Beruf Generation Karriere
Es ist ein gewundener Pfad, der zur Agentur Campusmondi in Berlin führt. Hinter einem olivgrünen vergitterten Tor, das an einem blassrosafarbenen Altbau hängt, schlängelt sich der gepflasterte Weg durch backsteinrote Hinterhöfe. Er kreuzt verwinkelte Gassen und passiert verzweigte Unterführungen, bis er vor zwei grünen Türen mit ovalen Milchglasfenstern endet.
Dahinter residieren jene Berater, die dafür sorgen, dass ihre Kunden auf einer schnurgeraden Laufbahn bei freigegebenem Tempo ihrer Karriere entgegen fliegen. Das Navigationssystem von Campusmondi übernimmt die Leitung. Das Befahren der Strecke ist allerdings mit einer nicht unerheblichen Maut verbunden. Die 2001 gegründete Agentur bietet Karriereberatung an und soll den Weg zum beruflichen Erfolg ebnen. Allerdings sind die Kunden keine Top-Manager und Führungskader. Sondern Schüler.
Der Berliner Dienstleister unterstützt bereits Elftklässler, den optimalen Werdegang zu kreieren. Die Berater planen, welche Qualifikationen, Fähigkeiten und Referenzen der Schüler erwerben sollte, um den Traumberuf zu erreichen. Das fängt bei der Wahl des Leistungskurses an, geht über das Absolvieren von Sprachschulen und Praktika bis hin zur Vermittlung der Universität im Ausland.
"Ich habe schon immer lieber geplant, wie es weitergeht, und wollte nicht in der Luft hängen", erzählt die 19-jährige Nina aus München, "aber ich wusste nicht, was ich beruflich machen soll." Sie spricht mit sanfter, gedämpfter Stimme. Keine Spur von affektiv hektischem Getue, wie man es von einer Karrierefrau erwarten könnte. Ganz im Gegenteil gibt sie sich zurückhaltend. Mitte der 13. Klasse ging Nina zu Campusmondi, um sich über ihre Zukunft klar zu werden. Zuvor hatte sie noch nie von einer solchen Agentur gehört, weshalb der Gedanke erst befremdlich war. Doch weil sie selbst "den Dschungel an Studiengängen" nicht mehr überblickte, aber sicher sein wollte, den richtigen für sich zu finden, ließ sie sich beraten.
Ninas Beispiel steht für einen zunehmend stärker werdenden Mentalitätswandel unter Jugendlichen, den die 15. Shell-Jugendstudie beobachtete. Von Weltrevolution oder auch nur dem Aufbegehren gegen gesellschaftliche Verhältnisse kann keine Rede sein. Vielmehr dominieren Pragmatismus, Engagement und hohe Leistungsbereitschaft. Die Bedeutung von Fleiß und Ehrgeiz für die Lebensgestaltung verstärkte sich gegenüber der Studie 2002 (76 Prozent) sogar noch einmal auf 81 Prozent. Die Zielorientierung "hängt mit der Wahrnehmung der beruflichen Zukunft zusammen, der man skeptisch gegenüber steht", erklärt der Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann, der die Studie mitverfasste.
Tatsächlich beschäftigt die quälende Frage nach der Berufswahl viele Jugendliche schon während der Schulzeit. Doch häufig finden sie keine individuelle Unterstützung. Auch Nina ging es so: "Meine Eltern konnten mir nicht helfen. Sie kennen ja nur BWL, Jura und Medizin." In ihrer Schule habe es zwar hin und wieder Studienberatungstage gegeben, aber die hätten nicht weitergeholfen. Genau jene Orientierungslosigkeit bringt Schüler zu Karriereberatern.
"Im internationalen Schulsystem ist es völlig selbstverständlich, dass eine zentrale Funktion in der Schule die Beratung der Schüler ist: Was kann ich mit dem Abitur machen? So etwas gibt es an deutschen Schulen nicht", moniert Matthias Trüper, Geschäftsführer von Campusmondi. Der Unternehmer sitzt auf einem schwarzen Drehstuhl an einem geräumigen buchenholzfarbenen Schreibtisch. Akten und Hefter stapeln sich darauf. Er selbst kommt dem Klischee von einem Karriereberaters ziemlich nah: Graumeliertes Haar, grauer Anzug, hellblaues Hemd. In den Büroräumen sieht es allerdings nicht aus wie in einer Eliteschmiede: keine ledernen Sessel, kein protziges Inventar, kein Glaspalast. Flipcharts stehen in den Büros. In Regalen stapeln sich Ordner mit grünen Aufklebern bis an die Decke: University of Montreal, University of Canterbury oder Washington University St. Louis steht darauf. Die Agentur agiert global. Denn den jungen Karrieristen sollen die besten Universitäten und Studiengänge vermittelt werden.
