Autoren: "Das ist wie ein Gewitter" - DER SPIEGEL
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Autoren "Das ist wie ein Gewitter"

Der Schriftsteller Jurek Becker ist am 14. März gestorben. Er hatte Krebs. Mit dem Autor des Welterfolgs "Jakob der Lügner", der 1977 die DDR verließ, führte Mitte Februar die Fotografin Herlinde Koelbl ein Gespräch, das der SPIEGEL exklusiv veröffentlicht - Beckers letztes Interview.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

FRAGE:

Herr Becker, Ihr Roman "Jakob der Lügner" ist bis heute Ihr größter Erfolg geblieben. Wie finden Sie selbst - nach 28 Jahren - dieses Debütwerk?

Becker: Sehen Sie, "Jakob der Lügner" war mein erstes Buch - das habe ich sozusagen geschrieben, bevor ich Schriftsteller war: Das erste Buch ist immer eines, das einer schreibt, der noch nicht Schriftsteller ist. Wenn es gutgeht, ist er hinterher einer. Und wenn es nicht gutgeht, ist er hinterher immer noch keiner. Ich weiß selbst, daß bis heute der "Jakob" mein bekanntestes Buch ist. Das Buch war ein großes Glück für mich. Es hatte gleich so viel Erfolg, daß es mein Schriftstellerleben auf Rosen gebettet hat. Dann hatte ich Möglichkeiten, die ich, wenn es ein Flop geworden wäre, nicht gehabt hätte. Trotzdem habe ich größte Schwierigkeiten mit diesem Buch.

FRAGE: Wie das?

Becker: Es kommt mir sprachlich unfertig vor. Es ist ein sehr gut konzipiertes, glaube ich auch heute noch, und - wie soll ich sagen? - ziemlich raffiniert empfundenes Buch, das mit Gefühlen zu spielen weiß. Das bewundere ich sozusagen alles, mit Verlaub, wenn ich das über mein eigenes Buch sagen kann. Aber ich finde, es ist auch ein Buch voll von Sprachschludereien, die ich mir heute nicht mehr durchgehen lassen würde. Es ist dummerweise in der DDR geschrieben worden - und ich habe dem Verlag, bei dem es in der DDR erschienen ist, mißtraut.

FRAGE: Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Becker: Ich habe denen nicht über den Weg getraut und immer gedacht, die sagen das eine, wenn sie Kritik vorbringen, und meinen was anderes. Ich habe gedacht, jede Kritik an einem Text ist eine politische Kritik, ich habe mich da eigentlich verschlossen. Was zur Folge hatte, daß ich auf keinen Lektor gehört habe, und das beim Buch eines Laien, der ich ja damals war! Es ist also ein im Grunde unlektoriertes Buch. Was ich im nachhinein nicht für einen Vorteil halte. Ich wünschte mir, das Buch könnte sorgfältig lektoriert werden. Aber was soll ich machen? "Jakob" ist sozusagen ein hübsches Kind, das in den Brunnen gefallen ist.

FRAGE: Es ist doch ein Buch mit einer wunderbaren Geschichte: Der Lügner als wahrer Held. Diese Geschichte ist das Wichtige, und die Sprache ...

Becker: ... die läuft nebenher.

FRAGE: Die Sprache ist immerhin sehr lebendig - während Sie heute ziselierter, prägnanter schreiben.

Becker: Das ist völlig richtig. Wenn ich schreibe, denke ich nicht daran, vorher darüber nachzudenken, was ist gefragt oder was ist der Durchschnitt, was ist die durchschnittliche Literaturerwartung, die ich zu erfüllen habe. Ich versuche immer mehr, meiner Vorstellung von Literatur näherzukommen, egal wie richtig oder falsch die sein mag. Ich glaube, es gibt keine richtige oder falsche Vorstellung davon. Es ist eine Vorliebe, es ist eine Affinität, und da versuche ich, so konsequent wie nur möglich zu folgen. Und vielleicht ist das, was Sie im "Jakob" lesen, ein Bild dessen, der ich einmal war. Und was Sie heute von mir lesen, ist ein getreueres Abbild dessen, der ich nun inzwischen bin. Ich habe mittlerweile auch Bücher gelesen, die ich damals nicht gelesen hatte und die mir einen großen Eindruck gemacht haben.

