Bildung Kampf der Geschlechter
Anna Lührmann hat es geschafft. Die 23-Jährige hat gleich nach dem Abitur ihre Koffer gepackt, um die deutsche Hauptstadt zu erobern. Als jüngste Abgeordnete ist die damals 19-jährige Hessin ins Parlament gewählt worden. Heute sitzt sie für die Grünen im Haushaltsausschuss und muss sich täglich in der Männerdomäne Politik durchsetzen.
Dabei hat sie es oft nicht einfach. Nicht immer wird die junge Frau von männlicher Kritik verschont. Von älteren Abgeordneten hat sie sich schon anhören müssen: "Na, wer hat Ihnen das denn jetzt schon wieder aufgeschrieben?" Die 23-Jährige will sich von solchen Bemerkungen nicht beeindrucken lassen. "Ich mache einfach mein eigenes Ding", meint Lührmann selbstbewusst.
Sie ist damit eine typische Vertreterin ihrer Generation: Junge Frauen fühlen sich nicht mehr als das schwächere Geschlecht. Die neue Shell-Jugendstudie zeigt vielmehr, dass die weiblichen 12- bis 25-Jährigen ihren männlichen Altersgenossen allmählich den Rang ablaufen. Bei der Schulbildung haben die jungen Frauen ihre männlichen Altersgenossen schon überholt, 55 Prozent eines Abiturjahrgangs sind Frauen. "Die Männer werden langsam aber sicher abgehängt", sagt Klaus Hurrelmann, einer der Autoren der Studie.
Sozialwissenschaftler der Universität Bielefeld und des Forschungsinstituts TNS Infratest Sozialforschung München hatten Anfang des Jahres mehr als 2500 Heranwachsende befragt, um herauszufinden, wie die deutsche Jugend "tickt". Eigentlich ging es den Forschern um den Konflikt zwischen "Jung und Alt". Doch statt eines "Kampfes der Generationen" erwartet Mit-Autor Hurrelmann nun eher einen "Kampf der Geschlechter um die besten Positionen und die besten Ressourcen".
Die Frauen lassen sich nicht mehr abschrecken. "Diese Generation junger Frauen will hoch hinaus", meint der 62-jährige Bielefelder Universitätsprofessor. Dies habe sich bereits in der vorherigen Shell-Studie 2002 angedeutet. "Die jungen Frauen sind durchsetzungswilliger, leistungsstärker und pragmatischer als ihre Mütter und Großmütter", sagt Hurrelmann und spricht von "einer neuen emanzipatorischen Entwicklung".
Auch in Film und Fernsehen zeigt sich laut der Studie, dass Frauen zunehmend Eigeninitiative entwickeln. Actionheldinnen wie Lara Croft, Cat Woman und Charlies Angels machen es vor: Die moderne Frau von heute will sich weder mit einer Zuschauerrolle zufrieden geben noch mit der Rolle der romantischen Heldin, die ihre männlichen Altersgenossen den gesamten Ruhm einfahren lässt.
Verlierer dieser Entwicklung könnten die Jungen sein. Muss man sich um sie sorgen? "Ja", sagt Hurrelmann. "Frühe schulische Misserfolge lassen die Jungen irgendwann resignieren." Es sei wichtig, sie aus diesem "Misserfolgsloch" herauszuholen, etwa durch spezielle Bildungsprogramme für Jungen.
Was Hurrelmann in seiner Studie beobachtet hat, zeigt sich bei Hermann und Annette Bröker innerhalb der Familie. Sie haben 17-jährige Drillinge. Während Simone in einem Jahr Abitur macht und unbedingt studieren will, schafften es Tobias und Markus nicht aufs Gymnasium.
Nach seinem Realschulabschluss besucht Tobias jetzt eine Schule, auf der er neben seinem Fachabitur gleichzeitig eine Ausbildung zum chemisch-technischen Assistenten macht. Markus hingegen hängt etwas hinterher. Er hat die Vorschule besucht und in der Grundschule ein weiteres Jahr freiwillig wiederholt. Momentan besucht er die 10. Klasse der Hauptschule und versucht, einen Ausbildungsplatz als Tischler oder Zimmermann zu bekommen.
Zumindest in diesen Bereichen hat er noch kaum weibliche Konkurrenz zu fürchten. "Ich fühle mich keineswegs von Mädchen überholt", meint der 17-Jährige. "In handwerklichen Berufen hält sich die weibliche Konkurrenz sowieso in Grenzen."
Doch allzu sicher sollte er sich nicht fühlen Anna Lührmann etwa hat solche Berufe bereits im Blick und will sie nicht länger den Männern überlassen.
Es werde den Frauen einfach zu schwer gemacht, sich in den von Männern geprägten Bereichen durchzusetzen, meint die Politikerin. Dadurch gebe es "zu wenige erfolgreiche Vorbilder für junge Frauen". Die Politikerin klagt: "Statt die Verbindung von Familie und Beruf möglich zu machen, pflegt man das Klischee von einer allein stehenden zickigen Karrierefrau."
Auch Sozialwissenschaftler Hurrelmann sieht die Probleme junger Frauen, Familie und Karriere zu vereinbaren. Er spricht von einer "Blockade", die viele junge Frauen hemme. Hinzu komme derzeit noch ein anderes Problem: Viele junge Frauen seien nicht bereit, sich dem Wettbewerb zu stellen. "Mit ihrer Kraft werden die Frauen weit kommen", sagt der Wissenschaftler. "Noch aber fehlt ihnen der nötige Killer-Instinkt."
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