Tod von Martin Goldstein: Der Mann, der Dr. Sommer war
"Bravo"-Aufklärer Goldstein Dr. Sommer ist tot
Er bekam 3000 bis 5000 Briefe pro Monat; klar, dass es nur ein Bruchteil in die "Bravo" schaffte: Dort beantwortete Martin Goldstein unter dem Pseudonym Dr. Sommer die Fragen der pubertierenden Leser zu Liebe, Sex und Zärtlichkeit, 15 Jahre lang, von 1969 bis 1984.
Jetzt ist der bekannte Sexualaufklärer, Autor, Psychotherapeut und Religionslehrer tot, er starb in der Nacht zu Freitag, wie seine Familie mitteilte. Er wurde 85 Jahre alt. Goldstein starb den Angaben zufolge nach langer schwerer Krankheit in einem Düsseldorfer Hospiz im Beisein seiner drei Kinder und seiner Lebensgefährtin.
Es war 1969, als der damalige "Bravo"-Chefredakteur anrief, weil er Goldsteins Aufklärungsbuch "Anders als bei Schmetterlingen" gelesen hatte. Bis dato war in dem Heft kaltes Duschen gegen Onanie empfohlen worden. Goldstein sollte diese Rubrik übernehmen und modernisieren. Er willigte ein: "Ich wollte die Jugendlichen direkt erreichen."
Der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" sagte Goldstein in einem seiner letzten Interviews im Jahr 2009, dass es ihm wichtig gewesen sei, die Fragen der Jugendlichen ernst zu nehmen. Man müsse sich genau überlegen, was in den Fragenden vorgegangen sei. Ein guter Dr. Sommer mache Mut zu kleinen Schritten. Einem schüchternen Mädchen, das sich nicht traute, ihren Schwarm anzusprechen, riet er etwa: Schreib dem Jungen täglich Liebesbriefe, schick sie aber nicht ab - und warte ab, ob die Gefühle bleiben. Er selbst, sagte er der Zeitung, habe nie mit dem Ansturm gerechnet und sei von den vielen Tausend Briefen überrascht gewesen.
"Reife berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane"
Sexualität war damals noch ein Tabu und die Teenager blieben mit ihren ganz konkreten, praktischen Fragen oft allein. Wegen der großen Nachfrage musste ein ganzes Team eingestellt werden, um sie nach Goldsteins Vorgaben zu beantworten.
Zweimal stand die "Bravo" 1972 wegen Dr. Sommer auf dem Index. Als Goldstein die Selbstbefriedigung enttabuisierte, befanden die staatlichen Jugendschützer: "Die Geschlechtsreife allein berechtigt noch nicht zur Inbetriebnahme der Geschlechtsorgane."
Dabei hatte der Junge, der später Dr. Sommer werden sollte, selbst keine richtige Jugend. Wegen seines jüdischen Vaters wurde er von den Nationalsozialisten verfolgt. Der Vater wurde ins KZ verschleppt, die evangelische Mutter schaffte es, Martin aus einem Zwangsarbeiterlager in Sachsen zu holen. In einem Versteck im Wald bei Bielefeld überlebte er: "Ich hatte Angst vor der Gestapo, nicht vor dem Geschlechtsverkehr", sagte er viel später. Goldstein brauchte 50 Jahre, um über diese Erlebnisse sprechen zu können.
Er wurde zum Aufklärer der Jugend, ohne selbst je aufgeklärt worden zu sein. "Mit 23 Jahren hatte ich das erste Mal näheren Kontakt zu einer Frau", erzählte er - im Präparierkurs an der Universität. "Sie hatte keinen Kopf und schwamm in einer giftigen Lauge." Goldstein studierte damals Medizin.
Danach wurde Goldstein aber nicht Arzt, sondern Leiter einer evangelischen Anlaufstelle für Jugendliche in Düsseldorf. Die Tabus, die seine eigene Pubertät zur Qual gemacht hatten, waren allgegenwärtig. Goldstein hatte das Thema seines Lebens gefunden.
Ab 1975 war Goldstein ärztlicher Psychotherapeut in der eigenen Praxis in Düsseldorf. Die letzten 15 Jahre seiner Praxis arbeitete er fast nur noch mit männlichen Klienten. 2000 ging er in den Ruhestand. Goldstein war Mitbegründer des "Männerhauses Hilden". Sein letztes Buch "Teenagerliebe" erschien 2009. Goldstein lebte zuletzt mit seiner Lebensgefährtin in einer Wohngemeinschaft in Kaarst bei Düsseldorf.