Bergbau-Azubi Philipp Schicht im Schacht
Irgendwann verliert sich der Blick, das Schwarz scheint die Schienen zu verschlucken. Die Gleise der Grubenbahn unter Tage sehen aus, als führten sie ins Nichts. Philipp fährt jeden Tag ins Nichts. Der 23-Jährige macht eine Ausbildung zum Mechatroniker im Bergbau bei der Deutschen Steinkohle (DSK), Schacht Acht Auguste Victoria in Marl, im Ruhrgebiet.
Angst um seine Zukunft hat er keine. Auch wenn es im Moment nur wenige gibt, die seinem Arbeitgeber Zukunft bescheinigen. Der Glaube des jungen Bochumer Philipp Feldmann ist unerschütterlich. Er hofft, dass der Staat Kohle entgegen der gegenwärtigen Pläne über 2018 hinaus fördern. Der Bergbau soll nicht aussterben, sondern mit niedrigen Subventionen weiterlaufen.
Es kann gar nicht anders kommen, hofft Philipp: "Kohle, das ist doch ein Stück Geschichte." Sie ist auch seine persönliche Familiengeschichte. "Mein Opa war Bergmechaniker auf der Zeche "Unser Fritz" in Herne, mein Vater war Vorsitzender vom Bergbau in Herne" - für Philipp lag es auf der Hand, seinen Wunschberuf Mechatroniker bei der Deutschen Steinkohle zu erlernen. In seiner Ausbildung spezialisiert er sich auf die Instandhaltung von Industriemaschinen. "Das letzte Lehrjahr unter Tage, das ist schon etwas Besonderes", sagt er. In den ersten beiden Jahren ist vor allem Schweißen, Drehen oder Fräsen von Werkstoffen in Werkstätten über Tage angesagt. Danach geht's ab in die Erde, "darauf sind alle scharf", sagt Philipp.
Der Ton ist rau
Um sechs Uhr morgens beginnt seine Schicht, sie dauert bis 14 Uhr. Philipp trägt einen schweren Schutzhelm, der durch das Gewicht einer Kopflampe auf die Schädeldecke drückt. Um die Taille hat er einen Ledergurt gebunden; Jacke und Hose sind ausgebeult. In den knöchelhohen Schuhen und Schienbeinschonern aus massivem Plastik stakst er steif wie Pinocchio. "Nach zwei Tagen merkt man die schwere Kluft gar nicht mehr", sagt Philipp. Auf seinem Schutzhelm steht "Pipo", "mein Spitzname hier", sagt er und springt in den Fahrstuhl, der ihn in den Schacht bringt - 1113 Meter tief, auf Sohle 6, in die unterste Etage.
Wer hier arbeitet, der schwitzt, stolpert, atmet Staub ein. Vorsichtig bewegt sich Philipp durch die Gänge, die zu den Streben führen, in denen die Kohle lagert. Wie ein riesiges Verkehrsnetz führen die Schienen der Bahn durch den Schacht. Wenn Philipp seinen Tag beginnt, weiß er nie, was auf ihn zukommt. Er wartet auf die Befehle seines Ausbildungsleiters - und macht dann.
Gestern ist er auf Fehlersuche gegangen bei einer Kälteanlage. Das Gerät wies einen Druckverlust auf, und der 23-Jährige musste untersuchen, aus welcher Öffnung die Luft entwich. Heute wartete er die "Dieselkatze", einer Art Schwebebahn, mit der man Steine oder Werkzeugkisten transportiert.
Philipps Glaube ist unerschütterlich
"Was mich fasziniert, ist die Kameradschaft unter den Kumpeln, dieses totale Wir-Gefühl. Wenn man Hilfe braucht, ist einer da. Ohne zu fragen", erzählt Philipp. Freilich sei der Ton rau, und Frischlinge, die zum ersten Mal unter Tage sind, müssten sich Witze anhören: "Hol mal eine Ersatzblase für die Wasserwaage - hol mal einen Eimer mit Druckluft." Die Bergleute, die einem entgegenkommen, sind durchweg Männer, auf den Lippen zum Gruß ein knappes "Glückauf!", vergleichbar mit "Mahlzeit" in einem normalen Betrieb.
Philipp schultert einen Rucksack mit Schinkenbrötchen für die Mittagspause und "mindestens zwei Litern Wasser" - viel zu trinken ist in der oft warmen Schachtanlage wichtig. Und wenn er aufs Klo muss? Philipp grinst, deutet mit dem Daumen zur Wand, "dann geht man dahin - deshalb sind auch so gut wie keine Frauen unter Tage".
333 Azubis gibt es momentan auf Auguste Victoria in Marl, verteilt auf vier Berufe: Industriemechaniker, Elektriker für Betriebstechnik, Bergmechaniker und eben Mechatroniker. Wenn Philipps Ausbildung im Dezember 2007 beendet ist, wird er nicht nur Mechatroniker sein, sondern auch das Fachabitur in der Tasche haben, das er gleichzeitig im Berufschulunterricht baut. Danach würde er sich eine Übernahme bei der DSK wünschen. Doch die Chancen stehen schlecht. 2006 hat die DSK lediglich einige 10-Monatsverträge an Azubis vergeben. Auf einen solchen hofft Philipp nun.