Austausch-Log USA Leonies amerikanischer Traum
Mein amerikanischer Traum, der fing so an: Als ich zehn Jahre alt war, sah ich im Fernsehen einen Bericht über ein Mädchen, das mit einem Stipendium des Deutschen Bundestags ein Jahr eine Schule in den USA besuchte. Das wollte ich auch! Und jetzt bin ich hier, in meinem Traumland, über das ich schon so viel gehört und gelernt habe.
Doch ohne ein Stipendium wäre es nicht gegangen, so viel stand fest. Seit Jahren habe ich mich deswegen auf meine Bewerbung vorbereitet. Denn jeder Bundestagsabgeordnete kann in seinem Wahlkreis einen Stipendiaten nominieren, der dann nach langen Auswahlverfahren ein Vollstipendium für die USA bekommt. Ich habe Englisch gelernt, amerikanische Politik und Geographie, habe Grammatiktests absolviert, einen Vortrag gehalten und versucht, mir alles zu merken, was in den Nachrichten über die USA gesagt wurde. Es war ein unglaubliches Gefühl, als die Organisation anrief. Ich hatte mich gegen 150 Bewerber durchgesetzt.
Doch als mein Traum in Erfüllung ging und ich den Flieger verließ, fiel mir die Umstellung zunächst nicht so leicht. Mein Gymnasium in Norderstedt bei Hamburg hatte 500 Schüler, meine neue High School fast dreimal so viele. Und die sehen anders aus: HipHop wird mit Herz und Seele vertreten. Die Jungs - wirklich alle - stecken in riesigen T-Shirts, und ihre Baggy Pants hängen in den Kniekehlen. Die Mädchen tragen High Heels, die an die Wolkenkratzer in New York City erinnern und jede Menge glitzernden Schmuck. Das ist nicht so mein Fall, ich kleide mich so wie immer, deswegen falle ich auf.
Tägliche Waffenkontrolle
Jetzt, nach vier Wochen, habe ich mich an vieles gewöhnt. Etwa nach jeder Stunde den Klassenraum zu wechseln. Mich wundert es nicht mehr, wenn Schüler im Unterricht telefonieren oder zu Beginn der Stunde zum Schließfach gehen und nicht wiederkommen. Auch die Waffenkontrollen am Eingang wurden Teil meines Alltags, und es ist normal für mich, von der Schule erst abends um 19 Uhr nach Hause zu kommen.
Denn nach der Schule ist der Amerikaner sportlich und beteiligt sich in einem Sportteam. Ich habe es ins Varsity-Soccer-Team geschafft und habe so jeden Tag drei Stunden Fußballtraining. Der School-Spirit wird hier so groß geschrieben, dass sogar bei fünf Grad unter Null einige Schüler unsere Spiele angucken und die "Nottingham Bulldogs" anfeuern.
Überhaupt ist hier alles so verwirrend groß. An meinem ersten Schultag bin ich überpünktlich losgefahren, trotzdem habe ich meinen "Homeroom" erst nach 20 Minuten gefunden. Damit ging ich in Serie: Zu jeder Klasse kam ich mindestens 15 Minuten zu spät. Peinlicher als meine Verspätungen waren jedoch Situationen, in denen ich mich mit einem triumphierenden Lächeln der Erleichterung in meiner Mathe-Stunde hingesetzt hatte - um dann festzustellen, dass ich mich wieder in der Klasse geirrt hatte. Mit rotem Gesicht habe ich dann schnell meine Sachen gepackt und mich aus dem Raum geschlichen.
Pommes oder Pizza
Mittags hat mich eine meiner neuen Mitschülerinnen in die Kantine geführt. Die Auswahl der Menüs ist schnell erklärt: Pommes, Pizza und Wraps, die gesund wirken sollten, aber total künstlich aussahen. Ich habe vier Tage lang in der Mensa gegessen, danach habe ich den Vorschlag meines Gastvaters, Sandwiches zu schmieren, dankbar angenommen.
Ein Gutes hatte die Mensa aber: Hier konnte ich neue Leute kennenlernen. Das war in den ersten Tagen meine Hauptbeschäftigung. Dabei habe ich natürlich nach wenigen Minuten die Namen der Leute, mit denen ich geredet hatte, wieder vergessen. Besonders schnell habe ich mich mit den Leuten aus meinen so genannten "Fun"-Klassen angefreundet. Ich habe "World Drumming" und "Band" belegt, denn zu Hause spiele ich Schlagzeug und habe in meiner Schule die Percussion-AG geleitet.
Ein großer Unterschied zu den deutschen Schulen ist vor allem das Lehrer-Schüler-Verhältnis. Die Lehrer werden hier als Respektpersonen angesehen, stehen den Schülern jedoch viel näher. Jeder Lehrer erklärt sich gern bereit, nach dem Unterricht noch Einzelunterricht für den bevorstehenden Test zu geben. Er interessiert sich für die Erfolge der Sportteams und plaudert mit den Schülern über seine Hobbys.
Mein Orchester-Lehrer und ich verbringen viel Zeit im Band-Raum, das ist mittlerweile mein Lieblingsraum der Schule. Dort sind immer musikinteressierte Leute, mit denen man einfach mal Jazz, Klassik oder Rock spielen kann, am Schlagzeug, Keyboard oder mit der Flöte. Mittlerweile habe ich schon einen ansehnlichen Freundeskreis im musikalischen Bereich der Schule - und das nicht nur, weil ich die interessante "Foreign Exchange Student" bin.