Berliner Hauptschule: Das Anti-Frust-Modell - DER SPIEGEL
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Berliner Hauptschule Das Anti-Frust-Modell

Verwahrlosung, Gewalt, keine Hoffnung: Hauptschulen gelten als Verwahranstalten für chancenlose Jugendliche. Die Berliner Pommernschule wehrt sich gegen Frust und Resignation - mit Erfolg. Ein Kamerateam hat Schüler und Lehrer ein halbes Jahr lang begleitet.
Von Jens Todt
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin - Dieter Hohn lächelt. Der Schulleiter der Pommernschule erinnert sich an die letzte Abschlussfeier in der Aula des ehrwürdigen Backsteingebäudes im Berliner Bezirk Charlottenburg. 14 von rund 60 Schulabgängern bekamen am Ende ihrer Schulzeit eine Lehrstelle - im Jahr davor waren es gerade mal vier gewesen. "Das war unser Durchbruch", sagt Hohn, "das hat uns einen richtigen Kick gegeben."

Man könnte sagen, dass die Pommernschule keine "Problemschule" wie die Rütlischule sei. Oder dass das bürgerliche Charlottenburg mit seinen schicken Restaurants und Geschäften im Erdgeschoss sanierter Altbauten kein sozialer Brennpunkt sei. Aber in Wahrheit sind die Probleme der Hauptschulen nicht auf verwahrloste Stadtviertel beschränkt, in denen Migranten Parallelgesellschaften errichtet haben und wo auf der Straße häufig das Recht des Stärkeren herrscht. Charlottenburg sei nicht mit Neukölln zu vergleichen, sagt Hohn. Doch die Probleme mit Schülern und ihren Familien, mit desillusionierten Lehrern, die seien inzwischen überall annähernd gleich.

Seit Oktober 2005 unterstützen die Familienpädagogin Christin Müller und der Sozialarbeiter Hendrik Stoya die Lehrer der Pommernschule. Als "Schulcoaches" begleiten sie den Unterricht, fördern Problemschüler gezielt und schlichten bei Konflikten. Sie haben neue Grundregeln in den Klassen eingeführt und helfen bei persönlichen Schwierigkeiten. Ein Kamerateam hat die beiden ein halbes Jahr lang begleitet, heute um 21 Uhr wird der erste Teil der sechsteiligen Reihe "S.O.S. Schule - Hilferuf aus dem Klassezimmer" im ZDF ausgestrahlt.

Knapp 300 Schüler besuchen die Pommernschule, etwa die Hälfte von ihnen stammt aus Migrantenfamilien. Rund 30 Lehrer versuchen, möglichst viele von ihnen bis zum Hauptschulabschluss zu bekommen, einige sogar bis zur Mittleren Reife. Manche Schüler sind erst vor kurzem nach Deutschland gekommen. "Die sprechen kein Wort Deutsch", so Hohn, "müssen aber natürlich zur Schule." Also hat Hohn Förderklassen eingerichtet, um die Schüler "nicht schon frühzeitig zu frustrieren". 70 Prozent dieser Schüler schaffen später den Hauptschulabschluss.

"Wir müssen raus aus der Anonymität"

Das wichtigste Instrument der Pommernschule sei das "Netzwerk Hauptschule", sagt Hohn: Unternehmen, Lehrer und die Arbeitsagentur arbeiten zusammen und versuchen, die Schüler berufsvorbereitend zu informieren. Dabei würden schon früh Kontakte zu Firmen geknüpft, was sich hinterher auszahle. Auch andere Maßnahmen greifen offenbar. So wird die schuleigene Caféteria "Pompös" von einer Schüler-AG betrieben. "Die müssen Verantwortung übernehmen", so Hohn, "das klappt ganz hervorragend."

Hohn weiß, dass es keine Patentrezepte für Hauptschulen gibt. Er erlebt immer wieder Schüler, die man einfach nicht erreichen kann. "Du bist wer, du kannst was, und wir unterstützen dich" - das versuche er zu vermitteln. Oft genug scheitern er und seine Kollegen mit ihrem Anspruch an der Wirklichkeit. "Die Erwartungen an Lehrer sind zu hoch", so Hohn, "wir können nicht mit abgespecktem Personal Dinge wiedergutmachen, die über Jahrzehnte versäumt wurden."

Der Schulleiter erzählt von Dublin. Vor zehn Jahren hat er eine Schule in der irischen Hauptstadt besucht. Gewalt und Verwahrlosung seien an der Tagesordnung gewesen, ein geregelter Unterricht unmöglich. "Vor kurzem war ich wieder da", sagt Hohn. "Die Iren haben auf die Alarmsignale reagiert, das ist eine völlig andere Schule geworden." Die Schule sei durchaus mit der Pommernschule vergleichbar, "allerdings haben die zusätzlich zum Lehrerkollegium neun Mitarbeiter für die Betreuung. Neun!" Die Pommernschule bekommt demnächst einen Sozialpädagogen. Wahrscheinlich.

Am liebsten will Hohn auch den Eltern der Schüler Hilfe anbieten. Sein Personalstock lasse es nicht zu, regelmäßig die Familien seiner Schüler zu besuchen. "Aber ich will wissen, wo die herkommen, wie die leben", sagt Hohn, "wir müssen raus aus der Anonymität." Einmal habe er die Eltern eines auffälligen Schülers überraschend besucht und mit ihnen geredet: "Ich habe gemerkt, dass in der gesamten Wohnung nichts Essbares zu finden war. Die Kinder haben regelrecht gehungert."

Zwei seiner Lehrer lassen sich derzeit zu Elternberatern ausbilden. "Wir wollen den Familien Hilfe anbieten, ohne ihnen das Gefühl zu geben, sie hätten versagt", so Hohn. Schulschwänzer sollen künftig, wie es das Filmprojekt schon zeigt, von zu Hause abgeholt werden. "Wir brauchen mehr Personal, das ist nicht zum Nulltarif zu haben."

Hohn zwirbelt seinen Schnurrbart, redet sich in Rage, will weitererzählen, doch die Klingel unterbricht ihn. Hohn muss los. "Wir müssen weg von der Stigmatisierung der Hauptschüler", sagt er noch, "die sollen erhobenen Hauptes durch die Gegend gehen."