"Bravo"-Jubiläum: Hauptsache schön schrill - DER SPIEGEL
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"Bravo"-Jubiläum Hauptsache schön schrill

"Bravo" wird 50. Die goldenen Zeiten sind passé, die Leserschaft schrumpelt. Nach allerlei Experimenten setzt die Redaktion wieder auf Bewährtes: Schnipselweise Stars von Eminem bis Tokio Hotel, Klatsch kunterbunt und natürlich Sex für Anfänger.
Von Antonia Götsch
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

"Bravo" schockt das Auge. Bill Kaulitz, Mädchenohnmachtauslöser von Tokio Hotel, reicht nicht als Kaufanreiz. Jedenfalls nicht allein. Kleinere Fotos und Schlagzeilen – rund um seine Strubbelfrisur drapiert - versprechen, dass die Ausgabe 35/2006 auch "exklusive" Neuigkeiten für Rap- und Punkfans bereithält: Sängerin LaFee spricht über ihr neues Leben nach der Schule, Rapper Eminem enthüllt das Krebs-Drama um seine Mutter, und bei der Band Killerpilze herrscht "Nackt-Alarm".

50 Jahre alt und kaum verändert - auch auf den 76 Innenseiten des aktuellen Heftes dominiert die klassische Schnipsel-Optik. Ein bisschen von allem gibt es meist knapp, knallbunt, in schnell verdaulichen Häppchen serviert. Nach allerlei Experimenten und mehreren Wechseln in der Führungsetage setzt Chefredakteur Tom Junkersdorf, 37, auch inhaltlich auf das bewährte Konzept. "Bravo" meidet Politik und Kontroversen, ist dafür aber randvoll mit Stars für alle Geschmäcker.

So belegt eine Fotoserie, dass Nicole Richie nur noch Haut und Knochen ist. Sarah Connors Baby hat die Herz-OP überstanden. Das könnte so auch in jedem Klatschmagazin für Erwachsene stehen. Junkersdorf, der früher bei "Bild" und "Gala" für Society-Tratsch zuständig war, will "Bravo" auch als "Deutschlands jüngstes People-Magazin" verstanden wissen. Anders als "Gala" oder "Bild der Frau" solle das Blatt aber auch musikalischen Newcomer aufspüren: "'Bravo' ist wohl Deutschlands größter Talentscout", so der Mann, der vom Boulevard zum Jugendmagazin kam.

Jeder Zielgruppe ihr "Bravo"-Ableger

Mit Tokio Hotel, die "Bravo" in die Charts jubelte, konnte der Bauer-Verlag noch einmal ein Auflagenhoch feiern. Im Herbst 2005 landeten 56.000 Liebesbriefe für die vier Bandmitglieder in der Redaktion. Doch die Jungs werden langsam älter, die Frontzwillinge Bill und Tom werden im September 17. Und es sieht nicht so aus, als ob die neueste "Bravo"-Entdeckung, die Killerpilze, ähnlich zündet, obwohl deren jüngstens Mitglied Fabi zielgruppenschwarmgerechte 13 Jahre alt ist. "Es gibt keine ganz großen Stars mehr", sagt Jugendforscher Klaus Farin, der eine Bravo-Geburtstagsaustellung organisiert hat. Die Halbwertzeiten würden immer kürzer. Daher seien die goldenen Bravo-Zeiten wohl für immer vorbei.

Von Kritikern, die ihm mit der massiv eingebrochenen Auflage kommen, will sich Junkersdorf aber schon mal gar nicht auf die Jubiläumstorte spucken lassen. Anfang der neunziger Jahre erreichte die Zeitschrift noch Auflagen von rund einer Million, im zweiten Quartal 2006 waren es knapp 511.000. Doch dafür ist "Bravo" nun eine Art Imperium: Man sei als "Medienmarke in die Breite gewachsen", betont der Chef. Da gibt es "Bravo Girl", ein Sportheft, ein Spielemagazin, eine HipHop-Zeitschrift, Starklatsch aufs Handy, einen Internetauftritt, "Bravo TV" und natürlich die "Bravo"-Hit-CDs - eine ganze "crossmediale Familie", auf die Junkersdorf mächtig stolz ist.

Die Leser sind mit der Zeit immer jünger geworden. Als das Blatt 1956 startete, waren sie zwischen 20 und 30. Heute kaufen 10 bis 16-Jährige die "Bravo", zwei Drittel von ihnen sind Mädchen. "Die 'Bravo' ist in den Taschengeldbereich gerutscht und konkurriert mit Fastfood und Klingeltönen", sagt Farin. Für 1,30 Euro kann man immerhin schon einen Cheeseburger kaufen - schwere Entscheidung, wenn ein Schüler nur ein paar Euro pro Woche hat. Und Internet und Fernsehen geben schneller und täglich Auskunft.

Jetzt oder nie, Onanie

Die wichtigste Existenzberechtigung für "Bravo" ist auch Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution weiter der Sektor "Liebe, Sex und Zärtlichkeit". Fragen wie "Kann ich von einem Zungenkuss schwanger werden?" zeigen, dass der Sexualkundeunterricht in der Schule nicht das leistet, was "Bravo" vermag, sagt etwa der Pädagogikprofessor Joachim Knoll. Generation für Generation werde hier aufgeklärt. Jedes Jahr kommen 600.000 Elfjährige ins beste "Bravo"-Alter, rechnet Chefredakteur Junkersdorf vor. Und stehen dann genau wie frühere Generationen vor "der Frage, was mit ihrem Körper passiert".

"Wie oft darf ich onanieren?", "Wie wirkt eigentlich die Pille?", "Steh ich auf Mädchen?", "Ist es peinlich, wenn ich mit 17 noch keinen Sex hatte?" - in der Dr.-Sommer-Hochphase gingen jede Woche zwischen 3000 und 5000 Briefe in der Redaktion ein. Inzwischen nimmt das Aufklärungsteam um Eveline von Arx die anonymen Fragen zu Sex und Pubertät auch per SMS und E-Mail entgegen. Und die 1956 eingeführten Bravo-Charts werden heute per Onlinevoting und SMS-Umfragen ermittelt.

Schon so einige Geburtstage haben auch das zweisprachige Bravo-Songbook, die Horoskopseite und natürlich die Foto-Lovestory erlebt. Entblößte Jugendliche, die über ihren Körper reden, schocken allenfalls noch Bravo-Leser von ganz früher. In den Neunzigern beispielsweise gab es die berühmten Selbstauslöser-Nacktfotos mit gefühligen Geständnissen. Und für die aktuelle Ausgabe ließen sich Lysann, 20, und Marcus, 20, unter der Dusche ablichten - er findet es "spannend, ein Mann zu werden". Und sie ihre Brüste zu klein.

Nichts Neues im "Bravo"-Land. Und so darf man zum 50. Geburtstag getrost gratulieren: "Mensch Alte, du hast dich ja gar nicht verändert."

mit ddp/AFP

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