"In Amerika begleiten College Counsellors ausschließlich die Frage nach den Berufsvorstellungen, kümmern sich um Bewerbungen und Universitäten", erklärt Trüper. In Großbritannien haben die UCAS Advisor eine ähnliche Funktion. Er spricht ruhig, doch seine tief liegenden Augen hinter der viereckigen Brille blitzen auf, wenn er über die Misere der Schülerberatung in Deutschland spricht. Trüper war selbst jahrelang Lehrer, beriet weltweit Schulen und gründete die Berlin/Potsdam International School. Die Agentur sei ein Ergebnis seiner Berufserfahrung, sagt er. Die meisten seiner Kunden kommen erst kurz vor dem Abitur, andere aber auch schon in der 11. Klasse. "Je früher, desto besser. Dann kann man eventuell noch Vorschläge für weitere Qualifikationen machen." Faulenzen war gestern.
Der Ablauf einer Beratung sieht zuerst ein Gespräch über allgemeine Berufswünsche, Vorlieben und Fähigkeiten vor. Anschließend wird ein Qualifikationsprofil erstellt. "Mir wurden dann verschiedene Studiengänge gezeigt, die mich interessieren könnten", erzählt Nina. Inzwischen tendiert sie dazu International Relations in London zu studieren. Dort geht sie auch zurzeit auf eine Sprachschule, die ihr über die Agentur vermittelt wurde, um ihre Englischkenntnisse zu vertiefen. Zuvor war sie schon einen Monat in Boston. Auch für die Zeit danach hat sie einen vollen Terminkalender. "Ich möchte ein dreimonatiges Praktikum in der Medienbranche machen und noch auf eine italienische Sprachschule." Thomas Schröder, 20, der auch Kunde bei Campusmondi ist und jetzt an der Universität in Maastricht studiert, verbrachte ebenfalls fünf Wochen an der Sprachschule in Wimbledon. "In dieser Zeit habe ich gelernt, wirklich eigenständig zu sein."
Für die Bewerbung an einer Universität wird mit der Agentur das Schreiben von Personal Statements, also Motivationsschreiben, geübt. Diese werden zunehmend wichtiger, weil Universitäten nicht nur auf die Abiturnote, sondern auch weitere Fähigkeiten blicken. Eine Praxis, die nun auch in Deutschland Einzug hält.
"Ich wollte keine Zeit mehr verlieren und sicher sein, dass ich das richtige Studienfach finde", sagt Philipp Klöber, 22, ebenfalls Kunde bei Campusmondi. Seine Beratung ergab, dass Internationales Management an der Munich Business School das Beste für ihn ist. "Ich werde jetzt erst einmal meinen Bachelor und Master machen, danach möchte ich gerne ins Ausland gehen nach Singapur oder Shanghai." Zurzeit lernt er dafür Chinesisch, eine Sprache, die viele für die Sprache der Zukunft halten.
Es ist der ständige Wunsch, sich bessere Ausgangsbedingungen auf dem Arbeitsmarkt zu schaffen, der die Entscheidungen von Jugendlichen prägt.
Doch welche Anforderungen werden heute an einen jungen Arbeitnehmer gestellt? Es zählt nicht mehr nur eine sture Studentenkarriere mit guten Noten. "Unternehmer schauen auch auf das Drumherum. Die Fähigkeit, umdenken zu können, Herausforderungen zu bestehen, Engagement und Hobbys sind genauso wichtig", erklärt Jutta Allmendinger, Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Auch Campusmondi-Chef Trüper hält Flexibilität, Sprachkenntnisse und vor allem "auch einmal eine Zeit im Ausland verbracht zu haben" für wichtiger als eine reine Ausbildung in Deutschland, auch wenn diese kürzer wäre. "Man braucht einfach das Auslandsgen: damit zurechtkommen, dass der Kopierautomat, die Kaffeemaschine und die Krankenversicherung im Ausland anders funktionieren."
