Das Zivi-Log Relaxed am Rasenmäher
28. September: Entspanntes Arbeiten?
"Ich wollte ja eigentlich immer ins Ausland. Wenn schon Zivildienst, dann sollte es auch exotisch sein. Leider war das aber zu teuer. So blieb die Wahl zwischen zwei Diensten in meiner Heimatstadt: Helfer beim mobilen Blutspendedienst oder Hausmeister in einer Einrichtung für lernbehinderte Jugendliche.
So bin ich nun Hausmeister. Meine Aufgabe ist einfach: Mädchen für alles. Ich gehe den üblichen Hausmeistertätigkeiten nach - Rasen mähen, putzen, einkaufen.
Vor dem Zivildienst habe ich mir gedacht: Prima, neun Monate entspanntes Arbeiten, und ich kann mir meine Zeit frei einteilen. Körperliche Anstrengung macht mir nichts aus, die Zeit geht bestimmt schnell vorbei. Was ich noch gar nicht im Kopf hatte, waren die Jugendlichen.
Mit behinderten Menschen hatte ich bisher nämlich gar keine Erfahrung. Ich wusste, dass es da verschiedene Krankheiten gibt - Down-Syndrom oder Spasmen zum Beispiel. Doch was die Menschen denken und fühlen, wie sie mit dir reden, davon hatte ich keine Ahnung.
Jetzt gehe ich daher nachmittags immer zu den Jugendlichen. Ich esse oder quatsche dann mit ihnen. Da ist zum Beispiel Sebastian*. Er ist so alt wie ich und hat Muskelschwund im Endstadium. Das heißt, seine Muskeln bilden sich immer weiter zurück.
Sebastian sitzt daher im Rollstuhl und bedient ihn mit einem Steuerknüppel, der auf einer Plexiglasscheibe quer über seinem Schoß montiert ist. Aus eigener Kraft schafft es Sebastian nicht, die Hand zum Steuerknüppel zu heben, deswegen lege ich seinen Arm in die richtige Position. Sebastian erlernt hier im Dorf einen kaufmännischen Beruf und arbeitet daher ständig an einem Laptop mit Kugelmaus.
Nach drei Wochen hier muss ich wahrscheinlich noch viel lernen. Doch eines habe ich schnell gemerkt: Die Jugendlichen hier sind anders, etwas Besonderes. Sie haben nämlich vor allem eines: Lebensmut."
(* Name geändert)
Aufgezeichnet von Marc Röhlig