FRAGE: Welche Bücher?

Becker: Ich glaube zum Beispiel, daß Arno Schmidt mein Schreiben verändert hat, ob ich das will oder nicht. Daß Arno Schmidt mir - wie soll ich sagen - einen Blick auf die Logik des Schreibens gegeben hat, der vorher nicht für mich existiert hat. Ich glaube, daß die Beschäftigung mit Kafka-Texten Folgen für mich hatte, ohne daß ich Ihnen vorrechnen könnte, worin diese Folgen bestehen.

FRAGE: Sie sind im Ghetto aufgewachsen. Das hat Sie doch sicherlich auch beeinflußt?

Becker: Das kann ich nicht sagen. Das müßte ein Psychiater rauskriegen. Ich habe keine Erinnerung daran. Ich kann Ihnen nichts über das Ghetto erzählen. Ich habe es vergessen - so als wäre es nie gewesen.

FRAGE: Tatsächlich?

Becker: Was die Erinnerung betrifft! Sicher nicht, was mein Verhalten betrifft oder eine bestimmte Aggressivität oder ... Also, das kann ich nicht beurteilen. Der Einfluß, den das Ghetto und das Lager auf mich hatten, findet im Unbewußten statt, und darüber kann ich nicht reden. Und ich habe nie versucht, es mir bewußtzumachen - das heißt, versucht habe ich es, aber ich hatte nie Erfolg damit, und dann habe ich es seinlassen. Ich merke ja zum Beispiel, das ist ein schlüssiger Beweis, daß es Einflüsse geben muß, weil mich das Thema interessiert, das ist ja nicht gottgegeben. Ich merke, daß da etwas Obsessives ist und daß ich da etwas als Schreiber rauskriegen will - und das wird sicher mit meiner Vergangenheit zu tun haben. Aber ich kann Ihnen das nicht vorrechnen.

FRAGE: Haben Sie vielleicht bestimmte Dinge gewissermaßen vergessen wollen, um sich davor zu schützen?

Becker: Das ist bei mir, glaube ich, nicht der Fall. Ich glaube nicht, daß das mit einer Verdrängung, schon gar nicht mit einer gewünschten Verdrängung zu tun hat. Ich war neugierig, eigentlich ziemlich früh. Ich habe meinen Vater, der bis 1973 lebte, gelöchert, mit mir über diese Zeit zu sprechen. Er wollte nicht, aus Gründen, die ich nie in Erfahrung gebracht habe. Er hat sich abgeschottet. Und intensiv beschäftigt habe ich mich damit im Grund erst, als ich anfing zu recherchieren für das, was ich schreiben wollte. Da war ich in Archiven, da habe ich mit sogenannten Zeitzeugen geredet, die ich alle nicht persönlich kannte. Von denen, die ich kannte, hat mir so gut wie keiner was erzählt. So war das.

FRAGE: Aber "Jakob der Lügner" handelt doch vom Leben im Ghetto?

Becker: Ja, ja, "Jakob" hat damit zu tun: Wo kommst du her? Wo komme ich her? Wissen Sie, ich war irgendwie Kaspar Hauser, ich war in diese Welt gefallen mit acht Jahren. Und keiner hat mir erzählt, bis auf ganz dürftige Informationen, was ich für einer bin und was mit mir los ist und wo ich herkomme. Und sicher ist "Jakob der Lügner" in dem Sinne der Versuch des Hauchs einer Autobiographie: Ich wollte etwas genauer wissen. Was das Ghetto für ein Ding ist, das wußte ich nach dem Buch natürlich viel besser als vorher. Vorher war das Ghetto für mich ein unheimliches, bedrohliches, schwarzes Ding in meinem Kopf. Und ich habe mich so lange damit beschäftigt, bis das etwas geworden ist, wo Leute drin gewohnt haben, von denen mit Bestimmtheit ich einer gewesen bin. Ich weiß wirklich nicht, welcher. Ich habe mal geschrieben: Wenn du nicht weißt, wo du herkommst, ist es ein wenig so, als ob du ein Leben lang mit einem Rucksack rumläufst, mit einem Sack auf dem Rücken, ohne zu wissen, was da drin ist. Das ist ein sehr unangenehmer Zustand, und die Beschäftigung damit ist fast schon eine lebenslange Beschäftigung - die Bemühung rauszukriegen, was in diesem verfluchten Sack drin ist, den ich da auf dem Rücken habe.

