Beruf Redakteur Einblicke in verborgene Welten
SchulSPIEGEL:
Herr Mohr, wie darf man sich die Arbeit eines Journalisten NICHT vorstellen?
Joachim Mohr: Es gibt diese Klischees in Fernsehen und Kino: Journalisten trinken ständig Kaffee, rauchen wie die Schlote, sind immer in Hektik und schreien in einem Großraumbüro durcheinander. Und nach der Arbeit wird wild gebechert. Das ist natürlich Quatsch.
SchulSPIEGEL: Wie sieht es wirklich aus?
Mohr: Beim SPIEGEL hat jeder sein eigenes Büro, und das meiste geschieht vom Schreibtisch aus. Für manche Recherchen bin ich auch unterwegs, für einen Artikel über Kantinen und Mensen habe ich zum Beispiel Großküchen in Berlin, Bremen und Hamburg besucht. Beim SPIEGEL arbeitet man außerdem oft im Team. Teilweise schreiben mehrere Kollegen an einem Artikel. Dabei tauschen wir uns ständig untereinander und mit Layoutern und Bildredakteuren aus. Die Dokumentation hilft uns außerdem bei der Recherche und überprüft sachliche Korrektheit der Texte, ähnlich den Schlussredakteuren, die vor allem für Rechtschreibung und Verständlichkeit zuständig sind.
SchulSPIEGEL: Woran arbeiten Sie momentan?
Mohr: Ich schreibe Buchbesprechungen für das SPIEGEL-special-Heft "Literatur". Ich habe mir unter anderem zwei Bände mit amerikanischen Kurzgeschichten und zwei Krimis vorgenommen.
SchulSPIEGEL: Wie entsteht ein SPIEGEL-special-Heft?
Mohr: Vor kurzem haben wir ein Heft über Ernährung fertig gestellt. Zuerst haben Themen für einzelne Artikel gesucht - etwa "Die Seuche Übergewicht" oder "Die Geschichte der Schokolade". Nachdem geklärt war, wer für welchen Beitrag zuständig ist, hat jeder für sich recherchiert und geschrieben. Danach wurden die Beiträge der Fremdautoren redigiert, bei Bedarf gekürzt oder verlängert. Dann erst kümmert man sich um die Bebilderung: Welche Fotos kommen zu welchem Artikel, mit welcher Bildunterschrift? Der Prozess von der Idee bis zum fertigen Heft kann mehrere Monate dauern.
SchulSPIEGEL: Wie wählen Sie Themen aus?
Mohr: Durch gründliche Information. Als ich für den SPIEGEL über das Thema Bildung geschrieben habe, da musste ich wissen: Was beschäftigt Schüler, Lehrer, Studenten und Professoren? Wie sieht es an Schulen, an Hochschulen aus? Welche Bildungspolitiker gibt es und was wollen sie? Nur wenn ich das alles weiß, kann ich einschätzen, welche Themen relevant sind. Zeitungen, Bücher, Radio und Fernsehen halten da zwar auf dem Laufenden, wichtiger ist es aber, die Menschen zu besuchen: Schüler in ihren Schulen genauso wie Professoren in ihren Labors.
SchulSPIEGEL: Man muss also sehr kommunikativ sein?
Mohr: Einem Journalisten sollte es leicht fallen, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Und zwar egal, ob einem der Gesprächspartner sympathisch ist oder nicht. Ein Journalist sollte neugierig auf die Welt sein, auf die Dinge, die eine Gesellschaft bewegen.
SchulSPIEGEL: Und wie finde ich heraus, ob ich journalistisches Talent besitze?
Mohr: Einfach mal zur Schülerzeitung oder zum Lokalblatt gehen. Dort passiert im Grunde nichts anderes als beim SPIEGEL: Die Mitarbeiter suchen spannende Themen, recherchieren, schreiben und versuchen ein möglichst interessantes Heft zusammen zu stellen. Dabei spüre ich, ob es mir leicht fällt, ein Interview zu führen. Auch ich habe während der Schulzeit so angefangen, bei einer kleinen Lokalzeitung, dem "Teckboten". Während meines Studiums habe ich dann auch für größere Zeitungen gearbeitet. So Mitte des Studiums war mir klar, dass ich Journalist werden möchte. Darauf habe ich dann zielstrebig hingearbeitet, mit Praktika und freier Mitarbeit.
SchulSPIEGEL: War der Schritt von der lokalen zur überregionalen Zeitung schwierig?
Mohr: Ja. Zunächst haben mich alle großen Zeitungen abgelehnt - sie kannten mich ja nicht und hatten hunderte Bewerbungen vorliegen. Erst als ich eine große Geschichte in der "Süddeutschen Zeitung" vorweisen konnte, bekam ich in der Lokalredaktion der "Frankfurter Rundschau" einen Praktikumsplatz.
SchulSPIEGEL: Bekamen Sie nach der Universität direkt eine Anstellung?
Mohr: Nach dem Examen habe ich bei der "Frankfurter Rundschau" 18 Monate volontiert. Dabei arbeitet man in allen Redaktionen, vom Lokalen über Politik, Kultur und auch Reisen. Als ich mein Volontariat abgeschlossen hatte, suchte der SPIEGEL einen Hochschulredakteur - und ich hatte kurz nach der deutschen Wiedervereinigung umfangreiche Artikel über die Lage an den Hochschulen in den neuen Ländern geschrieben. Das passte gut, und so kam ich zum SPIEGEL.
SchulSPIEGEL: Ist ein Studium wichtig?
Joachim Mohr: Natürlich gibt es ausgezeichnete Redakteure ohne ein Studium, auch beim SPIEGEL. Doch die meisten jungen Leute, die heute in diesen Beruf drängen, haben einen Hochschulabschluss. Ohne Studium hat man einen Nachteil gegenüber anderen Bewerbern. Außerdem verhilft einem ein Studium zu Fachwissen, etwa in Geschichte, Betriebswirtschaft oder Naturwissenschaften.
SchulSPIEGEL: Was mögen Sie an Ihrem Beruf?
Joachim Mohr: Ich lerne ständig dazu. Ich spreche mit Menschen, denen ich privat nie begegnen würde und bekomme Einblick in Welten, die mir sonst verborgen blieben. Das ist spannend und macht mir viel Freude. Mir fällt nichts ein, was mich grundsätzlich am Journalismus stört. Auch wenn ich nicht jeden Artikel schreiben kann, den ich will. Aber wo geht es schon immer nach dem eigenen Willen?
SchulSPIEGEL: Können Sie unseren Lesern einen Tipp für die Berufswahl geben?
Joachim Mohr: Man sollte sowohl die eigenen Interessen als auch die Möglichkeiten, die der Arbeitsmarkt bietet, im Auge haben. Sich in der Schule, beim Arbeitsamt, bei Bekannten informieren. Sich jedoch wegen schlechter Jobaussichten gegen die eigenen Wünsche zu entscheiden, bringt nichts. Und keiner sollte davon ausgehen, dass er gleich Leitartikel für die "Süddeutsche Zeitung" schreibt, die Tagesthemen spricht oder USA-Korrespondent wird. Der überwiegende Teil der Journalisten arbeitet bei lokalen oder regionalen Medien.
Mit Joachim Mohr sprach Stefanie Jockers