Austauschlog Thailand "Do you have a boyfriend?"
Ich hatte mir nicht viel dabei gedacht, als ich für eine Woche nach Ayutthaya fuhr. Zu meiner Betreuerin hatte ich gesagt, dass ich unheimlich gern einmal die alte Hauptstadt Thailands mit ihren vielen Tempeln sehen wollte. Sie arrangierte sofort alles Nötige und organisierte eine Woche Aufenthalt bei einer chinesischen Familie in Ayutthaya für mich. Zehn Stunden Busfahrt war die Stadt in der Nähe Bangkoks von meinem kleinen Dorf Loengnoktha bis entfernt. Als ich um 20 Uhr aus dem Bus stieg, war es bereits stockdunkel, ich fand mich auf einer riesigen Schnellstraße wieder.
Ich stand da wie ein verlorenes Hündchen und bekam Angst in der dunklen Schwüle zwischen den vielen rasenden Autos. Das kannte ich nicht. Im Isarn, meiner Wohngegend, ist es sehr still, man kann den Vögeln lauschen und hört die Marktfrauen rufen. Hier hingegen gab es so wahnsinnig große und laute Straßen, wie ich sie zum letzten Mal vor vielen Monaten in Bangkok gesehen habe. Ich wusste schon: Dieser Abstecher würde abenteuerlich werden. Es dauerte eine Weile, bis ich meine chinesische Gastmutter am Telefon erreicht hatte und sie mich abholte.
Diese Gastfamilie war wirklich vielköpfig - ich weiß bis heute nicht, wie viele Gastgeschwister, Tanten und Cousins ich hatte. Mit meiner jüngsten Schwester Bae sollte ich zur Schule gehen und um 4.50 Uhr aufstehen, damit wir trotz des täglichen Verkehrsinfarkts rechtzeitig die Schule erreichten. Das war echt anstrengend für mich, da ich mich schon an die Lebenseinstellung des Isarn - "nur mal keine Hektik" - gewöhnt hatte. Die Uhren laufen anders hier.
Händchenhalten auf dem Schulhof
Schon das Gelände war anders als in Isarn: sehr gepflegt, sauber und ordentlich. Alle Unterrichtsräume waren mit modernen Materialien ausgestattet. Lehrer wie Schüler waren extrem zuvorkommend, erstaunlich locker und ziemlich direkt. Ich kannte das nicht von den Thais, die Menschen in meiner Gegend sind sehr schüchtern und fast verschlossen. Als ich mich hier jedoch vorstellte, war es völlig normal, dass mich die Jungs gleich fragten: "Do you have a boyfriend?" Ich war geschockt - das hatte ich nun gar nicht erwartet.
Wer einen Freund oder eine Freundin hatte, zeigte das auch auf dem Schulhof. Manche berührten sich sogar öffentlich, wenn sich auch niemand küsste. Im Nordosten ist es undenkbar, eine Partnerschaft vor den Augen anderer zu zeigen. Es gilt sogar als Schande, seinen Ehemann an der Hand zu halten oder auch nur allein mit einem Jungen zu sein. Der lockere Umgang in Ayutthaya war auch für mich nach sieben Monaten plötzlich gewöhnungsbedürftig.
An einem Tag wurden wir Schüler zu einer Versammlung vor dem Schulgebäude bestellt. Als sich alle Schüler eingefunden hatten, wurden drei Jungen nach vorn gerufen. Der Lehrer holte seinen Stock heraus und peitschte die Jungen aus. Alle mussten sich das Schauspiel ansehen, keiner durfte auch nur einen Laut von sich geben. In meiner Schule im Isarn ist das undenkbar. Dort haben sie vielleicht nicht immer die Schüler unter Kontrolle, aber man würde nie einen Schüler vor anderen bloßstellen, so dass dieser sein Gesicht verliert.
Viele Schüler haben mich über den Isarn ausgefragt und wollten wissen, was die Menschen dort so machen. Ich erzählte, wie sehr ich die Gegend liebe, von dem warmen und liebevollen Wesen der Menschen und ihren Liedern, Festen und speziellen Tänzen. Außer ihren Feldern haben die Menschen nicht viel um zu überleben, aber sie geben ihre ganze Kraft, um das beste aus dem zu machen, was sie haben.
Während die Teenager in Ayutthaya ihre Freizeit mit Fernsehen, Faulenzen und Partys verbringen können, arbeiten Jugendliche im Isarn auf dem Feld und zu Hause. Sie wachen mit dem Sonnenuntergang auf und gehen mit dem Sonnenuntergang schlafen, es gibt keine Uhrzeit, die Busse sind sowieso immer zu spät. Die Hektik der Stadt kennen sie nicht. Und auch wenn der Isarn zu den ärmsten Gegenden Thailands gehört, ist es für mich trotzdem die Schönste.