FRAGE: Der Schriftsteller García Márquez sagte, er schreibe, um geliebt zu werden.

Becker: Ich glaube nicht, daß das mein Grund ist zu schreiben. Natürlich freut es mich, wenn meine Bücher gefallen. Obwohl ich nichts anderes dafür tue, als so zu schreiben, wie ich es für richtig halte. Oh, ich wüßte Wege - wenn ich die beschritte, würden meine Bücher viel mehr Leuten gefallen, als sie es heute tun, da bin ich mir ziemlich sicher.

FRAGE: Muß ein Buch, das gefallen soll, authentische Geschichten erzählen?

Becker: Ach was! Sie können mir doch nicht ernstlich sagen, die Bücher von Konsalik seien authentisch. Sie werden aber auf eine Weise angenommen, die mich erschreckt, die irre ist. Vielleicht ist es bei mir doch ein wenig so, wie García Márquez meint. Also der Wunsch, geliebt zu werden. Ich habe die Erfahrung gemacht, wenn ich schreibe, sind da eine Menge Leute, die mir zuhören. Das ist angenehm. Schreiben macht mich vielleicht ein bißchen zum Mittelpunkt - das, was mir sonst verwehrt blieb. Vielleicht habe ich die Erfahrung gemacht: Ich kann das ganz gut. Dann habe ich die Erfahrung gemacht: Am Schreibtisch kann ich ein kleines bißchen fliegen. Ich lese manchmal Texte von mir und komme zu dem Schluß: Eigentlich sind diese Texte intelligenter, als ich es bin. Und ich frage mich, wie das möglich ist - ich habe sie doch geschrieben, da war kein Dritter in dem Geschäft dabei. Das bringt mich zu dem Schluß, daß ich nicht immer, aber vielleicht manchmal am Schreibtisch etwas kann, was ich sonst nirgends kann, was mir nicht in einem Gespräch und was mir nicht in einer Tat, sondern was mir nur bei der Tat "Schreiben" gelingt. Mehr Motive zum Schreiben fallen mir nicht ein. Außer - entschuldigen Sie - noch ein wichtiges dabei: Wenn du dich entschließt, Schriftsteller zu sein, dann hast du auch beschlossen, daß du und deine Familie davon leben. Einen Lebensunterhalt zu bestreiten ist ein ganz wichtiges Motiv, das mich zum Schreiben treibt. Und es wäre die schiere Scharlatanerie zu behaupten, daß dieser Aspekt der Angelegenheit für mich überhaupt keine Rolle spielt. Wenn fünf Bücher hintereinander von mir totale Flops wären, dann müßte ich mir was einfallen lassen.

FRAGE: Was Ihre Familie betrifft: Sie sind im fortgeschrittenen Alter noch einmal Vater geworden. Was ist das für ein Gefühl, der späte Vater eines kleinen Sohnes zu sein?

Becker: Erstens ist so ein Kind ein totales Antidepressivum. Zweitens, und das ist nicht nur lustig, was ich Ihnen sage: Ich habe zwei erwachsene Söhne, mein jüngster Sohn ist jetzt 6. Meine anderen Söhne sind 35 und 32. Und seit ich diesen kleinen Sohn habe, habe ich das Gefühl, daß die beiden anderen, die großen Söhne, hinter meinem Rücken aufgewachsen sind - ich habe es nie so richtig wahrgenommen. Jetzt weiß ich mehr darüber. Das tut mir im nachhinein leid, ich kann es aber nicht ändern. Wissen Sie, als ich damals - ich spreche jetzt von der Zeit vor 30 Jahren -, als ich damals schrieb und die beiden wären in mein Arbeitszimmer gekommen, hätte ich sie doch selbstverständlich rausgeschmissen - ist doch klar, Papa muß schreiben. Da braucht es kein besseres Motiv. Wenn heute mein Sohn mich beim Arbeiten stört, habe ich eine Hemmung, den rauszuschmeißen. Irgendwie denke ich dann: Einmal ist er 16, und du hast es gar nicht gemerkt. Das heißt, ich bin geduldiger mit ihm, als ich es früher war, ich bin neugieriger, als ich es einmal war - und nicht so sehr aus philanthropischen Gründen, weil ich beschlossen habe, ein netter Papa zu sein, sondern da ist auch schon Egoismus dabei. Ich habe was davon, es macht mir Spaß. Und dann merke ich, wie die alten Zausel in meinem Alter mich beneiden, das macht auch Spaß.

