Austausch-Log Sportfest auf Chinesisch
Ich erinnere mich nicht so gern daran. Am Anfang sah alles aus wie ein normales Sportfest. Alle Schüler sollten auf dem Sportplatz klassenweise einmarschieren. Auch wir Ausländer bildeten eine Gruppe, und zu diesem Zweck bekamen wir eine Woche lang jeden Tag Unterricht im Marschieren. Am Tag des Sportfestes führte unsere Marschroute an einem Politiker vorbei, vor dem wir dann auf Chinesisch rufen mussten: "Ich liebe Peking, ich liebe diese Schule, und ich werde dieses Sportfest mit aufrichtigen Taten bereichern."
Wir kamen uns ziemlich lächerlich vor, denn wir internationalen Schüler waren die Einzigen, die dazu lilafarbene Lametta-Schals um den Hals tragen mussten. Unsere chinesischen Mitschüler haben uns ausgelacht. Wir sahen aus wie Weihnachtsbäume.
Den Vergleich verstanden allerdings nur wir Deutschen, denn Weihnachten und geschmückte Tannen gibt es in chinesischen Familien natürlich nicht, auch nicht in meiner Gastfamilie. Deswegen habe ich Weihnachten mit ein paar anderen Deutschen hier in der Schule verbracht. Wir sind essen gegangen und haben bis spät in die Nacht DVD geguckt.
Am Silvesterabend um neun Uhr ins Bett
Im Grunde war es ein ganz normaler Tag, wir hatten nur ständig das komische Gefühl im Bauch, dass dieser Tag irgendwie besonders war. Doch diese kalte, von Smog umhüllte Großstadt Beijing ließ nicht viel Platz für ein geborgenes Weihnachtsfest.
Von Silvester hingegen hatte ich gehört, es sei in China wie ein kleines Frühlingsfest und würde groß gefeiert. Ich weiß nicht mehr, wer dieses Gerücht verbreitet hat - aber ich lag völlig falsch. Meine Gastfamilie legte sich am Silvestertag um 21 Uhr schlafen. Ich blieb noch bis Mitternacht auf und rief dann meine Familie in Deutschland an, um ihr ein frohes neues Jahr zu wünschen. War furchtbar langweilig, Silvester allein zu feiern.
Zum Ausgleich unternahm meine Gastfamilie mit mir am nächsten Tag einen Ausflug in die nächste Millionenstadt, die Hafenstadt Tianjin. Zwar wohnen auch dort zehn Millionen Menschen, trotzdem gibt es kaum Wolkenkratzer, und wenn man so durch die kleinen Gassen läuft, hat man wirklich das Gefühl, in China zu sein. In einem Restaurant haben wir dann mit Freunden Bao zi gegessen, das sind gefüllte Teigbeutel, eine Spezialität in Tianjin.
Tolles Essen, bis auf den Kantinenfraß
Wir aßen in einem sehr alten Restaurant mit einer netten Geschichte: Es soll einen Jungen gegeben haben mit dem Namen 狗子 (gou zi), der die ganze Zeit Bao zi herstellte. Als die Leute bemerkten, dass seine Bao zi besonders gut waren, kamen mehr und mehr Besucher in dieses Restaurant. Der Junge musste so viele Bao zi machen und war so besessen, dass er nicht mal mehr die Tür öffnete oder das Telefon abhob, er blieb nur noch in der Küche. Deswegen ist der Name des Restaurants 狗不理 (gou bu li), was so viel heißt wie "Gou ist nicht da" oder "Gou ist nicht anzutreffen".
Das Essen in China ist sehr gut und wird in Europa oft unterschätzt. Vor allem meine Gastfamilie kocht toll. Nur in der Schulkantine ist das Essen ungenießbar. Es schmeckt einfach nicht. Man hat das Gefühl, es seien keinerlei Nährstoffe oder Vitamine darin. Wenn man sich ausschließlich in der Kantine verpflegt, bekommt man Kopfschmerzen.
Es ist nicht so, dass nur wir Europäer am Essen herummäkeln. Auch mein Gastbruder und alle chinesischen Mitschüler finden dieses Essen furchtbar. Dafür ist der kleine Shop auf dem Schulgelände stets randvoll mit Chinesen, die sich dort Sandwiches, Hamburger und Süßigkeiten kaufen.
Trotzdem allem würde ich jetzt schon lieber in China bleiben, als in vier Monaten zurück nach Deutschland zu gehen. Dort werde ich mich wieder komplett neu einleben müssen.