Austausch-Log: Spanisch rauf, Deutsch runter - DER SPIEGEL
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Austausch-Log Spanisch rauf, Deutsch runter

Neue Folge des Schüleraustausch-Tagebuchs: Simone, 16, singt in Ecuador die Landeshymne, trägt zum ersten Mal eine Schuluniform und wundert sich über schwangere Mitschülerinnen.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die neue Schule ist riesengroß: 2200 Schülerinnen, eine reine Mädchenschule. Ziemlich anders als zu Hause, aber cool. Montags marschieren wir im Hof im Kreis und singen die Nationalhymne in Richtung der Flagge - ich komme mir ein bisschen vor wie beim Militär. Wir tragen auch eine Uniform: grauer Rock, weiße Bluse, blauer Pulli, Lederschuhe und weiße Kniestrümpfe, montags sind Blazer und Krawatte angesagt. Mit 48 Leuten ist meine Klasse noch relativ klein, es gibt Klassen mit bis zu 60 Schülern. Wir sitzen an Einzeltischen, und der Unterricht besteht bis jetzt nur aus einem Monolog des Lehrers - bisschen langweilig manchmal.

Mein Deutsch wird seltsam. Ich merke das an meinen Tagebucheinträgen, die lesen sich wie im Kindergarten. Mit dem Spanisch hingegen klappt's eigentlich gut, ich habe sehr viel dazugelernt. Ich kann mich unterhalten und verstehe in der Schule grob, um was es geht. Natürlich nicht so, dass ich alle Hausaufgaben machen könnte - besonders in filosofia (Philosophie) kapiere ich gar nichts.

Ecuador ist schon anders. So sicher wie in Deutschland kann ich mich nicht bewegen - auf den Straßen ist es richtig gefährlich. Deswegen ist das Leben viel eingeschränkter als zu Hause. Ich bin so gut wie eingesperrt: An Schultagen dürfen meine Gastschwestern und ich nicht aus dem Haus gehen, nicht einmal vor die Haustür. Wenn die Eltern das Haus verlassen, ziehen sie sogar das Telefonkabel aus der Dose.

Was heißt bloß suca?

Dass Eltern ihre Kinder so bewachen, ist hier völlig normal. Aber ich kann damit leben. Wenn wir raus dürfen, dann nur auf den Basketballplatz vor dem Haus. Dort ist immer was los. Viele chicos hängen da herum. Meine Gastschwestern machen ständig Scherze und wollen mich mit einem von ihnen verkuppeln. Seit ich mir für 32 Dollar ein Handy gekauft habe, bekomme ich dauernd SMS von irgendwelchen Jungs.

Auch auf dem 20-Minuten-Weg zum Internetcafé wird man als Mädchen oft angemacht. Die Typen auf der Straße rufen mir suca hinterher, aber ich weiß nicht genau, was das heißt, es hat wohl etwas mit meiner blonden Haarfarbe zu tun. Sie schreien, ich soll stehen bleiben oder ihnen meine Telefonnummer geben - ganz schön gewöhnungsbedürftig. Auch wenn wir den Schulhof verlassen, stehen lauter Jungs draußen und warten, dass die Mädchen rauskommen.

Ich war geschockt zu sehen, wie viele Mädchen in meiner Schule schwanger sind. Allein in meiner Klasse sind es vier plus eine, die sich nicht sicher ist. Die Mädels sind 15 oder 16 Jahre alt. Eine von ihnen ist sogar schon verheiratet.

Ciao, bis zum nächsten Mal!

Eure Simone

PS: Noch ein paar Anmerkungen zur Verpflegung:

  • Sie garnieren Kartoffelsuppe mit Popcorn.
  • Nach einem Jahr kann ich garantiert keinen Reis, Hühnchen und Bananen mehr sehen - das gibt's hier jeden Tag. Übrigens frittierte Bananen, die dreimal größer als die in deutschen Supermärkten sind.
  • Dafür gibt es ganz leckere, frisch gepresste Fruchtsäfte.
  • Selbst Kleinkinder bekommen Kaffee.

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