E-Mail aus Nepal: Schals satt - DER SPIEGEL
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E-Mail aus Nepal Schals satt

An seinem letzten Tag im Himalaja überhäufen die nepalesischen Schüler ihren Hilfslehrer Kai Wichmann, 20, mit Geschenken. Dabei hatten alle in etwa die gleiche Idee: An Gebetsschals hat Kai nun für die nächsten Jahre genug.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit einem dicken Kloß im Hals spreche ich meine Abschiedsworte. Gut vier Monate lang habe ich im Hochgebirge Nepals Englisch und Deutsch an einer kleinen Schule unterrichtet. Der heilige Berg Khumbila war mein Schutzpatron, der Fluss Dudh Kosi wiegte mich in den Schlaf. In diesem Zuhause wurde ich stets mit einem breiten Lächeln und einem freundlichen "Namaste" begrüßt. All das wird mir schrecklich fehlen, denke ich, als ich am Tag vor den Ferien ein letztes Mal vor meine Schulklasse trete.


Lehrer, Eltern und Schüler sitzen im Versammlungsraum der Schule auf Stühlen und auf dem Boden. Ich erhalte einen Ehrenplatz in der Mitte. Eine Schülerin aus der zweiten Klasse lächelt mich verschmitzt an: Bis vor einigen Tagen haben wir uns noch regelmäßig gezofft. Ihre Mitschülerin Phurba hingegen dreht sich beschämt weg, als ich zu ihr hinüberblicke. Sie möchte nicht, dass ich sie traurig sehe.

Unter den Schülern sehe ich auch Sher Bahadur. Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass Sher die Schule verlassen muss, wenn sich kein Sponsor für ihn findet. Seine Eltern leben mit seinen fünf Geschwistern in einem kleinen Dorf, drei Tagesmärsche von der Schule entfernt. Onkel und Tante hatten ihn in Monjo aufgenommen, aber schnell das Interesse verloren. Die Krankenschwester, bei der Sher anschließend wohnen durfte, zieht nun zurück zu ihrem Mann.

Eine gute Tat zum Abschied

Sher bemüht sich zu lächeln. Am Tag zuvor war ich noch zu Besuch bei der Krankenschwester. Ich habe ihr versprochen, den Jungen zu unterstützen. Er weiß nicht, was das für ihn bedeutet, und ich weiß es auch nicht so genau. Sher soll zukünftig mit dem jungen Englischlehrer Khem zusammenwohnen, zusätzlichen Unterricht bekommen und sich ganz auf die Schule konzentrieren können.

Ich sage meinen versammelten Schülern, wie gut mir die Zeit bei ihnen gefallen hat, dass auch ich viel gelernt habe und dass ich sie vermissen werde. Dann setze ich mich wieder an meinen Platz. Ein Drittklässler in der ersten Reihe kramt in seiner Tasche: Er hat eine Kata für mich dabei, einen fein gewebten, gelblichen Gebetsschal, und hängt ihn mir über. Ein weiterer Schüler holt eine Kata hervor und kommt zu mir nach vorn. Nun suchen alle Schüler in ihren Schultaschen. Fast jeder hat mir einen Gebetsschal mitgebraucht, und nach zehn Minuten kann ich unter dem Berg von Katas kaum noch etwas sehen.

Ich schultere meinen Rucksack, die gelben Schals flattern im Wind. Ich muss noch am gleichen Tag die nächste Stadt erreichen, um am darauffolgenden Morgen nach Katmandu zu fliegen. Mein letzter Blick zurück geht zum Berg Khumbila. Dort soll der Landesgott des Khumbus wohnen. Bestimmt lächelt Khumbu'i Yul-Lha jetzt zurück.

Von Kai Wichmann