Beruf Binnenschiffer Mit Technik an Bord
Binnenschiffer sind viel unterwegs. Manchmal bekommen ihre Freunde sie Wochen lang nicht zu sehen. Auf Kino, Konzerte und den Sportverein müssen sie dann auch verzichten. Dafür kommen sie viel herum und haben einen Beruf, der nach einhelliger Meinung immer anspruchsvoller geworden ist. Seit dem Sommer 2005 gibt es für Binnenschiffer eine neue Ausbildungsverordnung.
"Die bisherige war uralt, die stammte aus dem Jahr 1940", sagt Christel Huth vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) in Bonn. Seitdem hat sich viel getan. "Die Anforderungen an den Beruf sind in jeder Hinsicht gestiegen. Großer Wert wird heute auch auf soziale Fähigkeiten gelegt." Denn Binnenschiffer müssen problemlos im Team arbeiten können, schließlich sind die Möglichkeiten begrenzt, sich an Bord aus dem Weg zu gehen. "Aber auch Kenntnisse im Umweltschutz spielen heute eine viel größere Rolle", sagt Huth.
Das Interesse am Beruf wächst nach Beobachtung des BIBB. "Auch die Ausbildungszahlen steigen", sagt die Expertin. "Es war deshalb höchste Zeit, dass die Ausbildungsverordnung überarbeitet wurde." Das sieht auch Gunter Dütemeyer so. Er ist Geschäftsführer beim Arbeitgeberverband der deutschen Binnenschifffahrt in Duisburg - der Stadt mit dem größten Binnenhafen Europas. "Die alte Verordnung stammte noch aus einer Zeit, als Binnenschiffer ohne Radar gefahren sind und keinen Sprechfunk kannten. In der neuen steht das drin."
Die Kollegen werden zur Familie
In der Ausbildung sei zwar auch früher auf neue Entwicklungen reagiert worden. "Die Veränderungen seit 1940 waren schließlich radikal", sagt Dütemeyer - "schon was die Konzepte beim Schiffbau angeht." Die neue Verordnung trägt dem nun auch offiziell Rechnung. "Binnenschiffer müssen heute mit Fax, PC und Internet umgehen können und haben oft sogar zwei Radargeräte an Bord", erzählt der Verbandsgeschäftsführer. "Infos zu Wasserständen beispielsweise werden online abgerufen."
Körperliche Arbeit spielt für Binnenschiffer heute eine geringere Rolle. Dafür werden mehr technische Kenntnisse verlangt. "Das Steuerhaus eines Binnenschiffes ist wie ein Cockpit", sagt Dütemeyer. Mit den Instrumenten muss der Schiffer umgehen können. Die Schiffe, die sie steuern, haben zudem ein ganz anderes Kaliber als noch vor 30 Jahren: "Waren die früher 85 Meter lang, sind das heute oft 110 Meter." Manche sind 15 Meter breit, und statt 1350 können sie bis zu 3000 Tonnen Güter transportieren. Motoren mit 1200 PS oder mehr sind dabei keine Seltenheit.
Haupt- oder Realschulabschluss mit mindestens durchschnittlichen Noten sollten Bewerber deshalb mitbringen. Begabte Azubis können die Lehrzeit auf bis zu zwei Jahre verkürzen. Die Aussichten für die Zeit nach der Lehre sind nicht schlecht: "Das Durchschnittsalter bei den Schiffsführern ist hoch. Da wird Nachwuchs gebraucht", sagt Dütemeyer. Die Azubis verdienen nach Tarif zwischen monatlich gut 800 im ersten und rund 1045 Euro im dritten Lehrjahr. Allerdings sind nicht alle Arbeitgeber tarifgebunden.
"Die Ausbildung ist ein wichtiges Fundament", ergänzt Rolf Günther von der Reederei Imperial in Duisburg, dem nach eigenen Angaben größten Binnenschifffahrtsunternehmen in Europa. "Aber es werden nicht alle Azubis übernommen." Manchmal zeige sich auch, dass einzelne doch nicht für den Beruf gemacht sind. "Das ist mit Berufen an Land gar nicht zu vergleichen." Gerade was soziale Kontakte angeht, sind Binnenschiffer sehr auf ihre Kollegen angewiesen. Nicht jeder kommt damit klar, von der Familie oder dem Partner zeitweise getrennt zu sein.
Meist ist die Crew klein
An Bord sind Binnenschiffer in kleinem Kreis: "Die durchschnittliche Besatzung besteht aus drei Mann", sagt Gunter Dütemeyer. Auch das ist nicht jedermanns Sache. "Für den Binnenschiffer muss man geboren sein oder sein Herz dafür entdecken."
Ist das der Fall, gibt es durchaus einiges zu sehen von der Welt: Die Schiffer fahren meist auf den großen Achsen im Wasserstraßennetz, zum Beispiel auf dem Rhein von Rotterdam bis Basel oder über den Main in die Donau Richtung Südosten. "Die West-Ost-Achse reicht vom Pariser Becken bis an die Oder", erzählt Dütemeyer. "Binnenschiffer können dann schon mal einige Wochen unterwegs sein."
Transportiert werden Güter wie Baustoffe, Mineralöl oder chemische Erzeugnisse. "Die Schiffe bringen aber zum Beispiel auch Erz und Kohle von Rotterdam nach Duisburg", sagt Rolf Günther. Immer wichtiger wird auch in der Binnenschifffahrt der Containerverkehr, dem Experten auch in Zukunft weitere Zuwächse vorhersagen - wie dem Gütertransport auf dem Wasser insgesamt.
Eine Alternative haben Binnenschiffer immer: Der Gütertransport ist zwar mit Abstand der größte Bereich. Gebraucht werden sie aber auch in der Fahrgastschifffahrt: Egal ob auf dem Rhein oder auf der Elbe - die zahlreichen Ausflugsschiffe, die Touristen zu kurzen Törns mitnehmen, können auf qualifiziertes Personal nicht verzichten.
Von Andreas Heimann, gms