Bosnien: Das Träumen nicht verlernen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Bosnien Das Träumen nicht verlernen

Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Von Johanna Dauner*

Die Zigarette liegt lässig zwischen seinen zarten Fingern. Fast graziös führt er sie zu seinen Lippen. Er zieht kräftig daran, wirft den Kopf in den Nacken und lässt den blauen Dunst aus seinem Mund strömen. Für ihn ist es ein Spiel. Unfassbar: das Spiel eines kaum vier Jahre alten Jungen. Barfuß und nur mit einem blauen Schlafanzug bekleidet läuft er durch die Straßen von Sarajewo. Menschen drehen sich um, können ihren Augen nicht trauen. Der kleine schwarzhaarige Junge genießt seinen Auftritt und zieht so stark an seiner Zigarette, dass sich durch den Sog die Wangen nach innen wölben. Trotz, aber auch Traurigkeit sind ihm ins Gesicht geschrieben. Auf einmal läuft er weg, die nackten Füße platschen nur noch so auf das kalte Kopfsteinpflaster.

Er hat genug von seinem Spiel. Da sitzt er nun - hinter ein paar Büschen versteckt mit zwei anderen gleichaltrigen Jungen. Sie kauern dicht nebeneinander auf dem Boden, ihre Köpfe stützen sie immer wieder auf die Knie ihrer angezogenen Beine. Ein grauer Schleier umhüllt die drei Jungen, immer wieder ziehen sie an ihren Zigaretten. Diesmal ist es kein Spiel. Sie stillen ihren Hunger - auch den nach Zuwendung.

"Hello, what's your name?"

Szenenwechsel: Aufgeregte Kinderstimmen und heiteres Lachen durchdringen den Raum. Bob Marley tönt in voller Lautstärke aus den Musikboxen, die von der Decke herabhängen. Ein kleines Mädchen schwingt zu den Reggae-Rhythmen noch etwas unbeholfen ihre Hüften. Aber sie strahlt über das ganze Gesicht. An Tischen wird entweder gemalt oder die Zeit mit Gesellschaftsspielen vertrieben. Der "Open Space" im SOS-Sozialzentrum in Sarajewo ist bei den Kindern und Jugendlichen sehr beliebt. Dort haben sie die Möglichkeit sich mit anderen zu treffen, zu spielen oder einfach in der Sofaecke zu sitzen und sich zu unterhalten.

Das Sozialzentrum öffnete 1999 im grauen Randbezirk Mojmila zwischen der Betonwüste der riesigen Wohnhäusertrabanten im Kampf gegen das gelangweilte Herumhängen der Jugendlichen seine Pforten. Heute ist das Zentrum eine gefragte und von den Jugendlichen stark frequentierte Einrichtung. Um die 600 Kinder und Jugendliche verschiedenster Nationen und Religionen nehmen jeden Monat regelmäßig an den Kursen und Aktivitäten des Sozialzentrums teil. Für viele Kinder aus zerrütteten und in Armut lebenden Familien - meist als Folge des Krieges, der bis vor 7 Jahren in Sarajewo wütete - ist das Zentrum auch Orientierungshilfe und sozialer Haltepunkt.

Ausnahmsweise ist es einmal ganz Still im "Open Space" des Sozialzentrums. 15 Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren sitzen in Stuhlkreis und verfolgen mit großen Augen die Bewegungen und Verrenkungen, die der betreuende Sozialpädagoge vor ihnen ausführt. Wortfetzen werden in die Runde geworfen, immer wieder wird gelacht. Manche schauen etwas ratlos. Es wird Pantomime gespielt und die Kinder müssen erraten, was der Pädagoge mit Hilfe der Körpersprache darstellen will. Nach einiger Zeit fällt die Lösung es wird geklatscht und gelacht. Das Spiel geht weiter.

Im ersten Stockwerk des Zentrums hört man schon vom weiten fröhliche Kinderstimmen, der Englischkurs. Im Klassenzimmer sitzen um die 20 Kinder. Es mischen sich englische und bosnische Wortfetzen. "Hello, what' s your name?", werden stolz die ersten Englischkenntnisse präsentiert. Spielend lernen hier die sechs bis acht Jährigen ihre ersten Englischvokabeln. Es wird gemalt und zu den Bildern werden die englischen Begriffe dazugeschrieben. Es ist eine ungezwungene Atmosphäre und erinnert in keiner Weise an die Schule.

