Bildung Die Rache der Igel
Im Musikraum proben 100 Grundschüler denkontrollierten Aufstand: "Po-politi, Politiker tralafitti.Wer labert mehr?", singen sie im Chor, "Politiker reden,sie reden sich wund." Musiklehrerin Margitta Wulff gibt denEinsatz. Der Chor der schleswig-holsteinischen GrundschuleMollhagen studiert das Musical "Die Rache der Igel" ein. Und während die Dritt- und Viertklässler für ihren großenTag noch üben, ist der für die Schule schon gekommen: ImMusikraum sitzen neben den Schülern einige Herren, machenNotizen, überlegen, wo im Bewertungsbogen die Kreuze hinmüssen. Zwei Tage dauert ihr Job, der sie in alle Klassender kleinen Landschule führt. Externe Evaluation im Team(EVIT) nennt sich das Projekt, mit dem Schleswig-Holsteinbildungspolitisches Neuland betritt.Seit diesem Frühjahr muss sich jede Schule im nördlichstenBundesland dem Schul-TÜV stellen. 45 Teams aus jeweils dreiPrüfern sollen im Auftrag des Kultusministeriums nach sechsJahren alle 1055 Schulen bewertet haben und ihnenVorschläge zur Verbesserung machen. Danach geht das Ganzewieder von vorn los.Die Schulinspektion ist Teil eines grundsätzlichen Wandelsder Bildungslandschaft: Schulen bekommen größereFreiheiten, müssen über ihre Leistung aber stärkerRechenschaft ablegen. In den Niederlanden und Schottlandfunktionieren ähnliche Modelle längst, doch in Deutschlandmochten sich viele Lehrer bislang nicht in die Kartengucken lassen - Pisa hin oder her. Deshalb gleicht dasEVIT-Projekt von Kultusministerin Ute Erdsiek-Rave (SPD)einer kleinen Sensation. Bald werden andere Bundesländernachziehen: Kaum eine Regierung, die künftig noch aufderartige Inspektionen verzichten will (siehe Grafik). In Mollhagen lobt Inspektor Eckhard Aleidt, im Hauptjob derzuständige Schulrat, die "hervorragende Arbeitshaltung" derSchüler. "Sie lernen, für ein bestimmtes Ereignismonatelang zu üben." Er notiert, dass die Lehrerin 100Kinder auf einmal bändigen kann. "Das setzt anderswo Kapazitäten für Förderunterricht frei." Und dass sie auchdie Eltern einbindet - denn die müssen die braunenIgel-Kostüme nähen.Aleidt, immer im Sturmschritt unterwegs mit Flanellsakkound Schottenkrawatte, hat den Bürgermeister nach der Rolleder Schule im Dorfleben befragt und den Hausmeister. Er hatsogar die Toiletten inspiziert und Statistiken gewälzt. Wieviele Kinder sind sitzen geblieben? Wie viele haben eineKlasse übersprungen? Wie viele ausländische Kinder gibt es?Wie hoch ist der Unterrichtsausfall? Per Fragebogen wollteer von den Eltern etwa wissen, ob ihr Kind Angst hat, indie Schule zu gehen. Und die Schüler mussten erklären, obsie mit ihrer Schule zufrieden sind.Drittklässler zeigen dem Prüfer nun, wie sie denABC-Schützen aus der ersten Klasse helfen, lesen zu lernen.Beim Projekt "Gesunde Ernährung" arbeiten die Kinderselbständig: Die einen lesen aus Tabellen ab, wie vielZuckerstücke in Cola und Gummibärchen enthalten sind undbauen dann aus dem Zucker Pyramiden. Andere testen denFettgehalt von Lebensmitteln auf Löschpapier. "Alle machenmit, keiner guckt aus dem Fenster", notiert Aleidt.Bei landesweiten Vergleichsarbeiten schnitten dieMollhagener schon zuvor meist weit überdurchschnittlich ab.Aleidts vorläufiges Fazit: "Die Schule ist noch besser, alsich dachte." Schulleiterin Leonore Martens strahlt. In zweiWochen bekommt sie einen Bericht mit den Stärken undwenigen Schwächen ihrer Schule.Allerdings: Nur selten fällt das Urteil so positiv aus.Aleidt hat in der Pilotphase des Projekts im vergangenenJahr auch schon eine Schule besucht, in der es"hauptsächlich Frontalunterricht und keineÄnderungsbereitschaft" gab: "Da tat unsere Kritik richtigweh."Kultusministerin Erdsiek-Rave hofft, dass die Ergebnisseder Prüfer die Schulen anspornen, denn direkte Sanktionengibt es nicht. "Verbesserung können Sie nicht befehlen",glaubt der Projektleiter im Ministerium, Werner Klein. Inden Niederlanden werden Prüfberichte im Internetveröffentlicht, damit Eltern sich informieren können undder Wettbewerb zwischen den Schulen verstärkt wird. DasKieler Ministerium traut sich noch nicht, seinen Pädagogenderart auf die Füße zu treten. Auch deshalb lautet das Urteil von Eltern, Politikern undWissenschaftlern: im Prinzip gut, aber noch nicht richtigumgesetzt. "Halbherzig" und "fragwürdig" sei, so HeikeFranzen, Landeselternbeirätin in Schleswig-Holstein, wennnach dem Prüferbesuch der Druck fehle, "die Fehler aucherfolgreich zu beheben".Erdsiek-Raves niedersächsischer Kollege Bernd Busemann(CDU) will es, ab 2005, besser machen. Schulen mitProblemen dürfen in seinem Land dann auf umfangreiche Hilfehoffen, gerade wenn sie in sozialen Brennpunkten liegen.Sie müssen sich aber auch verbessern. "Der Schul-TÜV darfnicht wie der Besuch des guten Onkels sein." Schulen, dieunter der Norm bleiben, sollen Auflagen erfüllen müssen undwerden innerhalb eines Jahres erneut überprüft.Noch mehr dürfte die Pädagogen beeindrucken, dass Busemannallen Eltern den Bericht geben will. Bis zurVeröffentlichung ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. CORDULAMEYER