Deutschlands beste Schulen Sie können auch anders
Die Grundschule Kleine Kielstraße liegt im Norden von Dortmund. In einem so genannten "Problemviertel": Hohe Arbeitslosigkeit, 83 Prozent der Kinder sind Ausländer, fast alle haben einen Migrationshintergrund. Viele wachsen ohne Vater oder Mutter auf. Ein Großteil der Eltern lebt von Arbeitslosengeld. Es gibt hier Kinder, die ohne Frühstück zum Unterricht kommen. Einige tragen noch im Winter Sandalen, etliche sprechen kein Deutsch.
Das könnte ein klassisches Szenario einer Problemschule sein, wie es in der Diskussion über das deutsche Schulsystem immer wieder auftaucht: Schwächere Schüler in sozial schwachen Gegenden werden abgehängt und aller Zukunftsaussichten beraubt, die Atmosphäre beherrschen Gewalt, Desinteresse und bildungsfeindliche Elternhäuser.
Doch die "Kleine Kielstraße" liefert kein Anschauungsmaterial für Gespräche über Problemschulen. Im Gegenteil. "Auch an einem nicht so privilegierten Standort kann man gute Schule verwirklichen", sagt Schulleiterin Gisela Schultebraucks-Burgkart.
Ihre Schule ist der Beweis: Sie wurde am Montag als beste deutsche Schule mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet. 481 Schulen hatten sich um den mit 50.000 Euro dotieren Preis unter dem Motto "Es geht auch anders" beworben, der von der Robert-Bosch-Stiftung mit mehreren Partnern ausgelobt und heute von Bundespräsident Horst Köhler verliehen wurde. Vier weitere Preise mit jeweils 10.000 Euro gingen an vier integrierte Gesamtschulen in Kassel, Braunschweig, Jena und Hamburg. Hier hätten sich "Lehrende und Lernende gemeinsam und erfolgreich auf den Weg gemacht, Bildung für alle zu ermöglichen", sagte Köhler.
Was läuft an diesen Schulen anders, was macht sie so vorbildlich? Sechs Kriterien spielten für die Jury eine Rolle: der Umgang mit Vielfalt, das Schulklima, die Schule als lernende Institution, besondere Leistungen der Schüler, Unterrichtsqualität und Verantwortung des Einzelnen im Schulalltag. SPIEGEL ONLINE stellt die Konzepte der fünf beispielhaften Schulen vor.
Grundschule Kleine Kielstraße Dortmund: Lernen in Projekten und professionelle Elternarbeit
Grundschule Kleine Kielstraße, Dortmund:
Die Schule ist bei allen Kriterien des Schulpreises Spitzenreiter. Es gibt fächerübergreifende Projekte und Unterricht in der Muttersprache, Theaterangebote und Lese-Ecken in jedem Klassenzimmer. Jeder kann sehen, wie hier gearbeitet wird, denn die Klassentür ist immer offen. Am Ende der Woche reflektieren die Kinder in ihrem Lerntagebuch, was sie gelernt haben. Ab der dritten Klasse werden sie nach Jahrgängen aufgeteilt.
Erst wenn sie so weit sind, werden die Schüler in der Kleinen Kielstraße versetzt: Die meisten nach zwei Jahren, einige kommen sogar schon nach einem Jahr in die dritte Klasse. 15 Prozent der Kinder bleiben drei Jahre in der Eingangsstufe. Und auch der Start in die Schule will gut vorbereitet sein: Acht Monate vor der Einschulung werden die zukünftigen Erstklässler eingeladen und getestet. Wer Probleme beim Sprechen, Zählen oder mit der Motorik hat, wird extra gefördert.
Auch bei der Elternarbeit leistet die Kieler Straße mehr als andere Schulen. Jeden Tag hat das Elterncafé geöffnet. Dort bekommen Mütter nicht nur Kaffee, sondern Computer-, Alphabetisierungs- und Sprachkurse und auch eine Schuldnerberatung. "Hier wird pädagogische Leidenschaft mit professionellem Können und modernem Qualitätsmanagement verbunden" heißt es im Jury-Urteil des Deutschen Schulpreises.
Gesamtschule Franzsches Feld in Braunschweig: Jedes Kind schafft den Abschluss
Gesamtschule Franzsches Feld, Braunschweig:
Jedes Kind erwirbt hier einen Abschluss, während in Niedersachsen sieben Prozent der Schüler die Schule abbrechen. Dabei besuchen auch behinderte Kinder die Schule, die von der fünften Klasse bis zum Abitur führt. Kinder mit Hauptschulempfehlung sitzen neben Kindern mit Gymnasialempfehlung.
