Azubi-Gehälter: Chronisch knapp bei Kasse - DER SPIEGEL
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Azubi-Gehälter Chronisch knapp bei Kasse

Wer Maßschneider werden will, muss verzichten können: Auch 2005 saßen die Azubis für nur 200 Euro monatlich hinter der Nähmaschine, wie eine Studie zu Ausbildungsvergütungen zeigt. Jungmatrosen dagegen können sich lange Besuche in der Hafenkneipe leisten.
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Zwei Lehrlinge, zwei Welten: Die tariflichen Ausbildungsvergütungen klaffen immer noch weit auseinander. Zwar sind die Löhne von Azubis im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen, doch immer noch können sich angehende Schneider fast nichts leisten, während es Binnenschiffern und Matrosen ziemlich gut geht. Auch zwischen den alten und neuen Bundesländern sind die Unterschiede groß. Im Jahr 2005 verdienten Azubis durchschnittlich 529 Euro und damit knapp 100 Euro weniger als ihre Kollegen im Westen (623 Euro).

Dem Institut der deutschen Wirtschaft (iwd) sind die schmalen Gehälter immer noch zu hoch angesetzt. "Für kleine und mittlere Betriebe sind Azubis oftmals zu teuer", sagt Dirk Werner vom iwd. Das Institut fordere zwar keine pauschale Kürzung, empfehle aber die Bezahlung flexibler zu gestalten. "Wir wollen niemanden etwas wegnehmen, sondern Problemgruppen den Weg in die Ausbildung ebnen."

Jugendliche ohne Schulabschluss etwa sollten für weniger Geld eingestellt werden können, so Werner. "Das wäre ein Anreiz für die Unternehmen, leistungsschwache Jugendliche unter ihre Fittiche zu nehmen." Zudem seien diese Auszubildenden wahrscheinlich weniger produktiv, daher wäre ein geringerer Lohn durchaus gerecht.

Körperliche Arbeit besser bezahlt

In einigen Berufen bekommen Azubis schon jetzt nur ein besseres Taschengeld. Maßschneider verdienten 2005 im Schnitt 197 Euro im Monat und landeten damit auf dem letzten Platz der iwd-Gehaltsliste. Auch Tischler (492 Euro im Westen, 372 Euro im Osten), Friseure (415 und 260 Euro) und Augenoptiker (350 Euro) sind während ihrer Lehrjahre chronisch knapp bei Kasse. Im Mittelfeld liegen Kaufleute in Industrie und Einzelhandel mit Einkommen über 600 Euro und Kfz-Mechatroniker (564 und 436 Euro).

Die höchsten Lehrlingsgehälter erhielten Binnenschiffer (925 Euro) und Azubis auf dem Bau. "Das sind körperlich harte Berufe mit anstrengenden Arbeitszeiten, daher versuchen diese Branchen die Jugendlichen mit Geld zu locken", erklärt Werner. Auch in Dienstleistungsberufen verdienen Lehrlinge überdurchschnittlich. Versicherungskaufleute bekamen im Osten wie Westen 805 Euro im Monat. Generell sind die Vergütungen in Industrie, Handel und Öffentlichem Dienst relativ hoch, im Handwerk, der Landwirtschaft und Freien Berufen dagegen eher niedrig.

Wenn es an Ausbildungsplätzen mangelt, werden schnell Forderungen nach einer finanziellen Entlastung der Betriebe laut. Diese Tendenz liest das Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) an jährlichen Vergleichen der tariflichen Ausbildungsvergütungen ab. Die Situation am Lehrstellenmarkt beeinflusst einer BIBB-Studie zufolge seit 30 Jahren die Entwicklung der Gehälter. In den Neunziger Jahren etwa kamen Azubis gut weg: Wegen eines Überangebotes von Lehrstellen stiegen die finanziellen Anreize wie nie zuvor.

Keine neue Stellen durch kleinere Azubi-Gehälter

"Die meisten Betriebe bilden aus, um sich qualifizierte Fachkräfte heranzuziehen", sagt hingegen Projektleiter Günter Walden vom BIBB. Finanzielle Argumente, etwa dass Azubis billiger sind, spielten eine kleinere Rolle. In der Untersuchung kommt das Institut außerdem zu dem Schluss, dass eine pauschale Kürzung der Lehrlingsgehälter den Stellenmangel nicht beheben könnte. "Wahrscheinlich würden nur die Branchen, die schon jetzt sehr wenig zahlen, neue Ausbildungsplätze schaffen."

Hinzu kämen nach Einschätzung des Wissenschaftlers Betriebe, die kein Interesse an einer späteren Übernahme ihrer Azubis haben. "Wir hätten dann viele Handwerker oder Landwirte, die auf dem Arbeitsmarkt gar nicht gebraucht werden", betont Walden. "Kürzungen auf breiter Front könnten zu einer Fehlsteuerung führen, die Folgen wären neue Qualifizierungsmaßnahmen und Umschulungen nach der Lehre".

agö

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