Hip-Hop im Unterricht: Reime vom Smartphone
Hip-Hop im Unterricht Wer rappt, braucht keinen Psychologen
Ian Levy, 27, ist weiß und in einem wohlhabenden New Yorker Vorort aufgewachsen. Seine Schüler sind schwarz und leben in einem der ärmsten Viertel der Stadt. Beide verbindet die Liebe zur Musik.
Levy gehört einer wachsenden Bewegung amerikanischer Pädagogen und Schulpsychologen an, die Hip-Hop-Unterricht an Schulen etablieren wollen. Für viele von Levys Schülern ist Musik die einzige Möglichkeit, ihre Probleme aufzuarbeiten. "Gerade junge Männer, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem es Gewalt, Gangs und Drogen gibt, können es sich oft nicht erlauben, Schwäche zu zeigen oder verwundbar zu sein", sagt Levy. HipHop gebe ihnen die Möglichkeit, sich zu öffnen, ohne von anderen als schwach angesehen zu werden. Denn Rapper werden respektiert.
Die Bronx ist der Geburtsort des Hip-Hop. Die New Visions Charter High School liegt im Süden des Bezirks, zwischen umzäunten Brachflächen und einem 15-stöckigen Backsteinhochhaus. An jeder Ecke sind kleine Graffitikunstwerke zu sehen, sie sind Verstorbenen gewidmet. Immer wieder fahren Polizeistreifen vorbei. Am Schuleingang überprüfen Sicherheitsleute jeden, der die Schule betreten will.
Levy arbeitet hier seit 2014 als Schulpsychologe. Sein Hip-Hop-Unterricht begann als Workshop, der nach Schulschluss stattfand. Mittlerweile ist er Teil des regulären Musikunterrichts.
An diesem Tag sind Schüler der zehnten und elften Klasse dran. In Zweier- und Dreiergruppen schreiben sie an ihren Songs. Brian Santiago, 16, tritt ans Mikrofon. Sein Mitschüler Jeremyah Lay, 16, sitzt am Mischpult und koordiniert die Aufnahme.
In den Liedern geht es um Polizeigewalt und Rassismus, um den Streit mit den Eltern und die Trennung von der Freundin. Brian liest die Reime vom Smartphone ab. "Hier herrscht eine andere Atmosphäre", sagt er, als alles im Kasten ist. "Ich fühle mich sicher, bin entspannt und kann darüber nachdenken, was gerade so passiert in meinem Leben."
Die Noten im Hip-Hop-Kurs richten sich nach der Beteiligung am Unterricht. "Ich beurteile sie nicht nach der Qualität ihrer Songs, denn die Schüler beginnen alle auf unterschiedlichen Niveaus", sagt Levy. "Wer sich anstrengt, bekommt eine gute Note." Der Unterricht wirkt sich auch auf die Ergebnisse in anderen Fächern aus: Jeremyah sagt, er schreibe jetzt bessere Essays. In der letzten Englischprüfung habe er das zweitbeste Ergebnis gehabt.
Levy überrascht das nicht. Er hatte selbst große Schwierigkeiten in der Schule: "Ich war Legastheniker, hatte Angst vor Tests, meine Leistungen waren nicht gut." Erst mit 21 Jahren fing er an zu rappen, traute sich, an verschiedenen Open-Mic-Veranstaltungen teilzunehmen. "Die Anerkennung, die ich dort erfuhr, gab mir Selbstvertrauen", sagt er.
Seine akademischen Leistungen verbesserten sich. Er bewarb sich um einen Masterstudienplatz an der Eliteuniversität Columbia - und wurde genommen. Mittlerweile promoviert er dort. Das Thema seiner Doktorarbeit: Hip-Hop im Unterricht. Levy will zeigen, dass die Musik gut ist für die seelische Entwicklung von Jugendlichen.
Gerade bei Schülern, die ethnischen Minderheiten angehören, gebe es einen Mangel an psychologischer Betreuung, sagt Levy. Für sie sei Hip-Hop besonders gut geeignet, weil sie sich mit der Musik identifizierten und diese Teil der Jugendkultur sei. "Hip-Hop ist schon da", sagt Levy. "Ich muss nur einen Raum für die Schüler schaffen, wo sie ihre Erfahrungen verarbeiten können."
Ein Poster von Kendrick Lamar an der Wand - und die Schüler fassen Vertrauen. Ein Mischpult, Kopfhörer und Beats - und sie schauen in sich hinein. Stift, Papier und ein Mikrofon - und sie sprechen über das, was sie umtreibt.
3000 Euro hat die Studioausrüstung gekostet. Finanziert wurde sie zum Teil von der Schule, zum Teil durch Spenden. Die größte Schwierigkeit? Bürokratische Hürden. "Wenn sich einer meiner Schüler daneben benimmt, nimmt die Schulleitung ihn zur Strafe aus dem Hip-Hop-Kurs", sagt Levy. In der Chefetage habe man den Wert der psychologischen Betreuung durch Hip-Hop noch nicht erkannt.