Die Todesbarke - DER SPIEGEL
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Die Todesbarke

Mindestens 85 Afrikaner haben sich vor Wochen in Somalia aufgemacht, ihr Glück in Europa zu suchen. Am 19. Oktober sind sie angekommen: auf der italienischen Insel Lampedusa. 15 von ihnen haben überlebt. Von Fiona Ehlers
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sie haben sie ausgeflogen in Helikoptern, von der Insel Lampedusa ins Krankenhaus von Palermo, Abteilung Rianimazione, Wiederbelebung.

Sie haben ihre abgemagerten Körper an Apparate angeschlossen, Kanülen in ihre Arme gesteckt, Sauerstoffmasken über ihre eingefallenen Gesichter mit den schreckgeweiteten Augen gezogen.

Sie haben ihre Krankenbetten in einen großen Saal geschoben, einander gegenüber, damit sie beim Aufwachen aus Erschöpfungsschlaf und Koma nicht allein sind. Haben ihnen Nummern gegeben, von 1 bis 9, ihre angeblichen Namen darunter geschrieben und über die Kopfenden der Betten gehängt.

Sie haben alles getan, die Ärzte in Palermo, damit neun Menschen, die kaum noch aussahen, als wären sie welche, überleben: Nummer 3, genannt Shara, ungefähr 20 Jahre alt, die auf dem Flüchtlingsboot unter Leichen lag und die keiner mehr für lebendig hielt.

Nummer 4, genannt Fatima, 31 Jahre alt, aus der Nähe von Mogadischu, Somalia, die ein Scheidungsdokument nach islamischem Recht bei sich führte und ein kleines schwarzes Notizbuch, in das sie sorgfältig italienische Handy-Nummern eingetragen hatte - ihre Kontakte für die Zeit nach der Flucht.

Nummer 9, genannt Mohammed, aus Eritrea, 31 Jahre alt, der aussieht, als wäre er 18, zart und zerbrechlich.

Ihre Körper liegen hier, aber in ihren Fieberträumen sind sie noch nicht angekommen. Immer wieder schrecken die Flüchtlinge hoch, rufen arabische Wörter: "Markab", Boot. "Maut", Tod. "Bahr", Meer.

Noch scheint es, als trieben sie auf hoher See als Strandgut, das niemand haben will. Irgendwo zwischen ihrer afrikanischen Heimat und ihrem Neuanfang in der Festung Europa. Auf einem Holzboot irgendwo im Mittelmeer, auf dem sie zusehen mussten, wie ihre Kinder, ihre Männer und Frauen, Brüder, Schwestern, Freunde verdursteten, verhungerten und erfroren. Die Toten mussten sie dem Meer übergeben - damit das Boot leichter wurde und sie Platz hatten zum Überleben.

Nummer 1 bis 9. Sieben Männer, zwei Frauen, keine Kinder. Sechs weitere Flüchtlinge haben ebenfalls überlebt. Sie brauchen kein Krankenhaus, sie sind in einem Auffanglager untergebracht auf Lampedusa.

Am Anfang ihrer Odyssee waren sie 85, wahrscheinlich sogar 100.

Die letzte Etappe ihrer Odyssee begann, so sagen es die Überlebenden, am 3. Oktober.

Die meisten von ihnen stammen aus Somalia. Schlepperbanden hatten sie aus der Gegend um Mogadischu in Kleinbussen durch die Sahara über Äthiopien, Sudan, nach Libyen kutschiert. Dort hatten sie tagelang gewartet, wahrscheinlich versteckt in Barackensiedlungen. Bis die Schlepper sagten, nun sei es so weit.

An der Küste von Libyen, im Grenzgebiet zu Tunesien, gingen die Flüchtlinge, unter ihnen 13 Frauen und 7 Kinder, an Bord des grünblau gestreiften Holzbootes, zehn Meter lang, zwei Meter breit. 20 Quadratmeter für mindestens 85 Menschen. An Deck hatten sie ein Sonnendach aus Jutesäcken gebaut.

Mohammed sagt, er habe 800 Dollar bezahlt für den Platz auf dem Kahn, der ihn in sein neues Leben bringen sollte. Zwei, maximal drei Tage würde es dauern, hatten sie ihnen gesagt. Kurs Nordwest, dann stoßt ihr geradewegs auf Lampedusa, südlichster Fleck Europas, auf halbem Weg zwischen Tripolis und Palermo, 80 Seemeilen nördlich von Tunesien. Hier habt ihr Wasser für zwei Tage, hier habt ihr Brot.

Am zweiten Tag auf See begann der Motor zu stottern. Der Tank leckte, Öl und Benzin flossen ins Meer. Die Männer an Bord versuchten, das Boot wieder in Gang zu kriegen. Vergebens.

Am dritten Tag wurde der Wind stärker, es regnete, die Wellen schwappten über Bord. Sie trieben ostwärts, Richtung Malta. Dann drehte der Wind und blies das überladene Boot im Kreis herum. Bald hatten sie kein Wasser mehr und kein Brot.

