E-Mail aus Nepal Buddha im Schrebergarten
"Das Leben ist schwierig" lautet eine der fundamentalen Weisheiten des Buddhismus. Besonders wahr ist das, wenn die Tage vor den nepalischen Winterferien mühsam mit dem Korrigieren von Klassenarbeiten vergehen. Ich lamentiere wie ein alter Lehrer darüber. Außerdem geht mit dem Schuljahr auch meine Zeit in Monjo zu Ende.
Ich zögere nicht lange, als sich doch noch eine kurze Auszeit ergibt, in der ich für ein paar Tage der Monotonie der Abschlussarbeiten entgehen kann. Ich möchte noch einmal die Berge bewundern und einige buddhistische Klöster besuchen. Vielleicht komme ich der buddhistischen Religion ein wenig näher oder finde meinen persönlichen Buddha. Ich hätte da so einige Fragen an ihn.
Kai im Himalaja: Drachentanz im Kloster
Die erste Station auf meiner Erkundungsreise ist das Kloster in Monjo. Bei meiner Ankunft wird gerade ein traditioneller Drachentanz einstudiert. Die Mönchsschüler überzeugen mich, am Spektakel teilzunehmen. Ich setze mir also auch eine Drachenmaske auf und tanze zum Schlag einer Trommel, die man wahrscheinlich bis ins Nachbardorf hören kann.
Sind unverheiratete Mönche ausgeglichener?
Am gleichen Tag erreiche ich nach einer langen Wanderung Thame. Dort steht eines der ältesten Klöster Nepals, es ist 350 Jahre alt. Es beherbergt sowohl Mönche des Rotmützenordens als auch des Ordens der Gelbmützen. Auf den ersten Blick kann ich zwischen den beiden keine großen Unterschiede feststellen. Als mir aber erzählt wird, dass die Rotmützen im Gegensatz zu den Gelbmützen heiraten dürfen, meine ich bei den Gelbmützen eine gewisse Ausgeglichenheit zu bemerken, die den Rotmützen fehlt. Oder projiziere ich da meine Vorurteile?
Die Nacht in Thame verbringe ich in der Everest Summiteer Lodge. Ein passender Name für die Herberge des 15-maligen Everestbezwingers Apa Sherpa. Wohin er auch kommt, wird Apa Sherpa als Nationalheld gefeiert. Trifft man ihn bei sich zu Hause, ist er überraschend zurückhaltend und bescheiden.
Seine Frau ist einen guten Kopf größer als er, und es wird schnell klar, dass sie auch die Hosen anhat. In unserem Gespräch erklärt Apa: "Wenn Muttern nicht glücklich ist, ist keiner glücklich!" Trotzdem konnte sie ihren Mann bisher nicht davon überzeugen, die Eisaxt an den Nagel zu hängen. Ob Apa Sherpa auch dieses Jahr gegen den Willen seiner Frau loszieht und im Frühjahr zum 16. Mal den höchsten Berg der Welt besteigt?
Meditationsräume in Felsen gehauen
Zwei weitere Klöster besuche ich in den darauf folgenden zwei Tagen: Tengboche ist das mit Abstand berühmteste Kloster der Region. Über 100 Mönche wohnen, meditieren und beten hier. Etwa 40 davon sind noch Schüler, die meist aus armen Familien kommen. Es ist so voll, dass ich mir nicht vorstellen kann, wo die Mönchsschüler einen ruhigen Platz zum Meditieren finden sollen. Außerdem besuche ich den kleinen Tempel "Laudo Gompa" - ein Ort der Meditation und Gebete. Beide liegen in etwa 4000 Meter Höhe.
Dort angekommen empfängt mich ein kleiner freundlicher Mönch mit einem runden Bauch. Ungefragt führt er mich in die Küche, wo er mir Tee und Kartoffeln serviert. Erst nach drei Tellern Kartoffeln und einer großen Portion Nudeln ist er zufrieden mit meinem Mahl. Im Anschluss zeigt mir der lächelnde Mönch die Stupa, den buddhistischer Gebetsraum, und auch einen in den Felsen gehauenen Meditationsraum.
Der Ort strahlt eine tiefe Ruhe aus, die mich ein bisschen an den Schrebergarten meiner Grosseltern erinnert. Ich fühle mich im Einklang mit mir selbst. Ich stelle dem Mönch die Frage, die mir schon seit Tagen auf der Zunge brennt: "Wie finde ich Buddha?", frage ich. Der Mönch sagt: "Jeder kann die Erleuchtung finden und zu Buddha werden", wendet sich wieder in die Küche und setzt einen neuen Tee auf.
Von Kai Wichmann