FRAGE: Der Entschluß, so spät nochmals Vater zu werden - ist der Ihnen leichtgefallen?

Becker: Oh, ich habe mich gesträubt wie ein Wahnsinniger, ich habe die Hölle auf mich zukommen sehen. Ich wußte ja, daß der liebe Gott sich das nicht so vorgestellt hat, daß der die Sache mit den Nerven, mit dem sogenannten Nervenkostüm auf eine bestimmte Weise eingerichtet hat - aber ich bin gezwungen worden. Meine Frau hätte mich sonst nicht geheiratet, so ist das eben. Mir ist eine durchgeladene Pistole auf die Brust gesetzt worden, und in solchen Momenten hat man keine große Wahl, als zu seinem Glück gezwungen zu werden.

FRAGE: Aber Sie haben den Schritt riskiert. Das ist das Entscheidende.

Becker: Ja, das ist richtig, das rechne ich mir auch irgendwie hoch an. Ich kenne zwei Leute, die in vergleichbarer Situation die andere Entscheidung getroffen haben. Und es erfüllt mich mit tiefer Befriedigung, wenn ich manchmal deren neiderfüllte Augen sehe. Uns beiden, also meiner Frau und mir, ist klargeworden, daß dieses Kind alles andere als eine Mühe ist, es ist eher ein Öfchen, an dem wir uns dauernd wärmen, das ist eine tolle Geschichte in unserem Leben.

FRAGE: Ihre Frau ist 22 Jahre jünger als Sie. Machen Sie sich manchmal Gedanken über die vielen Jahre, die das Kind Sie überleben wird? Und je älter Sie werden ...

Becker: Klar mache ich mir Gedanken, das ist ja logisch. Ich kann ja nicht meine Phantasie an einer bestimmten Stelle kappen. Aber sich Gedanken machen ist etwas anderes, als sich Sorgen zu machen. Es ist, wie es ist, und über das Unabänderliche zu jammern ist nicht sehr sinnvoll. Ich sage Ihnen noch einmal: Meine erwachsenen Jungs hatten altersgemäß einen Vater, wie es sich gehört, und die haben nicht viel von mir gehabt. Und der Kleine hat einen viel älteren Vater, als sich eigentlich gehört, aber er hat eine Menge von mir. Das ist sozusagen eine ausgleichende Gerechtigkeit. Dafür wird er vielleicht nicht so lange was von mir haben, weiß ich nicht. Aber wo gibt es die Situation, in der man von allem soviel hat, wie man möchte?

FRAGE: Sie sind jetzt krank und haben sicherlich eine schwere Zeit durchgemacht, in der Sie durch manche Tiefen gehen mußten. Inwiefern wird diese Erfahrung der radikalen Begrenztheit des eigenen Lebens für Ihr Schreiben wichtig?

Becker: Das kann ich Ihnen nicht sagen. Ich weiß nicht, wie mein Schreiben dadurch beeinflußt wird. Ich kann nur mehr sagen, daß das Bewußtsein, nicht unsterblich zu sein, schon immer in mir war. Vielleicht ist das jetzt etwas deutlicher, aber daß mein Verhältnis zum Schreiben sich gravierend verändert hätte, ist zumindest mir nicht bewußt.

FRAGE: Und hat sich Ihr Verhältnis zum Leben verändert?

Becker: Dummerweise in Details. Zum Beispiel fällt mir das Treppensteigen schwerer: solche Sachen. Aber ansonsten nicht. Ich versuche, wie soll ich sagen, Business as usual zu machen.

FRAGE: Hat Sie die Nachricht, daß Sie an Krebs erkrankt sind, aus der Bahn geworfen?