Aber brauchen Jugendliche dafür eine Karriereagentur, zumal eine Standardberatung etwa 1000 Euro kostet? "Es ist nicht mehr wie in die 60er Jahren: Wenn man die Uni überlebt, ist man wohl verdienender Akademiker", sagt Trüper. "Die Komplexität des Berufsmarkts und die globale Konkurrenz verlangen einen kompetenten Gesprächspartner."
Laut Shell-Studie gehören die Jugendlichen einer Generation an, "die deutlich unter Druck gerät". Vor allem Ängste in Bezug auf die Chancen auf dem Arbeitsmarkt fordern ihnen immer früher Planungen ab und bringen sie zu Karriereberatern. Von allen Seiten wird ihnen eingeschärft, möglichst schnell und auf hohem Niveau ihre Bildung abzuschließen. Zahlreiche Entwicklungen im Bildungswesen zielen darauf ab, den Bildungsweg zu verkürzen und die Arbeitsanfänger früher auf den Markt zu bringen. In allen Bundesländern soll das 12-jährige Abitur Standard werden, um ein Jahr einzusparen. Die Umstellung auf Bachelor- und Master-Abschlüsse ist ein weiterer Baustein, der dem Rückbau des verworrenen Bildungshauses dient.
Dass bei diesem Umstellungsprozess die Qualität der Ausbildung dem Götzen Verkürzung geopfert wird, bestreitet auch Arbeitsmarktexpertin Jutta Allmendinger nicht. "Eine Ausbildung reicht nicht mehr für das ganze Leben", sagt Allmendinger. "Ich hoffe auf eine Verlängerung durch Verkürzung. Ein erster Abschluss wie der Bachelor muss durch weitere Bildungsphasen im Laufe des Berufslebens ergänzt werden", was heißen soll, dass Jugendliche, die früher durch ein jahrelanges Diplomstudium abgeschreckt wurden, nun doch studieren. "Wir haben einige Personen mit hoher Bildung und viele, die sehr schlecht ausgebildet sind. Vereinfacht gesagt: eine Pyramide. Das Ziel sollte eher eine Raute sein, wir müssen also die Mitte verbreitern", so Allmendinger.
Bildungsexperten und Hochschulprofessoren beklagen dagegen das neue Schmalspurstudium. Genau jenes Ziel, die Zahl der Absolventen zu erhöhen, scheint durch die Einführung von Studiengebühren eher fraglich. Viele Schulabgänger werden sich überlegen, ob es sich lohnt, für ein Studium, dessen Qualität sinkt, auch noch Geld zu bezahlen. Dann könnte aus der "breiteren Mitte" im Bildungswesen nichts werden, stattdessen entstünde ein Bildungszwerg mit kleinem Kopf und kleinen Füßen.
Doch auch Allmendinger bemängelt den zunehmenden "Jugendwahn" in der Ausbildung. Es sei der falsche Weg, enormen Druck aufzubauen und nur das Ziel "so früh wie möglich hereinzugehen" zu verfolgen.
Wie wirkt sich aber dieser Druck auf die Persönlichkeit der Teenager aus? Bleibt für die Kunden von Campusmondi noch Raum für Freizeit und Freunde, wenn schon so früh mit der Karriereplanung begonnen wird? Geschäftsführer Trüper meint: "Wir sind keine Babysitter. Die Jugendlichen müssen schon noch selbst dahinter stehen. Wir erweitern nur die Perspektive." Auch seine Kundin Nina ist gelassen: "Da bleibt schon noch genügend Zeit. Auch meine Freunde fanden es gut, dass ich das mache. Ich zerbreche mir ja jetzt nicht den ganzen Tag den Kopf über die Karriere."
Auch Hurrelmann mahnt, dass den zunehmenden Anforderungen an Jugendliche und die Veränderung im Bildungssystem nicht "mit Hetze, Druck und Leistungspumpe" begegnet werden dürfe. Sonst könne letztlich durch Überforderung Resignation entstehen. Man müsse aufpassen, "dass es für die Leistungsbereitschaft der Jugendlichen auf dem Arbeitsmarkt einen Tauschwert gibt" falls nicht, "bricht das alles in sich zusammen", fürchtet Hurrelmann.
Doch das wäre fatal, denn "heutzutage kann man es sich nicht mehr leisten, nicht zu wissen, was man machen möchte."
Eine Haltung, die Campusmondi-Kunde Thomas Schröder inzwischen verinnerlicht hat. Heute wünscht er sich, er wäre schon in der zehnten Klasse dorthin gegangen.
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