Castor-Protest: Protestler, die in den Bäumen hängen
Castor-Transport Protestler, die in den Bäumen baumeln
Bevor die Polizisten kamen, die Ärzte und Anwälte, genoss Ruben Neugebauer den Morgen. Vögel zwitscherten, Ruben fühlte sich ein bisschen stolz. Es war Montag, der 10. November 2008 - der damals 19-jährige wollte den Castor-Transport blockieren, direkt beim Lager in Gorleben.
Ruben ist Aktionskletterer. Auch an diesem Wochenende, wenn wieder ein Castor nach Gorleben rollt, werden Kletterer versuchen, den Transport zu blockieren. Und auch Ruben will erneut protestieren. Aktionskletterer besteigen Bahnhöfe, die CDU-Zentrale, Atomkraftwerke und lassen Banner herab mit Botschaften: gegen Stuttgart 21, Gen-Essen, Kernenergie.
Aber Aktionskletterer lassen nicht nur Banner herab, sondern auch sich selbst. Wie ist das möglich, wo die Polizei die Strecke doch schon Tage zuvor sichert? Ruben gelang es vor zwei Jahren mit einem Trick: Seine Organisation Robin Wood hatte die Erlaubnis, Protestbanner entlang der Straßen aufzuhängen. Ruben erzählte den Ordnungshütern, er wolle sie wieder abnehmen - und blieb dann einfach oben in zehn Metern Höhe.
Auf ein Zeichen ließ sich Ruben in die Seile fallen
Oben im Baum klingelte auf einmal sein Handy, seine Mutter war dran. Sie hatte in der Zeitung gelesen, dass Leute in den Bäumen hingen und so den Castor blockieren. "Bist du das?", fragte sie. Ruben bejahte. "Ich hab' ihr erklärt, dass alles ok ist." Details ließ er weg.
Zwei Tage baumelte er insgesamt an den Ästen, für Abwechslung sorgten Gespräche mit anderen Kletterern, die wie er aus Protest in den Bäumen rumhingen. Und wenn es sein musste, pinkelte er in eine Flasche.
Dass Ruben einfach mal rumhängt, ist selten. Seit er 14 ist, klettert er, ist aktiv bei Robin Wood und anderen Umweltorganisationen. Er betreut Infostände, geht auf Demos. Zudem saß er vier Jahre im Jugendparlament seiner Stadt, organisierte Jugendfestivals mit 12.000 Besuchern, schreibt an einem Buch mit und hat mit einem Projekt zur Müllverwertung bei "Jugend forscht" einen zweiten Platz belegt. Heute ist er 21 und studiert Chemie.
Mit der Ruhe im Baum war es an jenem Montag irgendwann vorbei. "Die Polizei räumte die Straße frei, damit der Castor ungestört fahren kann", erzählt Ruben. Ein Protestler gab ein Zeichen, dass die Beamten anrückten, Ruben ließ sich fallen und baumelte über dem Asphalt, gehalten von vielen Seilen in seinem Klettergurt. Acht Meter über dem Boden.
Wenn Ruben Pech hat, kommt das SEK
Für Protestierer wie Ruben gibt es spezielle Kletterteams der Polizei. "Sie sind mit den Höhenrettungsteams der Berufsfeuerwehren zu vergleichen und darauf trainiert, Menschen aus der Höhe zu bergen", erklärt Christian Poppendieck, Sprecher der Bundespolizei in Hannover.
Ruben Neugebauer schätzt diese Teams: "Die haben Ahnung." Außerdem respektierten die Polizisten erfahrene Demonstranten wie ihn - "die wissen, jemand wie ich ist nicht gewalttätig". Polizeisprecher Poppendieck bestätigt das: "Kletteraktivisten haben bisher keine unmittelbare Gewalt gegen Polizisten angewandt, und wir setzen auf Kommunikation."
Wenn Ruben bei seinen Aktionen Glück hat, räumt ihn ein solcher Kletterexperte. Hat er Pech, dann kommt das Sondereinsatzkommando (SEK). Die hätten manchmal keine Ahnung. "Ein Freund von mir wurde von denen mal geräumt, und die haben ihn am Materialseil gesichert, das aber hält eigentlich nur fünf Kilo", sagt Ruben. Bei dem Freund ging es gut, das Seil riss nicht.
Udo, dein Freund und Helfer
Beim Castor-Protest vor zwei Jahren kraxelte ein Beamter zu Ruben in den Baum. Er trug eine Gesichtsmaske, blieb aber nicht anonym: Udo, so stellte er sich vor. Ruben hatte Glück: Udo war ein Kletterpolizist. Zunächst musste Udo die Formalia klären und fragte Ruben, ob er freiwillig gehe: "Nö." Ob er Widerstand leisten werde: wieder "Nö". Also löste Udo Ruben von den Seilen und sicherte ihn zugleich, damit sein Schützling nicht fällt. Nebenher quatschten die zwei. Übers Klettern und den Castor. Auch Udo fand Atomkraft schlecht, erinnert sich Ruben.
Eine Stunde dauerte es, dann nahmen ihn unten andere Polizisten in Empfang. Dass sie ihn aufforderten, sich erst einmal hinzusetzen, zeigte Ruben: Die Beamten waren Kletterprofis. "Wenn man lange in so einem Klettergurt war, besteht die Gefahr eines Hängetraumas, weil ja die Adern eingeklemmt waren." Also bitte setzen. Ein Arzt machte einen Check, ein Anwalt passte auf, dass seine Rechte gewahrt bleiben, die Polizei nahm seine Personalien auf und ließ ihn dann gehen.
"Früher wurden schon mal 1500 Leute ein paar Tage in Gewahrsam genommen, aber das ist vorbei", erinnert sich Dieter Magsam. Er ist einer der vielen Anwälte, die während der Castor-Transporte in Gorleben die Bürgerrechte der Protestierer bewachen.
Ermittlungen der Staatsanwalt seien meist aussichtslos: Zwar hielten Blockierer andere auf, aber das Recht zu friedlichen Demonstrationen sei ein wichtiges Grundrecht, keinesfalls verwerflich, also keine Nötigung. Erst wenn die Polizei eine Demonstration auflöse und jemand nicht weggehe, riskiere der ein Bußgeld. Denn das sei eine Ordnungswidrigkeit.
Ein paar Wochen nach der Blockade erhielt Ruben den Bußgeldbescheid. Er schrieb seinen Einspruch selbst, einen Anwalt braucht er nicht. Nach ein paar Monaten bekam er die Mitteilung, das Verfahren werde eingestellt gegen Zahlung von 150 Euro.
Wie er in diesem Jahr protestieren wird, will Ruben nicht verraten. Nicht einmal Mutter weiß das. Vielleicht erfährt sie es wieder aus der Zeitung.