Alexandra auf den Färöer-Inseln: Vier Jahreszeiten an einem Tag
Austausch-Log Färöer Volk ohne Plan
Ich glaube, das einfachste Wort für einen Deutschen ist "kanska". Sie können es sich leicht merken, weil man es genauso ausspricht, wie es geschrieben wird, und weil die meisten Färinger es oft benutzen.
"Kanska" heißt vielleicht, und es passt gut zu meinen neuen Landsleuten: Denn auf den Färöern wird nichts geplant. Wenn ich frage, was wir nächstes Wochenende machen, ernte ich seltsame Blicke. Meine Gastfamilie hatte auch nie einen Kalender. Jetzt hat sie einen angeschafft - nachdem ich sie zehnmal darum gebeten habe.
Schuld am "kanska" ist das Wetter. Es gibt Tage, an denen möchte ich nicht rausgehen, und Tage, an denen ich am liebsten bis nachts um 4.30 Uhr draußen sein will. Allerdings weiß ich nie, ob das Wetter morgen gut oder schlecht ist, eigentlich weiß ich nicht mal, wie das Wetter in einer Stunde ist. An einem Tag erlebe ich hier manchmal alle vier Jahreszeiten: Morgens ist es manchmal kalt wie im Winter. Wenn ich in der Schule bin, scheint die Sonne und wir reißen die Fenster auf, nachmittags stürmt es wie im Herbst und abends wird es Frühling, und ich würde am liebsten noch rausgehen und was mit Freunden unternehmen.
Verlängerter Urlaub dank Nebel und Sturm
Auch als ich mit dem Flugzeug fliegen wollte, bekam ich das "kanska" zu spüren: Ich bin mit meiner Familie für zehn Tage nach Dänemark geflogen, weil der Neffe meines Gastvaters seine Hochzeit gefeiert hat. Aus den zehn Tagen Dänemark wurden allerdings elf. Denn wir konnte nicht starten, weil es auf den Färöern zu windig war.
Wir warteten bis zum Abend, doch das Wetter wurde einfach nicht besser. Am nächsten Morgen sollte es dann um 7 Uhr losgehen. Wir standen um 5 Uhr auf und dann: wieder nix. Diesmal war es zu nebelig.
Ehrlich gesagt fand ich das gar nicht so schlimm, so konnte ich noch mal ein paar Stunden Schlaf nachholen. Flughafenbänke sind zwar nicht gerade bequem, aber ich war einfach viel zu müde. Ich fand das als einzige total aufregend und spannend, denn die Färinger sind daran gewöhnt, dass sie mal ein oder zwei Tage länger in Dänemark bleiben als geplant.
Ein Nachtlager im Keller
Mein "Färöischkurs für Anfänger" ist schon oft ausgefallen. "Kanska" habe ich bald regelmäßiger Unterricht. Trotzdem wird mein Färöisch immer besser. Die Grammatik sitzt zwar immer noch nicht so gut, aber die Vokabeln kann ich langsam, wobei ich Färöisch besser verstehe als spreche. Doch auch das gelingt nicht immer, es gibt einfach zu viele seltsam klingende Laute. Den Unterschied zwischen "her" (hier) und "har" (dort) beispielsweise höre ich immer noch nicht.
Das Wetter legt hier nicht nur Flugzeuge lahm: Als neulich der stärkste Sturm seit 1988 über unser Haus pustete, hat alles gewackelt, zum Beispiel die Parfümflaschen im Badezimmer. Und mein Gastvater hat ein Fenster im Wohnzimmer zugeschraubt. Ich hatte ein bisschen Angst. Zum Glück haben wir im Keller ein Bett stehen, in dem habe ich geschlafen. Besser gesagt, in dem ich versucht habe zu schlafen. Denn auch der Strom war für mehrere Stunden weg, und wir geisterten mit Kerzen und Taschenlampen durchs Haus.
Meine Gastfamilie hat mich mich sehr beruhigt. Wir tranken alle zusammen Tee, bis mein Gastvater raus musste: Er ist bei der freiwilligen Feuerwehr und musste von 9 Uhr abends bis zum nächsten Morgen um 5 Uhr arbeiten. Viele Fenster sind kaputtgegangen und einige Dächer weggeflogen. In meinem Dorf ist jedoch nicht so viel passiert. Die Berge, die uns umgeben, haben uns ein wenig geschützt.
Nun, ein paar Tage später, ist aber alles wieder repariert. Es sieht aus, als wäre nie etwas passiert. Doch der nächste Sturm kommt bestimmt.