Wohl am fünften Tag starben die ersten Passagiere. Kinder, sie waren 6 bis 15 Jahre alt, dann die Frauen. Ihre Angehörigen warfen sie ins Meer.

Der Sturm wurde stärker, sie zitterten vor Kälte, vor Hunger, vor Durst. Sie hörten auf, die Tage zu zählen. Und die Toten.

Irgendwann kam die Lethargie. Irgendwann muss Fatima ihr Telefonbuch mit den Kontakten nach Italien vergessen und nur noch aufs stürmische Meer gestarrt haben.

Irgendwann muss Shara ohnmächtig geworden sein. Zusammengesackt auf den anderen, die zu schwach waren, sich noch zu bewegen, oder schon tot.

Irgendwann muss Mohammed drei seiner Freunde über Bord geworfen haben. Wenn er sich erinnert im Krankenhaus in Palermo, versagt ihm die Stimme, er versteckt sein Gesicht unter der Bettdecke.

Am Sonntag, 19. Oktober, mehr als zwei Wochen nach Beginn der Odyssee, sichtete der Fischkutter "Sant' Anna" aus Lampedusa ein umhertreibendes Boot, 53 Seemeilen südlich der Insel. Michele Niosi, Chef der Hafenkommandatur von Lampedusa, schickte ein Schiff. Auf dem Boot zählten seine Männer 28 Menschen. 14 lebten, 14 schienen tot zu sein. Die leichenstarren Körper lagen über das Deck verstreut.

In der Mole von Lampedusa hielten sie Ambulanzen bereit und Leichensäcke. Bis Niosi und seine Männer sahen, wie ein Körper versteckt unter den Leichen mit dem Finger zuckte.

Sie strichen die Nummer von der Liste der Toten und schrieben sie auf die mit den Lebendigen. Es war Shara, die Nummer 3, sie atmete.

Mit dem Helikopter flogen sie Shara nach Palermo, ihr Zustand war kritisch, dann die restlichen acht.

Noch in der Nacht fuhr Claudio Scalia, Leiter des Aufnahmelagers von Lampedusa, an die Mole, um die sechs übrigen Flüchtlinge in Empfang zu nehmen, damit man sie im Lager registiert, versorgt mit Wasser, Essen, Telefonkarten und dann ins Abschiebelager nach Kalabrien und Apulien bringt. Dort bekommen Flüchtlinge eine Aufenthaltsgenehmigung für 60 Tage, danach müssen sie Italien verlassen. Die meisten bleiben - im Untergrund.

Was Scalia auf dem namenlosen Boot sah, erschüttert ihn bis heute. Er reichte den Flüchtlingen Brot und Wasser auf den Kahn, sie waren zu schwach, um ihre Arme zu heben. Als man sie fütterte, erbrachen sie sich.

Die 13 Toten legten sie in hölzerne Särge auf den Friedhof in Lampedusa, sie mussten erst Nachschub vom Festland ordern. Am Dienstag sagte der Bürgermeister von Lampedusa: Wir schaffen das nicht allein.

Die Nachricht und die ersten Fotos von den Toten auf dem Kahn erschütterten Italien und die Weltöffentlichkeit. Flüchtlinge auf Lampedusa gibt es fast täglich, nun aber, nach 13 Toten, regte sich das Land: Von Sizilien aus schifften die italienischen TV-Sender ihre Übertragungswagen ein.

Die Journalisten machten ihre Aufsager vor der Mole am Hafen, im Hintergrund der Kahn, den sie "barca della morte", Todesbarke, nannten. Sie interviewten die Delegation vom Flüchtlingshilfswerk der Uno, die eiligst zur Insel geflogen war, um Geld und Hilfsgüter zu versprechen.

Am Dienstagmorgen und am Mittwochabend zogen die Männer vom Hafenkommando zwei weitere Flüchtlingsboote ins Hafenbecken. Mittlerweile standen dort doppelt so viele Helfer wie Flüchtlinge - die Welt schaute zu.

Am Freitag wurden die 13 Särge beigesetzt, in Rom, der Hauptstadt.

Derweil erholten sich die Flüchtlinge im Krankenhaus von Palermo nur langsam. Während Berlusconi in Straßburg über Flüchtlingspolitik und die Verantwortung von ganz Europa sprach, stammelten sie weiterhin vom Tod, vom Boot und vom Wasser.

Mohammed flüstert das Wort Glück. Der Arzt sagt, seine Nieren seien kaputt. Mohammed sagt, er will weiter, aber er weiß nicht, wohin. Die Schwester seines Bettnachbarn aus Eritrea ist aus Mailand gekommen, seit Jahren hatte sie auf ihren Bruder gewartet, dann zeigten sie sein Gesicht im Fernsehen.

Fatima wälzt sich im Bett. Bald werden sie ihr das Telefonbuch wiedergeben. Vielleicht werden sie darin auf eine Spur der Schlepperbande gestoßen sein. Ändern wird das nichts.

Shara, die Frau, die begraben war unter den Leichen, ist jetzt außer Lebensgefahr. Noch liegt sie im Koma, mit aufgerissenen Augen starrt sie an die Decke.