Comic-Power: Rentner rätseln über Mangas - DER SPIEGEL
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Comic-Power Rentner rätseln über Mangas

Raus aus dem Wohnzimmer, rein in die Welt von Pokemon und Dragonball - das Rentner-Kompetenz-Team unterzieht sich einem Manga-Crashkurs. Schuld ist das Jugendmagazin "Spiesser". Die vier Comic-Kundler staunen: "Von hinten nach vorn lesen? Verrückt!"
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Rentner-Kompetenz-Team verlässt diesmal das heimische Wohnzimmer und fährt zur Buchmesse. Stinknormale Bücher wären aber keine Herausforderung für die mutigen Senioren. Deshalb wird es japanisch und bunt. Helga, Werner und Helmut, alle 69, und Maria, 72, wagen sich in die Welt der Mangas.

In der Comic-Halle wuselt es schon gewaltig: die Besucher haben sich als Vampire, Pokemons und andere Comicgestalten verkleidet. Die Rentner sind irritiert. Von Cosplayern haben sie noch nichts gehört. Das soll sich heute ändern: willkommen zum Manga- und Cosplay-Crashkurs.

Werner: Mir ist Manga nur als Begriff bekannt. Das sind doch diese Comics aus Japan?

Genau. Außerdem liest man sie von hinten nach vorn. Vielleicht gleich mal in eins reingucken?

Maria: Wir müssen wirklich hinten anfangen?

Helga: Von hinten nach vorn - verrückt!

Werner: In der Zeitung lese ich auch immer zuerst die letzte Seite.

Helmut: Für unsere Enkel wären diese Mangas was. Die wären hier gar nicht mehr weg zu kriegen, vor allem wenn man das auch am Computer spielen kann.

Werner: Du spielst doch auch oft am Computer, Maria!

Ertappt! Von wegen Zocker seien ausschließlich pubertierende Jungs.

Maria: Stimmt. Ich spiele manchmal stundenlang. Wenn ich mich einmal reingesteigert habe, finde ich kein Ende. Das ist gefährlich!

Die Vier werden unterbrochen, denn es gibt Geschenke: einen Rucksack und ein Kissen in Form von Manga-Monstern. Die Begeisterung ist groß. Maria entscheidet sich für den Rucksack. Steht ihr sehr gut!

Werner: Damit schicke ich dich jetzt immer einkaufen.

Auch Werner und das Monsterkissen kommen sich langsam, aber sicher näher. Es knistert förmlich zwischen den beiden.

Maria: Da brauchst du mich anscheinend nicht mehr im Bett?

Maria muss zukünftig wohl auf dem Sofa übernachten. Helga interessiert sich nicht für derlei Beziehungskisten, sie hat nur Augen für die Cosplayer.

Helga: Hier haben alle so komische Sachen an.

Zwei Mädchen, ein Vampir mit roten Augen und eine mittelalterliche Magd, klären die Rentner auf: Cosplay wird von Costume Play abgeleitet, man verkleidet sich als Manga- oder Fantasiefigur.

Helmut: Ich würde das nicht machen.

Helga: Wir sind doch auch viel zu alt, wir alten Knacker.

Helmut: Ich hätte es auch als Jugendlicher nicht gemacht. Wir waren nicht so weit weg vom Sein. Hier ist ja viel Illusion mit dabei. Wir waren der Wirklichkeit näher.

Maria: Das vergeht auch wieder. Die Jugendlichen denken später bestimmt gern daran zurück. Wir denken doch auch noch gern an unsere Petticoat-Zeit...

Plötzlich biegt ein Cosplayer um die Ecke, dessen Fingernägel einen gefühlten Meter lang sind.

Maria: Guck mal die Finger an!

Helga: Oh Gott. Das sollen Finger sein?

Das Rentner-Kompetenz-Team wäre nicht das Rentner-Kompetenz-Team, wenn es nicht auch ein Kostüm probierte oder zumindest einen Manga-Hut aufsetzte. Maria bekommt ein Modell mit Händen, das einer süßen Figur ähnelt. Modeexperte Werner ist auch gleich mit nützlichen Tipps zur Stelle.

Werner: Du musst den Hut drehen. Das Gesicht von dem Ding muss nach vorne.

Wer Sprüche klopft, muss auch selbst ran. Bittesehr: ein Hutmodell mit Zöpfen.

Helga: Werner, du kriegst Zöpfe.

Werner: Der ist zu klein, da wird mein Denkapparat eingeklemmt!

Nachdem sich bei Werner, Maria, Helga und Helmut langsam aber sicher das Mangafieber breit macht, wird es Zeit für die Königsdisziplin: ein Online-Rollenspiel.

Helmut: Ich nehm' den Betrüger.

Helga: Der heißt doch Beschwörer.

Helmut (enttäuscht): Ach so...

Helga: Der dort, der aussieht wie ein Skelett, das ist der Betrüger.

Helmut: Den nehme ich!

Die in der Nähe sitzenden Jugendlichen beäugen die vier Herrschaften kritisch.

Helmut: Die werden denken: "Wenn die Alten hier spielen, dann gehen wir lieber."

Maria findet sich im Spiel noch nicht so richtig zurecht.

Maria: Wer bedient hier nun wen?

Helmut: Ich bin der Mann und du die Frau.

Die klassische Rollenverteilung eben.

Helmut: Das Monster ist nicht tot zu kriegen. Ich kämpfe und kämpfe. Ohne Erfolg.

Maria: Mit mir geht es zu Ende!

Damit niemand zu Schaden kommt, beenden wir die ganze Sache lieber. Und so verabschieden sich die vier Rentner von den bunten Gestalten in Richtung Realität.

Die "Spiesser-Autorin" Cindy Kunath, 19, hat früher "Sailor Moon" geschaut. Heute liest sie lieber Bücher.

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