Becker: Nun, gern gehört habe ich sie nicht. Alles, was man sehr, sehr ungern hört, hat, wenn man es hört, Erschütterungen zur Folge. Das ist das Wort dafür. Ich kann aber nicht sagen, daß ich in Panik geraten bin. Eher meine Frau. Ich versuche, ihr immer zu sagen: Das ist alles Natur.

FRAGE: Kein starker Trost.

Becker: Wissen Sie, ich bin nicht einer von denen, die in Gedanken in einer Sache herumstochern, an der sie nichts ändern können. Wenn Nachdenken oder Sich-Vertiefen in diese Materie irgendwelche Aussichten auf Erfolg hätte, die Heilungschancen verbesserte, oh, dann sollten Sie mich mal denken sehen! Aber ich versuche, diese Sache so weit wie möglich von mir wegzuhalten. Nicht etwa aus Verdrängungssucht, ich weiß ja, was los ist - sondern weil ich nicht einsehen kann, daß es eine Erleichterung brächte, wenn ich sie näher an mich ranlassen würde. Und meine Frau staunt, wie ich versuche, so zu tun, als wäre nichts. Und ich finde, das ist das Gescheiteste, was ich tun kann.

FRAGE: Was ja dann auch keine Rolle ist, die Sie mühsam spielen, sondern echt.

Becker: Aber ja. Nein, nein, es ist nicht so, daß ich mich jeden Morgen aufs neue zusammenreißen muß, überhaupt nicht. Ich bin ja auch der, der ich immer gewesen bin, und hin und wieder treten die Notwendigkeiten, die diese Krankheit mit sich bringt, an mich heran, und ich muß sie, ob ich will oder nicht, in Kauf nehmen - also: Therapien, Arztbesuche, Medikamente, das ist alles irrsinnig lästig. Aber, wissen Sie, ich kann es mir nicht aussuchen, das ist wie ein Regen, das ist wie ein Gewitter, das ist Natur.

FRAGE: Empfinden Sie diese Natur nicht als besonders grausam und hart?

Becker: Klar empfinde ich das. Ich will mir nur nicht sagen, o Gott, wie schrecklich. Ehrlich gesagt denke ich auch nicht so. Ich glaube, daß ich mich noch nie, das ist keine Koketterie jetzt, übertrieben wichtig genommen habe. Ich war, sagen wir einmal, intellektuell ehrgeizig, aber ich habe nie geglaubt, daß es ohne mich nicht weitergeht, daß ich sozusagen der zentrale Stein in der Mauer bin, und wenn der rausgerissen wird, bricht sie zusammen. Mich hat im Gegenteil, wenn ich bemerkt habe, wie andere sich wichtig nehmen, das extrem gestört. Und vielleicht kommt diese Eigenschaft mir jetzt zugute. Meine grundlegende Stimmung ist: Mein Gott, mach nicht soviel Theater!

FRAGE: Aber wenn der Kleine jetzt so lebendig daher- und zu Ihnen kommt, zieht es Ihnen dann nicht doch das Herz zusammen?

Becker: Ihnen wohl, aber nicht mir.

FRAGE: Der Gedanke drängt sich auf ...

Becker: ... nein, nein ...

FRAGE: ... weil man weiß, man kann ihn nicht so lange begleiten, wie es gut wäre und wie man eben möchte?

Becker: Ja, stimmt, stimmt. Das ist Scheiße, das ist bedauerlich. Was willste machen?

FRAGE: Dient das Schreiben dann nicht doch, dramatischer als bisher besprochen, der Selbsterforschung: Wer bin ich, woher komme ich?

Becker: Natürlich auch. Ich sagte es schon, ich will wissen: Wozu bin ich da? Und überhaupt: Was soll's?

FRAGE: Und was soll's?

Becker: Lesen Sie meine Bücher, genauer als diese Bücher kann ich Ihnen das nicht sagen. Leger gesprochen: Ich bin da, um ein bißchen Remmidemmi zu machen. Ich bin da, um für ein bißchen Stimmung zu sorgen. Ich bin da, um für ein bißchen Wachheit zu sorgen. Ich bin da, damit ein paar Leute vielleicht, mich eingeschlossen, weniger an der Schlafkrankheit leiden, als sie ohnehin schon leiden. Und das kann ich nur eine Zeitlang, und dann kann ich es eben nicht mehr.

