"Coole Schule": Die neue Lust am Lernen - DER SPIEGEL
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"Coole Schule" Die neue Lust am Lernen

Sie sitzen abwesend im Unterricht oder kommen gar nicht erst. Viele Jugendliche finden die Schule alles andere als cool. Das Modellprojekt "Coole Schule" will das ändern - mit Rezepten, die nicht nur Schwänzern helfen könnten. Der 13-jährige Marius zum Beispiel geht wieder regelmäßig zur Schule, manchmal sogar gern.
Von Reiner Kramer
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Marius (Name geändert) ist ein typischer Schulverweigerer. "So viermal die Woche" habe er den Unterricht geschwänzt. Seine Eltern sind berufstätig, haben nicht mitbekommen, wenn der 13-Jährige einfach Zuhause geblieben ist. Drei Brüder und eine Schwester hat Marius - "die gehen aber regelmäßig in die Schule". Weil er einige Lehrer nicht gemocht habe, sei er nicht mehr zum Unterricht gegangen, erzählt Marius: "Die haben immer nur rumgeschrien."

2001 haben in Deutschland 12,5 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne Abschluss verlassen. Allein an den Haupt- und Sonderschulen fehlt durchschnittlich jeder fünfte Schüler mehrere Wochenstunden unentschuldigt, wie eine Studie der Bertelsmann- und Hertie-Stiftung belegt. Bundesweit gelten fünf bis zehn Prozent aller Schüler als aktive Schulschwänzer. Der Bundesvorstand des Verbandes Erziehung und Bildung (VBE) mahnt in einer Resolution die Bildungspolitik: "Nur durch rechtzeitiges und entschiedenes Eingreifen können Schulmüdigkeit und Schulverweigerung als gesellschaftliche Sprengsätzen entschärft werden."

Gegen Schulschwänzer setzen die Bundesländer zunehmend auf harte Bandagen, von empfindlichen Strafen für die Eltern bis zu Polizeikontrollen. Im Projekt "Coole Schule" gehen fünf Schulen in Berlin, Freiburg, Frankfurt, Osnabrück und dem thüringischen Sömmerda einen anderen Weg. Die Initiative wird vom Deutschen Verein (DV) für öffentliche und private Fürsorge getragen und von der Deutschen Bank Stiftung unterstützt. Ziel des Modellprojektes ist es, die Schüler wieder in den Regelunterricht zu integrieren.

In den Klassen arbeiten Fachlehrer, Klassenlehrer und zwei Sozialpädagogen Hand in Hand - "so werden die Ressourcen verknüpft", sagt Josef Faltermeier, Projektleiter beim DV. Das passt zu einer Forderung des Deutschen Jugendinstituts in München: Schule und Jugendsozialarbeit müssten enger kooperieren, heißt es in einer empirischen Untersuchung des Instituts über Schulverweigerer.

Die Gründe für die Verweigerung können ganz unterschiedlich sein. Eine wichtige Rolle spielten das "familiäre Umfeld und das schulische Bildungsangebot", so Faltermeier, "die Jugendlichen kommen häufig aus schwierigen familiären Verhältnissen." Über die Hälfte der 46 im Projekt unterrichteten 12- bis 14-Jährigen leben in sozialen Brennpunkten, etwa 20 seien ausländischer Herkunft. Auch das "rigide System Schule" könne die Jugendlichen dazu bringen, den Unterricht zu boykottieren.

"Bezüge zum Alltag herstellen"

"Die kognitiven und die sozialen Kompetenzen" sollen in den coolen Klassen gefördert werden, erläutert Faltermeier weiter. Deshalb gibt es morgens die Lernwerkstatt, die nach dem gemeinsamen Frühstück um halb neun beginnt und bis zum Mittagessen dauert. Geleitet wird der Unterricht von Fachlehrern und Sozialpädagogen. Anstelle des starren 45-Minuten-Taktes wird in Blöcken unterrichtet. Nach dem gemeinsamen Mittagessen übernehmen die Sozialpädagogen die Schüler zur Erfahrungswerkstatt. Konzipiert ist das Angebot für Ganztagsschulen.

An der Haupt- und Realschule in Belm bei Osnabrück unterrichtet Klassenlehrerin Heidrun Ewert seit November 2002 zehn Jugendliche aus unterschiedlichen Klassen. Fächer übergreifend wird der Stoff vermittelt. Mit "schülernahen Oberthemen" will die Pädagogin den Jugendlichen den Frust am Lernen nehmen. "Wir in unserer Umgebung" ist so ein Thema - mit Unterrichtseinheiten zum Gemeinderat, zu Ausbildungsmöglichkeiten in der Nähe oder zur Stadtgeschichte. "Bezüge zum Alltag herstellen" will Ewert, seit 28 Jahren an der Schule. "Indem die Lebenswelt in den Unterricht einbezogen wird, erfahren die Kinder einen Sinn im Lernen", sagt auch Ursula Bylinski, die für den DV das Projekt in Frankfurt betreut.

Die Erfahrungswerkstatt bietet viele praktische Projekte an. So arbeiten die ehemals Schulmüden an der Frankfurter Paul-Hindemith-Schule derzeit an einem Rap-Projekt. Dadurch soll ihnen auch "Respekt, Fremd- und Selbstwahrnehmung" nahe gebracht werden, wie Bettina Long erläutert. Die Sozialpädagogin betreut dort mit ihrer Kollegin Britta Höft und dem Lehrer Peter Stößinger acht Schüler. Mit einer Musikpädagogin produzieren die Schüler die Texte, studieren eine Choreografie ein. Zudem gibt es EDV-Kurse und Sport-Angebote. Ein Zeugnis bekommen die Jugendlichen am Schuljahresende nicht, stattdessen schriftliche Beurteilungen.

Der Schulfrust hat viele Formen

Die vielen verschiedenen Projekte sind es, die Frank (Name geändert) gut findet. Der 13-Jährige hat die Lust am Lernen wieder gefunden. Geschwänzt hat er den Unterricht zwar vorher nicht. "Mitgemacht habe ich aber auch nicht", sagt er, "ich hab' manche Lehrer einfach nicht gemocht."

Sabine Ostendorf kennt dieses Verhalten. "Der Schulfrust kann sich ganz verschieden äußern", sagt die Projektleiterin beim Landkreis Osnabrück, in dem die Haupt- und Realschule Belm beteiligt ist. Manche schalten schlicht ab und verträumen den Unterricht, andere reagieren mit Aggression auf den Schulalltag. Und dann gebe es noch die klassischen Schulschwänzer - wie Marius.

Der 13-Jährige geht nun wieder regelmäßig zur Schule, manchmal sogar gern. "Die Lehrer haben viel mehr Zeit für die Schüler, und man wird nicht so abgelenkt", lobt Marius die "Coole Schule". Gelegentlich, vor allem wenn Mathe auf dem Stundenplan stehe, bleibe er schon noch mal im Bett liegen. "Dann rufen die Lehrer auf meinem Handy und bei meinen Eltern an, und ich muss doch gehen."

Im Sommer 2004 wird das Projekt auslaufen. Für Marius bedeutet das: "Dann werde ich die 9. Klasse wohl qualvoll durchziehen."