Nur ein paar Räume weiter ist dafür Konzentration und Körperspannung gefordert. Ballett-Einzelunterricht: Zu Tschaikowsky tanzt ein junges Mädchen, die Haare streng zu einem Zopf geflochten, ihre Kür. Die letzte Sprungsequenz ist mit der Musik noch nicht ganz synchron. Die Lehrerin geht mit der kleinen Ballerina noch einmal den Bewegungsablauf durch. Dem kritischen Blick der Ballettlehrerin entgeht keine noch so kleine Unsicherheit. Der CD-Spieler wird zum nächsten Versuch gestartet. Ein paar Stunden später findet im selben Raum Klavierunterricht statt.

Im SOS-Sozialzentrum Sarajewo kommt niemals Langweile auf, es ist immer etwas geboten: Basketball, Break-Dance, Deutsch- und Englischkurse, Computerlehrgänge, Schminkgruppen, Fotokurse, Zeichen- und Malunterricht, Filmvorführungen, Diskoabende. Das Angebot des Zentrums ist so vielseitig, dass jedes Kind und jeder Jugendliche ein Angebot nach seinem Geschmack finden kann. Als Gegenleistung für den Kurs spenden die Kinder ein Buch für die Bibliothek, die dadurch schon recht umfangreich geworden ist.

Nermin ist 14 Jahre alt. Seit zwei Jahren ist er jeden Tag im Sozialzentrum, für ihn ist es schon wie ein zweites Zuhause. "Im Moment habe ich den Englischkurs belegt, und jetzt fange ich mit dem Computerkurs an. Aber eigentlich komme ich jeden Tag, um mit den anderen Basketball zu spielen", erzählt er mit einem verschmitzten Lächeln und dreht sich dabei zum Basketballspielfeld um. Die Jugendlichen warten schon etwas ungeduldig auf ihn. "Los komm wir wollen weiterspielen", rufen sie immer wieder. Nermin packt den Basketball, der neben ihm liegt, und stürmt geradezu das Spielfeld. Die Jungen liefern ein heißes Spiel, mit allen möglichen Tricks wird um den Ball gekämpft, die zuschauenden Kinder feuern die zwei Teams mit Rufen und Klatschen an. Nermin konnte für seine Mannschaft ein paar Punkte erzielen, sie geht als Sieger vom Feld. Völlig verschwitzt und außer Atem setzt er sich auf den Boden, zieht sein Hemd aus und versucht, sich von dem anstrengenden Spiel zu erholen. "Gutes Spiel!", gratulieren ihm seine Mitspieler. Sie klatschen sich mit lässigen Handschlag ab.

Nermin ist froh, dass es das Sozialzentrum gibt. Bis vor ein paar Jahren war für die Jugend nicht allzu viel geboten. Und noch immer sind die Angebote in Sarajewo, das tiefe Wunden vom Krieg trägt, eher spärlich. Die junge Generation hat es nicht einfach, Arbeitslosigkeit und Armut bestimmen das Leben vieler. Da bleibt gerade für Träume nicht viel Platz. Viele Kinder und Jugendliche hängen oft ziellos und gelangweilt herum. Dadurch werden auch Drogen in Sarajewo zu einem immer größeren Problem.

"Ich möchte einmal Journalist werden", erzählt Nermin von seinen Zukunftsplänen, "da ist es auch wichtig, dass ich gut Englisch sprechen und mit dem Computer umgehen kann. Deswegen habe ich auch die Kurse hier im Zentrum belegt. Ich möchte später vor allem viel reisen und die Welt kennenlernen." Nermin hat zum Glück das Träumen noch nicht verlernt.

Zurück zur Übersicht


* Johanna Dauner vom Gymnasium Marktoberdorf war mit ihrer Schülerzeitung "Kurzschluss" Mehrfachsiegerin im SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb 2001/2002

Mehr lesen über

Verwandte Artikel