FRAGE: Hat es Ihr Selbstverständnis und Ihre Arbeit deutlich geprägt, daß Sie Jude sind?

Becker: Nun, das sagen Sie so leichthin. Ich würde mit Ihnen zunächst über die Frage streiten, ob ich Jude bin oder nicht. Daß meine Eltern Juden waren, das steht ganz außer Frage. Nur: Ich finde es spannend zu fragen, ob Leute, deren Eltern Juden sind, wirklich auch Juden sind. Dieser Meinung waren zum Beispiel die Autoren der Nürnberger Rassengesetzgebung, dieser Meinung sind auch orthodoxe Juden. Aber ich wünschte mir, daß ich mir das selber aussuchen könnte. Es ist natürlich nicht so, daß ich das verbergen will. Gucken Sie sich meine Bücher an, die sind voll davon. Aber ich wünsche mir, aussuchen zu dürfen, wer ich bin. Ich weiß, daß man das nur in Maßen kann, und ich weiß, daß, ob man will oder nicht, man auch derjenige ist, für den die anderen einen halten. Davor gibt es keine Rettung. Ich bin mir bewußt, daß das, was Sie Jude-Sein nennen, also jüdische Kultur, in hunderterlei Beziehung für mich eine Rolle gespielt hat.

FRAGE: Was ist jüdische Identität eigentlich?

Becker: Ich bin weit entfernt davon, Ihnen darauf antworten zu können. Ich weiß, daß das ein Volkssport in Israel ist und sich in Brooklyn viele mit dieser Frage befassen. Kaum sind zwei Juden beisammen, schon wird genau darüber geredet. Ich bin nicht unentwegt auf Identitätssuche. Ich weiß, daß ich ohne diese konkrete Herkunft ein völlig anderer wäre. Daß ich einen anderen Geschmack hätte, andere Vorlieben, eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit, von Sprache, von Erzählen, von Witz, der Himmel weiß, wovon. Das ist überhaupt keine Frage. Die Frage ist nur, ob das Jude-Sein bedeutet. Sie können sagen, ja, daß es das ist, Sie können sagen, nein, das ist es nicht, Sie können sagen, ich weiß es nicht.

FRAGE: Wurden Sie wegen Ihrer jüdischen Herkunft jemals diskriminiert?

Becker: Ich hatte es - das ist wahrscheinlich Glück, vielleicht Zufall, vielleicht nicht - niemals mit antisemitischen Reaktionen auf mich zu tun, nie, nicht eine Sekunde, weder in der DDR noch seitdem ich im Westen bin, also seit 1977. Obwohl ich mich nicht wie ein hundertprozentiger Jude fühle, wäre meine Reaktion darauf so, als wäre ich ein zweihundertprozentiger, und ich warte auf solche, was heißt, ich warte nicht, aber ich denke mir, daß ich solche Reaktionen auf mich mit einer geballten Pistolenladung in der Tasche aufnehmen würde.

Also: Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich ein Dulder bin, sondern ich finde, daß die einzige gemäße Methode, Antisemitismus entgegenzutreten, aggressiv zu sein hätte. Es gibt keine andere, finde ich. Es gibt keine andere, die ein gewisses Maß an Würde wahrt. Und ich kann mir nicht vorstellen, solchen Manifestationen verständnisvoll oder freundlich oder nachsichtig gegenüberzutreten. Ich mag mich auch nicht mit den Gründen für Antisemitismus beschäftigen. Ich beschäftige mich nicht damit, die Gründe kennt man, die sind sozusagen zu Ende gedacht, das ist kein Forum, um Erkenntnistiefe zu demonstrieren.

FRAGE: Sie lebten viele Jahre in der DDR. Wie war Ihre Zeit dort, fühlten Sie sich heftig reglementiert?