Zusammenarbeit wird groß geschrieben, Teamgeist wird nicht nur erwartet, sondern Tag für Tag trainiert - etwa mit gemeinsamen Spielen oder in Gruppen zu lösenden Aufgaben. Dabei sollen schon Fünftklässler lernen, sich selbst einzuschätzen, denn jedes Kind soll ein Gefühl für die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Statt Noten gibt es bis Klasse neun ausführliche Lernberichte der Lehrer, die die Schüler durch eigene Kommentare ergänzen. Die Schulpreis-Jury urteilte: "Es wird dafür Sorge getragen, dass kein Schüler verloren geht und dass nicht über die Herkunft über die Zukunft entschieden wird."
Max-Brauer-Schule Hamburg: Keine Fächer, keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten, keine Zensuren
Max-Brauer-Schule, Hamburg:
An der Max-Brauer-Schule lernen die Grundschüler seit 20 Jahren in einem ihnen gemäßen Lerntempo. Ab der fünften Klasse gibt es keine Einteilung in Fächer mehr, keine Hausaufgaben, keine Klassenarbeiten und keine Zensuren. Was die Schüler in Deutsch, Mathe oder Englisch lernen, entscheiden sie selbst,
Dazu stellen die Lehrer ihren Schülern Wochenpläne auf und besprechen mit ihnen im "Lernbüro", woran sie heute arbeiten wollen. Fortschritte werden auf "Kompetenzrastern" festgehalten, die auf den Lehrplänen für Mathe, Deutsch und Englisch basieren. Auf den Zetteln, die am Platz eines jeden Schülers hängen, ist im Detail beschrieben, was er im Laufe eines Schuljahres lernen soll.
Für die älteren Schüler wurde die Profiloberstufe eingeführt. Die Schüler wählen nicht mehr einzelne Kurse, sondern Fächerpakete, etwa "Sprache und Kultur". Das Urteil der Jury: "Die Schule lebt und webt in einem Netz von Herkunftskulturen, Lernorten und Kooperationsbeziehungen. Selbst schwierige Schüler werden hier mit individuellem Lerntempo zum Erfolg geführt."
Jenaplan-Schule Jena: Fliegende Klassenzimmer ohne Frontalunterricht und Pausenglocken
Jenaplan-Schule, Jena:
Die Jenaplan-Schule besteht aus fliegenden Klassenzimmern. Überall darf gearbeitet werden - auf dem Flur, im Treppenhaus, in der Bibliothek, im Schülercafé, auf dem Schulhof. Selbst das Lehrerzimmer ist nicht tabu. 45-Minuten-Einheiten, Frontalunterricht und Pausenglocken gibt es hier nicht, Noten erst ab Klasse sieben. Das erfordert ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Disziplin, die von klein auf geübt werden.
In Jena arbeiten Schüler verschiedener Altersstufen zusammen, immer drei Klassenstufen gemeinsam. Dabei werden ältere Schüler zu Helfern der Jüngeren. "Wenn Kinder sich gegenseitig helfen, gibt es keine Besten und Schlechtesten", erklärt Schulleiterin Gisela John.
Der Lehrer wirke dabei als Regisseur. Er schaffe Situationen, in denen das Kind selbstständig arbeiten kann, habe aber auch Zeit zu erkennen, welches Kind Hilfe braucht. Die Schulpreis-Jury lobte, dass in diesem Fall "eine staatliche Schule den staatlichen Lehrplan zerlegt und als schuleigenen Lernplan neu zusammengesetzt" habe.
Offene Schule Kassel-Waldau: Intime Lernatmosphäre und Hausbesuche bei den Eltern
Offene Schule Kassel-Waldau:
Auch Waldau ist ein Problemviertel, eine Plattenbausiedlung mit vielen Sozialfällen und den Bewohnern und fünfzig Prozent Migranten. Doch die Gesamtschule Offene Schule kann sich vor Bewerbungen aus anderen Stadtteilen kaum retten, viele davon mit Gymnasialempfehlung.
Hier werden über tausend Kinder in sechs Einheiten von zwölf Lehrern unterrichtet. 150 Kinder jeder Leistungsstufe lernen von Klasse fünf bis Klasse zehn ohne Unterbrechung gemeinsam. Jede der sechs "Minischulen" hat ein eigenes Lehrerzimmer, alle Lehrer kennen alle Kinder ihres Jahrgangs. Das sorgt für Kontinuität bei Schülern und Lehrern.
Kurz nach der Einschulung liefern Hausbesuche der Klassenlehrer bei jedem Kind wertvolle Einblicke. Die Eltern müssen sich vertraglich verpflichten, ihre Kinder beim Lernen zu unterstützen. Jedes halbes Jahr treffen sich die Lehrer mit Eltern und Kind zum Erziehungsgespräch und besprechen die Fortschritte. Die Mischung aus Konsequenz und Kümmern zeigt Erfolg: 70 Prozent aller Schüler der Offenen Schule Kassel-Waldau schaffen den Sprung auf eine weiterführende Schule.
cpa