Comeback eines Ladenhüters
Die Statue vor der Bergbaugeräte-Fabrik Eickhoff macht einen trostlosen Eindruck: Der Ruß hat den muskulösen Körper des Kohle-Kumpels in Schwarz gehüllt, der Schlägel in seinen Händen taugt nur noch als Museumsstück.
An die Bergbautradition der 1864 gegründeten Firma soll die Statue erinnern. Doch mittlerweile gleicht sie eher einem Mahnmal für den Niedergang der deutschen Steinkohleförderung, die vor einem halben Jahrhundert noch 600 000 Männer beschäftigte - und heute nicht mal mehr 35 000.
Am Bochumer Firmensitz von Eickhoff herrscht seit einigen Jahren trotzdem wieder Zuversicht. In Halle 4 steht gerade ein Eickhoff SL 500 zur Endmontage. Der Walzenlader kann Monat für Monat eine Million Tonnen Steinkohle fördern und gehört damit zu den stärksten Bergbaumaschinen der Welt. Das gelbe Stahlgehäuse und das Farbdisplay glänzen im Licht der Werksscheinwerfer, eben wurden die Beschriftungen angebracht - auf Chinesisch.
"Der Kohlebergbau boomt wieder", sagt Eickhoff-Geschäftsführer Paul Rheinländer, der die Endmontage inspiziert, "wir haben allein in den letzten drei Jahren 50 Walzenlader nach China verkauft und damit mehr als 20 Millionen Euro Jahresumsatz erzielt."
Die Geschichte der Firma Eickhoff veranschaulicht die dramatischen Veränderungen in der Kohleindustrie, den Niedergang im Ruhrgebiet und den Wiederaufstieg in fernen Ländern.
Noch in den achtziger Jahren beschäftigte die Firma gut 2000 Mitarbeiter und produzierte jede zweite Maschine für den deutschen Markt. Dann brachen die Bestellungen ein, Eickhoff strich mehr als die Hälfte der Stellen.
Doch seit einigen Jahren meldet die Firma wieder Erfolge, die Auftrags-, Gewinn- und Mitarbeiterzahlen steigen. Aus dem Ruhrpott-Familienbetrieb ist in kurzer Zeit ein Unternehmen geworden, das etwa 90 Prozent der Kohlebergbau-Geräte exportiert, vor allem nach China, Australien und Russland.
Noch vor wenigen Jahren galt Kohle als Ladenhüter und Auslaufmodell, als Brennstoff der Old Economy. Sie hatte die Energie geliefert für Industrialisierung, Weltkriege und Wiederaufbau. Doch als Energiequelle für die Zukunft schien sie untauglich, chancenlos im Wettbewerb mit Erdöl und Erdgas, Wind- und Sonnenkraft.
Denn das dunkle Gestein ist ein Klima- und Landschaftskiller. Kohlekraftwerke zur Stromerzeugung pusten viel mehr Kohlendioxid in die Luft als Anlagen, die mit Erdöl oder Erdgas betrieben werden. Wälder, Wiesen und ganze Städte weichen für den Tagebau gespenstischen Mondlandschaften, und wo Kohle unter Tage gefördert wird, senkt sich die Erde. Allein im Ruhrgebiet müssen mehr als 170 Pumpwerke eingesetzt werden, damit sich der Pott nicht mit Wasser füllt und eine Seenlandschaft bildet.
Und so sank auch der Anteil des unbeliebten Brennstoffs am weltweiten Energieverbrauch - von immerhin 31 Prozent 1985 auf gerade noch 24 Prozent im Jahr 2000. Rund um den Erdball wurden Zechen geschlossen.
Doch die Jahrtausendwende geriet unverhofft zur Kohlewende: Der Anteil am Energiekonsum steigt wieder und liegt derzeit bei etwa 28 Prozent. In den stark wachsenden Volkswirtschaften Asiens, vor allem in China und Indien, werde sich der Kohleverbrauch in den kommenden 20 Jahren verdoppeln, prognostiziert die amerikanische Energiebehörde EIA. Auch in den USA und in Brasilien rechnet die Behörde mit einem kräftigen Zuwachs. Drei große stillgelegte Kohlekraftwerke sollen in Südafrika den Betrieb wieder aufnehmen.