Becker: Alles in allem war meine Zeit in der DDR gut. Ich war ziemlich lange das, was man einen überzeugten Sozialisten nennt, und ich war der Überzeugung, in der DDR bemüht man sich um diese Sache. Als in meinen Kopf kam, daß man sich auf eine fatale Weise um diese Sache bemüht, ist die Distanz zur DDR gewachsen. Schön, man kann darüber streiten, ob mir dieser Verdacht nicht merkwürdig spät gekommen ist. Jedenfalls ist er mir nicht eher gekommen, als er gekommen ist. Und das war etwa beim Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei, also 1968. Bis dahin bin ich sozusagen in einer Woge von Einverständnis geschwommen. Schriftsteller wurde ich erst danach. Und richtig ist, daß, je mehr ich Schriftsteller wurde, um so eingeschränkter fühlte ich mich. Daß ich aus der DDR weggegangen bin, hatte, auch wenn Sie das wundern wird, weniger politische als private Gründe. Damit meine ich nicht irgendeine Frauengeschichte. Ich meine damit das Verhältnis zu meiner Arbeit. Ich war in der DDR in der letzten Zeit sehr aufgeregt und habe nur noch reagiert. Und mein Schreiben glich einem Bellen, einem aufgeregten Bellen. Und wenn ich es mir ansah, entsprach das nicht meinen Vorstellungen von Literatur, und ich mußte mir die Frage stellen, ob Schriftsteller zu sein dasselbe ist, wie Widerstandskämpfer zu sein. Und das ist nicht dasselbe. Ich mußte mich für eine der beiden Karrieren entscheiden. Wenn mir damals, sagen wir mal, meine Geschichte durch den Kopf gegangen ist, das Erschrecken über die ersten Herzschmerzen, das erfinde ich jetzt, oder wie einem zumute ist, wenn eine Frau bei bestimmtem Licht in einer bestimmten Umgebung die Hand auf die Schulter legt - wenn ich das damals hätte schreiben wollen, das hätte ich mich gar nicht getraut. Ich hätte Angst gehabt, wenn ich das mache, dann würden mir alle sagen: Jetzt hat er aufgegeben. Jetzt haben sie ihn kleingekriegt.

FRAGE: Aus dieser Zwangslage wollten Sie heraus ...

Becker: ... ja, ich erzähle das, um zu demonstrieren, wie unsouverän ich war, daß ich ein Getriebener war, daß ich nicht das machen konnte, was ich wollte, sondern im Grund das machen mußte, was von mir erwartet wurde. Und vor allem, um dieser Situation zu entkommen, bin ich aus der DDR weggegangen. Ich wollte auch mal über die Hand auf meiner Schulter schreiben können, ohne mich dafür schämen zu müssen. Ich bin ja nicht gleich nach Westdeutschland gegangen. Ich bin erst einmal ziemlich lange nach Amerika gegangen. Ich hatte dort eine Gastprofessur und wollte dort bleiben, bis ich kein politischer Feind mehr bin, sondern ein literarischer Feind.

FRAGE: Wie lange waren Sie in Amerika?

Becker: Vier Jahre. Nicht in einem Stück, aber ich war dort öfters Gastprofessor.

FRAGE: Sie durften dafür aus der DDR ausreisen?

Becker: Ja, das war ein Privileg dessen, der ein erfolgreicher Schriftsteller war, das war das, was ich meine, wenn ich sage: "Jakob der Lügner" hat mein Schriftstellerleben auf Rosen gebettet.

FRAGE: Wie bewerten Sie heute den Staat, der Sie so privilegiert hat?

Becker: Die Vergangenheit ist die Vergangenheit, und niemand wird etwas daran ändern. Natürlich hätte sie anders verlaufen können, natürlich hätte ich es mir anders gewünscht. Ich hätte mir gewünscht, daß die DDR mehr Erfolg gehabt hätte, daß das nicht so miserabel gemanagt worden wäre, daß nicht alles so ungedacht geblieben wäre und so unausgegoren und verlogen und korrupt. Daß die DDR untergegangen ist, darum ist es nicht schade, diese DDR hatte es nicht besser verdient. Aber daß das, was die DDR hätte sein können, nach meiner Vermutung, untergegangen ist, darum tut es mir sehr leid. Vergangenheit ist ja auch die Einheit. Auch die ist miserabel gemanagt worden. Auch die hätte man sich besser gemacht vorstellen können, aber wie es so oft ist: Verpfuscht ist verpfuscht, in den Brunnen gefallen ist in den Brunnen gefallen. Und jetzt muß man zusehen, wie man es da wieder herauskriegt.

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