwo in die Nähe des Raumes. Man wird sie schon wieder finden. Einen Sinn hat das ganze auch: weniger Arbeit für die Putzfrauen und saubere Unterrichtsräume. Ich allerdings leide unter chronisch kalten Füßen und sehe durch die Socken hindurch meine Füße blau anlaufen...

Zu Beginn der zweiten Stunde schallt fast immer finnische Musik in ordentlicher Lautstärke aus den Lautsprechern. Ob Klassik, Rock, Pop oder Metal: Hauptsache, die Band kommt aus Finnland. Sie haben ihren Nationalstolz, dass muss man ihnen lassen. Vor einer Woche spielte die Schülervertretung freundlicherweise auch mal einen deutschen Song: "Eins zwei Polizei, drei vier ein Glas Bier, fünf sechs alte Hex'..." - sagt das noch jemandem etwas? Ab und an kommt auch vor der ersten Stunde eine Art Predigt über die Lautsprecher, vorgelesen von Lehrern oder Sekretärinnen oder Mitarbeitern bei der Gemeinde.

Während des Unterrichts ist vor allem eine Sache bezeichnend: Stille. Wenn der Lehrer redet, ob er es nun gut macht oder nicht, ob er jung ist oder alt, die Schüler geben ihm eine Chance und hören zu. Schließlich muss man selber die Klassenarbeiten für sich schreiben, was bringt es einem da, den Lehrer zu ärgern oder bei der Prüfung zu schummeln.

Während des Englisch-Vokabeltests vor zwei Tagen befand sich kein Lehrer im Raum. Ja glaubt man, ein Mensch hätte einen Ton von sich gegeben, oder gar auf das Blatt seines Nachbarn geguckt? Nein, niemals. In meiner Klasse in Deutschland wäre in solchen Momenten Hochstimmung. Es ist also vor allem die Einstellung der Schüler und Lehrer, die finnische Schule so ganz anders macht. Auch ich verhalte mich anders als zu Hause. Obwohl ich in Erdkunde manchmal das Bedürfnis verspüre, Schiffeversenken zu spielen, käme ich nicht auf die Idee, es auszuprobieren. So was ist in Finnland einfach unangebracht.

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