"Die Kohle hat Zukunft", sagt Hans-Wilhelm Schiffer, der für die Energiefirma RWE Power die Energiemärkte analysiert. Der Strombedarf werde rund um den Erdball nochmals kräftig steigen, "und dazu wird auch die Kohle einen Beitrag leisten müssen, anders ist der Zuwachs einfach nicht zu bewältigen". Auch die Nachfrage nach Stahl, für dessen Herstellung Steinkohle benötigt wird, klettert weiter in die Höhe.
Um den gewaltigen Bedarf an Energie und Stahl zu stillen, bedienen sich China und Indien eines Rohstoffs, dessen Entstehungsgeschichte vor mehr als 300 Millionen Jahren begann.
Im Karbon-Zeitalter herrschte ein feuchtwarmes Klima, viele der abgestorbenen Pflanzen versanken in Sümpfen und wurden zu Torf. Ablagerungen aus Sand und Kies pressten Wasser aus dem Torf, es entstand Braunkohle und, wo der Druck anhielt, Steinkohle. Je länger der Prozess dauerte, desto geringer wurde der Wassergehalt, desto besser schließlich die Qualität der Kohle.
Die billige Braunkohle wird im Tagebau gefördert und an Ort und Stelle in Kraftwerken zur Stromerzeugung genutzt. Steinkohle liegt dagegen oft Hunderte von Metern in der Tiefe, dank ihres hohen Brennwerts lohnt sich die Verschiffung in ferne Länder, wo sie in Kraftwerken verbrannt oder in Kokereien für die Stahlproduktion aufbereitet werden kann.
Gegenüber den anderen fossilen Brennstoffen Erdöl und Erdgas hat die Kohle entscheidende Vorteile: Ihre Vorräte sind über die ganze Welt verteilt und schier unerschöpflich.
Nach einer Prognos-Studie im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums dauert es bei gleichbleibender Nutzung 1444 Jahre, bis sämtliche Kohle-Ressourcen aufgebraucht wären. Allein die Reserven, die mit heutiger Technik wirtschaftlich genutzt werden können, bieten Energie für 209 Jahre - Erdöl und Erdgas kommen auf gerade mal 60 bis 70 Jahre.
"Die Versorgungssicherheit ist bei Kohle ungleich höher als bei Erdöl und Erdgas", sagt Schiffer. Denn Kohle wird in mehr als 60 Ländern gefördert, gut 40 Prozent der Vorräte liegen in den USA, Australien und den EU-Staaten. Beim Erdöl genügen iranische Drohgebärden, beim Erdgas russisch-ukrainische Querelen, um die Märkte in Aufruhr zu versetzen.
Die Kohlepreise sind dagegen vergleichsweise stabil - und noch immer niedrig. Für Import-Steinkohle bezahlten deutsche Kraftwerksbetreiber im April 2006 lediglich 63 Euro pro Tonne Steinkohleeinheiten. Die Preise für Rohöl und Erdgas lagen dagegen bei 277 respektive 190 Euro.
Der Kohleboom hat das beinahe totgesagte Gestein zur gefragten Handelsware werden lassen. Der Umsatz stieg von etwa 500 Millionen Tonnen im Jahr 2000 auf derzeit mehr als 800 Millionen. Australien und Indonesien stehen an der Spitze der Exportnationen.
In den industrialisierten Exportländern schlossen sich kleinere Anbieter zu Großfirmen zusammen, zugleich gewannen die staatlichen Anbieter in Entwicklungsländern an Bedeutung. Die größten Exportfirmen BHP Billiton, Xstrata und Anglo American bauten ihr Kohlegeschäft aus, eröffneten neue Gruben, kauften Beteiligungen. Auch auf den Terminmärkten wird Kohle so eifrig gehandelt wie nie zuvor.
China, das bedeutendste Förderland, deckt etwa 70 Prozent seines Energiebedarfs mit Kohle. Von den 28 000 registrierten Bergwerken sind mindestens 26 000 Kleinbetriebe. Sie arbeiten mit Fördertechnik, die in Europa im 19. Jahrhundert zum Einsatz kam. Ein mörderisches Gewerbe: Offiziellen Angaben zufolge kommen Jahr für Jahr mehr als 6000 chinesische Kumpel bei Unfällen ums Leben, die tatsächliche Zahl liegt vermutlich doppelt so hoch.
Doch auch in China hält Gruben-Hightech Einzug: Die Huainan-Gruppe will mit dem Essener RAG-Konzern, der Bergbaumaschinen herstellt und die verbliebenen Zechen in Deutschland betreibt, eine langfristige Partnerschaft eingehen. Um den gewaltigen Energiebedarf in der Großregion Shanghai zu decken, plant die Huainan-Gruppe fünf weitere Groß-Bergwerke sowie zwei Steinkohle-Kraftwerke.
Um Bergbau-Technik made in Germany im Einsatz zu begutachten, besuchen die chinesischen Kumpel gern deutsche Kollegen wie Holger Strakerjahn. Im Bergwerk Auguste Victoria/Blumenthal beaufsichtigt der 48-Jährige zwei Abbaureviere mit 190 Mitarbeitern.
Er mag die Chinesen, lernbegierig und anpackend seien die Besucher aus dem Fernen Osten: "Das ist ja nichts für geistige Bimmelbeeren hier", sagt Strakerjahn, während er in 1100 Meter Tiefe durch einen Streb kraxelt, in dem gerade mit einem gewaltigen Hobel Kohlestücke aus dem Flöz gerissen werden.
Die Technik, die Chinesen, aber auch Russen, Iraner und Iraker in Auguste Victoria/Blumenthal besichtigen, ist neuester Stand, schließlich gehören die deutschen Zechen zu den modernsten der Welt: Die Kumpel halten keine Hämmer mehr in den Händen, sondern Mini-Computer mit Barcode-Lesern, damit tauschen sie Daten über das Zechen-eigene W-Lan aus.
Strakerjahn erzählt gern vom technischen Fortschritt, der hier in den vergangenen Jahren Einzug gehalten hat, aber auch von der Kumpel-Romantik und seinem Silbernen Grubenwehr-Ehrenzeichen: "Das einzige ständige Ehrenzeichen, das der Bundespräsident für einen Berufsstand vergibt."
Doch über den Niedergang des deutschen Steinkohle-Bergbaus mag er lieber nicht sprechen.
277 Zechen zählte allein das Ruhrgebiet im Jahre 1860, heute sind es noch acht, wenigstens zwei davon werden in den kommenden Jahren geschlossen. Mit einer jährlichen Fördermenge von weniger als 25 Millionen Tonnen ist Deutschland längst nur noch ein Winzling unter den Steinkohle-Förderländern, die zusammen etwa 5000 Millionen Tonnen pro Jahr schaffen.
Denn Steinkohle ist nur dort günstig zu gewinnen, wo sie nahe der Erdoberfläche liegt - wie in den USA und Australien. Oder wo die Kumpel zu Hungerlöhnen und nicht selten unter Lebensgefahr schuften müssen - wie in China oder Indien.
Deutsche Steinkohle ist deshalb schon seit Jahrzehnten nicht mehr wettbewerbsfähig, die Förderkosten liegen ungefähr zwei- bis dreimal höher als der Preis von Importkohle.
Die Zeche für die deutschen Zechen bezahlt der Staat: Seit Beginn der Kohle-Beihilfen haben die Gruben fast 130 Milliarden Euro Steuergelder verschlungen, bis 2008 werden die Bundesregierung und das Land Nordrhein-Westfalen nochmals fast 7,7 Milliarden Euro überweisen. Auf jeden Kumpel kommen damit jährliche Subventionen in der Höhe von etwa 70 000 Euro.
Über Sinn und Unsinn dieser Beihilfen wird seit den achtziger Jahren gestritten, und mit dem Machtverlust der Kohle-Partei SPD in den Regierungen in Berlin und Düsseldorf sind die Subventionsgegner im Aufwind. "Es macht mich traurig, dass hier alles Schluss sein könnte", sagt Strakerjahn, "die Politiker müssen sich das gut überlegen." Schließlich sei der deutsche Bergbau die beste Versicherung gegen Energiekrisen und Rohstoffknappheit.
Tatsächlich hat der Kohle-Boom auch in den Zechen des Ruhrgebiets Hoffnungen geweckt. 2004 erreichte der Preis für die sogenannte Kokskohle, getrieben vom enormen Stahlhunger Chinas, ein Allzeithoch.
Der Preis beflügelte auch die Phantasie der RAG: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten, so verkündete Vorstandschef Werner Müller vor eineinhalb Jahren, könnte auch in Deutschland, am Ostrand des Ruhrgebiets, wieder eine neue Zeche eröffnet werden. Doch der Rekordpreis erwies sich bald als kurzfristiges Phänomen, die Kokskohle-Preise brachen wieder ein, die nötigen Investoren für die Finanzierung der Zeche konnten bis heute nicht gefunden werden.
"Angesichts der Differenz zwischen den Förderkosten der deutschen Steinkohle und den Preisen für Importware kann die heimische Steinkohle auch künftig nur mit finanzieller Unterstützung durch den Staat einen Beitrag zur Versorgungssicherheit leisten", sagt RWE-Analyst Schiffer.
Umso mehr setzt die Energieindustrie auf den Erhalt des deutschen Braunkohle-Tagebaus, der in vier Revieren im Rheinland und in den neuen Bundesländern zur Stromgewinnung betrieben wird. Immerhin ist Braunkohle in Deutschland, dem bedeutendsten Förderland der Welt, die wichtigste inländische Primärenergiequelle - und eine der wenigen, die ganz ohne Subventionen auskommt.
Um die Kohlendioxid-Emissionen zu verringern, die bei dem braunen Brennstoff so hoch liegen wie bei keinem anderen Energieträger, arbeiten die Kraftwerksbetreiber an umweltschonender Technik. Fernziel: die emissionsfreie Anlage.
Dass hingegen die deutsche Steinkohle subventioniert werden sollte, um die Energieversorgung zu sichern, bezweifeln die meisten unabhängigen Experten. Für das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung etwa gleichen die Kohlebeihilfen einer Versicherung, "deren Prämie höher ist als der Wert des zu versichernden Objekts".
Stattdessen raten Ökonomen wie der Essener Professor Dieter Schmitt, allenfalls einige Jahresvorräte anzulegen, um in Krisenzeiten darauf zurückgreifen zu können, "auf diese Weise könnte Versorgungssicherheit sehr viel günstiger erreicht werden".
China scheint auch in dieser Frage auf deutschen Einfallsreichtum zu setzen. Das Ministerium für Land und Rohstoffe der Volksrepublik verkündete jüngst, man wolle "ausreichende Reserven" an Rohstoffen anlegen.
In den kommenden Jahren sollen riesige Mengen an Metallen wie Kupfer oder Aluminium eingelagert werden, um die nationale Versorgung sicherzustellen. Auch ein ordentliches Kohle-Depot wollen die Chinesen nach Angaben des Ministeriums anlegen: 100 Milliarden Tonnen, das entspräche dem 125fachen des jährlichen Welthandelsvolumens.
Die Gigantomanie der ministerialen Pläne löste bei Experten Skepsis aus. Doch auch wenn die Volksrepublik nur einen Bruchteil davon bunkert - vom Tod der Kohle mag so bald niemand mehr sprechen.